Der Bahnhof Zürich Letten: Wo früher Züge fuhren, liegen heute Badegäste
1894 eröffnet, 1989 stillgelegt, danach Schauplatz der offenen Drogenszene: 34 Fotos zeigen, wie der Bahnhof an der Limmat aussah und was heute von ihm übrig ist.


Lage: Wasserwerkstrasse 93, Zürich-Wipkingen. Status: stillgelegt, Gebäude denkmalgeschützt und umgenutzt. Heute: Redaktion eines Reisemagazins, die Trasse ist ein Fuß- und Veloweg.
Wer heute am Oberen Letten in Zürich sitzt, sieht die Limmat, eine Wiese und ein altes Haus mit einem langen Vordach.
Dass dieses Haus ein Bahnhof war, merkt man erst auf den zweiten Blick.
Das Vordach gehörte zum Bahnsteig, und der breite Weg davor ist die alte Bahntrasse.
Bis zum 27. Mai 1989 fuhren hier die Züge vom Zürcher Hauptbahnhof an den Zürichsee, durch einen 2.093 Meter langen Tunnel quer unter der Stadt hindurch.
Danach wurde der Bahnhof nicht mehr gebraucht, und drei Jahre später erlangte das Areal traurige Berühmtheit als Zentrum der Zürcher Drogenszene.
Heute ist davon fast nichts mehr zu sehen, und genau deshalb lohnt sich der Vergleich von vorher und nachher.
Die Fotos in diesem Beitrag reichen vom Viaduktbau im Jahr 1892 bis ins Jahr 2021.
Warum hier überhaupt ein Bahnhof entstand
Der Bahnhof Letten verdankt seine Existenz einem Umweg.
Die rechtsufrige Zürichseebahn sollte ursprünglich anders in die Stadt kommen, nämlich durch einen Zürichbergtunnel, der beim Bahnhof Stadelhofen begann.
Der Bau geriet jedoch in eine Zwangspause und ging erst ab dem Frühling 1889 weiter.
In dieser Zeit waren auf der früher vorgesehenen Trasse nahe dem Hauptbahnhof Häuser gebaut worden.
Dazu wehrte sich ein Hausbesitzer vor dem Bundesgericht erfolgreich dagegen, dass der Tunnel unter seinem Keller hindurchführen sollte.
Den Bahnbauern blieb deshalb nur eine andere Lösung: ein neuer Tunnel von Stadelhofen zum Letten und von dort eine Schlaufe zurück in den Hauptbahnhof.
Die schon ausgebrochenen 88,8 Meter des ersten Tunnels dienten danach bis Ende der 1980er-Jahre einer Weinfirma als Lager.
Der Umweg war beachtlich, denn Hauptbahnhof und Stadelhofen liegen nur 1,5 Kilometer auseinander, die Strecke über Letten maß aber rund 5 Kilometer.
Der Abschnitt von Stadelhofen nach Rapperswil ging im März 1894 in Betrieb, die durchgehende Verbindung zum Hauptbahnhof folgte erst am 1. Oktober 1894.
Der Name Letten ist älter als die Bahn und kommt vom mundartlichen Wort für Lehm und Tonerde.

Der Bau: zwei Viadukte Seite an Seite
Für die Schlaufe brauchte die Schweizerische Nordostbahn eine lange Brücke quer durch das Industriequartier.
Von 1891 bis 1894 entstand deshalb unter der Leitung von Oberingenieur Robert Moser der Aussersihler Viadukt.
Eigentlich sind es zwei Brücken, die am 18. August 1894 eröffnet wurden.
Der höhere Wipkinger Viadukt trägt bis heute Züge nach Oerlikon, der niedrigere Lettenviadukt führte zum Bahnhof Letten.
Mit 834 Metern war der Wipkinger Viadukt beim Bau das längste Brückenbauwerk der Schweiz, der Lettenviadukt liegt mit 823 Metern knapp dahinter.
Gebaut sind beide aus behauenem Naturstein, und die meisten Öffnungen sind gemauerte Bögen.
Der Lettenviadukt hat zwei Öffnungen weniger als sein Nachbar, dafür mit 24,46 Metern eine etwas größere Spannweite.
Hinter dem Viadukt überquerte die Bahn auf einer Fachwerkbrücke die Limmat und erreichte die Station.

Direkt neben der Baustelle arbeitete schon ein anderes Stück Technikgeschichte.
Das Kraftwerk Letten von 1878 war eines der ersten Wasserkraftwerke der Schweiz.
Es schickte mechanische Kraft über eine 1,2 Kilometer lange Drahtseil-Transmission ins Industriequartier auf der anderen Flussseite.
Vier Jahre nach der Eröffnung fotografierte der Ballonpionier Eduard Spelterini die neuen Bahnanlagen von oben.

So sah es vorher aus: viel Service, wenig Fahrgäste
Die Station Letten ging 1894 in Betrieb, das Gebäude dazu wurde 1893 errichtet.
Sie lag am rechten Limmatufer an der Wasserwerkstrasse, vom Fluss nur durch das Elektrizitätswerk getrennt.
Das Städtische Elektrizitätswerk, das heutige ewz, baute sich hier ein eigenes Transportgleis.
Im Jahr 1902 ging die Nordostbahn in den Schweizerischen Bundesbahnen auf, und der Letten wurde ein SBB-Bahnhof.
1907 kam der Stückgutverkehr hinzu.
Nach 1918 bot die kleine Station einen Komplettservice mit Billettschalter, Reservationen, Gruppenreisen, Gepäckaufgabe und sogar einer Wechselstube.
Trotzdem blieb das Personenaufkommen enttäuschend klein, weil der Bahnhof am Rand von Wipkingen lag.
Auch die Elektrifizierung im Jahr 1926 änderte daran wenig.


Im Jahr 1943 tauchte eine Idee auf, die dem Letten mehr Gewicht gegeben hätte.
Im Lettentunnel sollte unter dem heutigen Central ein Bahnhof Leonhardsplatz entstehen, mit einem Zugangsstollen und einem Lift zur ETH.
In Spitzenzeiten hätten die Züge dann in Letten wenden können, um den Hauptbahnhof zu entlasten.
Gebaut wurde dieser Bahnhof nie.

Bomben und Bunker
Am 2. Dezember 1940 wurde der Aussersihler Viadukt bombardiert.
Viadukt, Fahrleitung und Speiseleitung wurden beschädigt.
Drei Bahnbeamte wurden schwer verletzt, zwei weitere leicht.
Am Lettenviadukt liegen außerdem zwei permanente Waffenstellungen mit den Nummern A 4856 und A 4857.
Sie gehören zur Limmatstellung, einer Verteidigungslinie der Schweizer Armee gegen einen Angriff von Norden.
Das Ende kam unterirdisch
Die Zukunft der Strecke entschied sich nicht am Letten, sondern tief unter der Innenstadt.
1973 lehnte das Stimmvolk eine große Vorlage für U- und S-Bahn ab, danach entstand ein kleineres Projekt nur für die S-Bahn.
Dazu gehörte der Hirschengrabentunnel, die direkte Verbindung vom Hauptbahnhof nach Stadelhofen, über die man schon im 19. Jahrhundert diskutiert hatte.
Damit wurde die einspurige Schlaufe über Letten überflüssig.
Am 27. Mai 1989 wurde die Lettenlinie stillgelegt, einen Tag später ging der Hirschengrabentunnel vorläufig in Betrieb.
Genau ein Jahr danach, am 27. Mai 1990, startete die S-Bahn Zürich komplett.
Nach 95 Jahren war der Bahnhof Letten damit Geschichte.


Ganz aufgegeben haben die SBB die Strecke zunächst nicht, sie wollten sie für eine mögliche spätere Nutzung behalten.
Konkrete Pläne dafür gab es aber nicht.
Die Gleise blieben liegen, und die Entwässerung im stillgelegten Tunnel musste alle drei Monate gespült werden.


1992 bis 1995: die offene Drogenszene
Die nächsten Jahre sind das dunkelste Kapitel dieses Ortes.
Seit 1987 gab es hinter dem Landesmuseum am Platzspitz eine offene Drogenszene, die als Needle Park bekannt wurde.
Am 5. Februar 1992 wurde der Platzspitz offiziell geschlossen, doch die Räumung verlief ungeordnet.
Die Szene löste sich nicht auf, sondern zog flussabwärts zum stillgelegten Bahnhof Letten.
Rund drei Jahre lang nahmen Süchtige und Händler den kaum befahrenen Abschnitt in Beschlag, und der Ort wurde als „Drogenhölle Letten“ bekannt.
Hunderte Abhängige besorgten sich hier ihren Stoff, und die Beschaffungskriminalität erreichte ihren Höhepunkt.
Das Areal litt unter starkem Gestank durch Abfall, Spritzen und Fäkalien.
Unter Dealern kam es wiederholt zu Schießereien, und eine Anwohnerin sprach im September 1994 in der Tagesschau von ihrer Angst davor.
Die SBB stellten den Unterhalt der Anlagen ein und gerieten wegen der Zustände auf ihrem Gelände in harte Kritik.


Die Archivfotos der SBB aus dem Jahr 1992 zeigen von all dem nichts, denn sie dokumentieren nur das Gebäude.
Auffällig ist die helle Fassade, die viel gepflegter wirkt als auf den älteren Bildern.
Den Grund dafür nennen die Archivangaben nicht.
Fotos von Menschen aus der Szene zeigen wir an dieser Stelle bewusst nicht.

Am 14. Februar 1995 riegelte die Polizei das Areal mit Stacheldraht ab.
Diesmal gelang die Schließung, auch weil die Süchtigen zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden waren.
Die Polizei war besser vorbereitet, es gab neue Gefängnisse, und gegen mutmaßliche Dealer ging sie gezielter vor.
Süchtige konnten außerdem leichter in ihre Heimatgemeinden zurückgeschickt werden, denn laut Ambros Uchtenhagen stammten rund 80 Prozent der Szene von auswärts.
Die Drogenpolitik stützte sich auf vier Säulen: Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression.
1993 beschloss die Schweiz eine ärztlich kontrollierte Heroinabgabe, und 1994 eröffnete Zürich die ersten zwei Abgabestellen.
Der Rückbau: erst die Weichen, dann der Tunnel
Ab April 1995 wurden fünf Weichen und 300 Meter Gleis entfernt.
Von der Station blieb nur noch ein einziges Durchfahrgleis übrig, denn die Strecke musste bis zur Verfüllung des Tunnels befahrbar bleiben.
Das Areal kam in die Freihaltezone und wurde von der Stadt Zürich neu gestaltet.
Seit 1998 steht der Lettenviadukt teilweise dem Fuß- und Veloverkehr offen.

Im Jahr 2000 meldete sich die Politik: Eine Anfrage im Zürcher Kantonsrat kritisierte, dass die Zufahrt für das Auffüllen des Tunnels über das zurückgewonnene Lettenareal laufen sollte.
Zwischen Oktober 2002 und Frühjahr 2004 wurde der Lettentunnel dann verfüllt, weil er mangels Unterhalt stellenweise einzustürzen drohte.
Danach verschwand auch das letzte Gleis.
Das Tunnelportal beim Bahnhof Letten ist bis heute zu sehen.

So sieht es jetzt aus
Das Gebäude von 1893 steht unter Denkmalschutz und ist erhalten geblieben.
Heute sitzt darin die Redaktion des Reisemagazins Transhelvetica.
Das Magazin erscheint seit Oktober 2010 und dreht sich ganz um Ausflüge in der Schweiz, was zu einem alten Bahnhof gut passt.
Vor dem Büro stand 2018 ein offener Bücherschrank, an dem man sich bedienen konnte.


Wo früher die Gleise lagen, führt heute ein Fuß- und Veloweg von der Josefswiese über die Lettenbrücke zum Bahnhof.
Die Verlängerung bis zur Josefstrasse wurde 2003 provisorisch eröffnet.
Ab 2008 verlegte das Tiefbauamt einen Belag aus drei Meter breiten Betonplatten, und im Herbst 2009 wurde der erneuerte Weg übergeben.
Von Ende 2011 bis April 2013 war die Lettenbrücke wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten gesperrt.


Am Ufer ist aus dem Bahnareal ein Freizeitgelände geworden.
Liegewiesen für Badende, Beachvolleyball-Felder, Bars und Sportplätze ergänzen die beiden Flussbäder am Oberen und Unteren Letten.
Unter der Kornhausbrücke gibt es einen Bike-Park.
An die frühere Drogenszene erinnert vor Ort nichts mehr, stellte SRF im Jahr 2020 fest.
Eine Befragung der Universität Zürich unter 88 Stadtbewohnern zeigte im selben Jahr, dass gerade viele 16- bis 35-Jährige den Letten kaum noch mit dieser Zeit verbinden.



Auch die Bögen des Viadukts haben ein neues Leben bekommen.
Die Stiftung PWG baute unter dem Namen „Im Viadukt“ die 53 Bögen zu Läden, Ateliers, Lokalen und sozialen Einrichtungen um.
Die ersten Läden öffneten am 1. April 2010, die Markthalle folgte am 4. September 2010.
Für das Projekt gab es unter anderem eine Anerkennung des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins.
Vorher und nachher: fünf direkte Vergleiche
Hier stehen alte und neue Aufnahmen direkt nebeneinander.
Die Blickwinkel sind nicht auf den Meter gleich, aber der Unterschied ist trotzdem deutlich.










Die Geschichte in Daten
1878: Das Kraftwerk Letten geht in Betrieb.
1891–1894: Bau des Aussersihler Viadukts mit dem Lettenviadukt.
1893: Bau des Bahnhofsgebäudes.
1. Oktober 1894: Durchgehender Betrieb vom Hauptbahnhof durch den Lettentunnel an den Zürichsee.
1902: Die Nordostbahn geht in den SBB auf.
1907: Der Stückgutverkehr kommt hinzu.
1926: Die Strecke wird elektrifiziert.
2. Dezember 1940: Bomben treffen den Aussersihler Viadukt.
27. Mai 1989: Die Lettenlinie wird stillgelegt.
28. Mai 1989: Der Hirschengrabentunnel geht vorläufig in Betrieb.
27. Mai 1990: Die S-Bahn Zürich startet komplett.
Frühjahr 1992: Die Drogenszene zieht vom Platzspitz zum Letten.
14. Februar 1995: Die Polizei riegelt das Areal ab.
April 1995: Fünf Weichen und 300 Meter Gleis werden entfernt.
1998: Der Lettenviadukt öffnet teilweise für Fuß- und Veloverkehr.
2002–2004: Der Lettentunnel wird verfüllt, danach verschwindet das letzte Gleis.
Herbst 2009: Der erneuerte Fuß- und Radweg wird übergeben.
2010: Läden und Markthalle ziehen in die Viaduktbögen, Transhelvetica erscheint erstmals.
Häufige Fragen zum Bahnhof Letten
Ist der Bahnhof Zürich Letten noch in Betrieb?
Warum wurde er stillgelegt?
Was ist heute im Bahnhofsgebäude?
Kann man den Lettentunnel noch betreten?
Was hat der Letten mit der Drogenszene zu tun?
Wie erreicht man das Gelände?
Was vom Letten bleibt
Neben dem stillen Lettenviadukt rollen auf dem Wipkinger Viadukt bis heute die Züge nach Oerlikon.
Stadelhofen, das andere Ende der alten Schlaufe, gilt inzwischen als eines der größten Nadelöhre der Zürcher S-Bahn.
Ein Weg zurück über den Letten ist das nicht mehr, denn der Tunnel ist verfüllt.
Geblieben sind ein altes Haus, ein langes Vordach und ein breiter Weg, auf dem niemand mehr an Züge denkt.
Bahnhof Zürich Letten, Wikipedia · Lettentunnel, Wikipedia · Aussersihler Viadukt, Wikipedia · Rechtsufrige Zürichseebahn, Wikipedia · Letten (Stadt Zürich), Wikipedia · Limmatstellung, Wikipedia · SRF: 25 Jahre Letten-Schliessung · SRF: Die kontrollierte Heroinabgabe · swissinfo: Needle Park am Platzspitz · Kantonsrat Zürich: Anfrage KR-Nr. 286/2000 · Universität Zürich: Wahrnehmung des Letten (2020) · Transhelvetica: Impressum
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