Der Bahnhof Zernitz: Ein Stationshaus von 1846 und die Erinnerung an den 16. April 1945
Zernitz war ein Bahnhof für Kyritz mitten im freien Feld, eröffnet 1846. Seit 1995 hält hier kein Zug mehr, und im Ort erinnert eine Gedenkstätte an ein Unglück vom April 1945.

Lage: Ortsteil Zernitz-Bahnhof, Gemeinde Zernitz-Lohm, Landkreis Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg, Streckenkilometer 83,5. Status: Seit 1995 ohne Personenzüge, betrieblich aufgelassen. Die Strecke wird weiter befahren. Heute: Das denkmalgeschützte Empfangsgebäude steht leer, die Gleisanlagen sind bis auf zwei Durchfahrtsgleise entfernt.
Der Bahnhof Zernitz gehört zu den ältesten in Brandenburg.
Er wurde 1846 mit der Berlin-Hamburger Eisenbahn eröffnet, zunächst mitten auf freiem Feld.
Seit 1995 halten hier keine Personenzüge mehr, und das Empfangsgebäude steht leer.
Zu diesem Ort gehört auch ein sehr ernstes Kapitel, denn am 16. April 1945 wurde nahe dem Bahnhof ein Zug mit jüdischen KZ-Häftlingen versehentlich beschossen.
Dieser Beitrag erzählt beides, die Geschichte der Station und die Erinnerung daran.
Alte freie Fotos aus der Betriebszeit gibt es auf Wikimedia Commons nicht, die Bilder zeigen die Station nach 1995.
Ein Bahnhof für Kyritz
Ursprünglich sollte die Berlin-Hamburger Eisenbahn über Kyritz führen.
Kyritz war damals Kreisstadt des Landkreises Ostprignitz.
Verwirklicht wurde jedoch eine Führung weiter südlich über Neustadt an der Dosse und Wittenberge.
Als Ersatz erhielt Kyritz einen Bahnhof in Zernitz.
Er liegt am Streckenkilometer 83,5, gezählt von Berlin, rund sechs Kilometer südlich von Kyritz.
Am Ort selbst lag nicht viel, der Bahnhof steht etwa zwei Kilometer westlich des Dorfes Zernitz.
Ein Teil der Reisenden kam sogar aus dem deutlich weiter entfernten Wittstock.
Um den zunächst allein stehenden Bahnhof entstand in der Folge eine Siedlung.
Hier ließen sich vor allem Händler und Geschäftsleute nieder.
Sie heißt offiziell Bahnhof Zernitz und wird auf Schildern auch Zernitz-Bahnhof genannt.
Am 31. Dezember 1997 schlossen sich die Gemeinden Zernitz und Lohm zur heutigen Gemeinde Zernitz-Lohm zusammen.

So sah es vorher aus: Haus mit Kreuzgrundriss
Das Empfangsgebäude zeigt die klassizistische Handschrift der Bahn.
Als Architekten werden Friedrich Neuhaus, der Baudirektor der Berlin-Hamburger Bahn, und Ferdinand Wilhelm Holz genannt.
Anders als die meisten Bahnhofsgebäude der Strecke hatte das zweigeschossige Haus mit Satteldach zunächst einen kreuzförmigen Grundriss.
An allen Seiten trug es Dreiecksgiebel mit Akroterien.
Die Längsseiten haben vier Achsen mit einem Mittelrisalit, die Schmalseiten drei.
In den 1880er Jahren wurden die Bahnanlagen erweitert und das Empfangsgebäude vergrößert.
Vermutlich in den späten 1880er Jahren bekam es einen Anbau in Längsrichtung.
Anders als andere Bahnhöfe der Strecke, etwa Paulinenaue, behielt es dabei seine streng symmetrische Form.
Südlich der Gleise entstand ein Güterschuppen, vermutlich ebenfalls in den 1880er Jahren.

1887 verlor der Bahnhof an Bedeutung.
In diesem Jahr wurden Pritzwalk und Kyritz über die Bahnstrecke Neustadt–Meyenburg mit der Hamburger Bahn verbunden.
Die Pläne einer Strecke von Zernitz nach Wittstock oder Pritzwalk blieben unverwirklicht.
Der Bahnhof diente fortan vor allem dem Verkehr zu den umliegenden Dörfern.
Der 16. April 1945
Am 16. April 1945, wenige Wochen vor dem Kriegsende, rollte ein Zug mit jüdischen KZ-Häftlingen durch die Gegend.
Es waren vor allem Menschen aus Ungarn, die vom KZ Bergen-Belsen in das KZ Theresienstadt gebracht werden sollten.
Nahe dem Bahnhof Zernitz beschossen amerikanische Tiefflieger den Transport versehentlich.
48 Häftlinge kamen dabei ums Leben.
Die Toten wurden am südlichen Ortsrand in einem Massengrab beigesetzt.
Dort befindet sich heute ein Jüdischer Friedhof mit einer Gedenkstätte, die unter Denkmalschutz steht.
Ein Gedenkstein mit hebräischer und deutscher Inschrift erinnert an die Opfer, daneben stehen weitere Tafeln.
Nach einem Bericht von 2010 sind 45 der Toten namentlich bekannt, drei blieben unbekannt.
Der alte Stein nennt Theresienstadt als Herkunft der Häftlinge, eine zweite Tafel auf Ungarisch, Hebräisch und Deutsch korrigiert die Angabe auf Bergen-Belsen.
Auf demselben Friedhof liegt auch Theodor Steigerwald, ein jüdischer Rechtsanwalt aus Kyritz, der 1947 starb.
Er hatte sich während des Krieges im Raum Kyritz vor den Nationalsozialisten versteckt und wollte hier beigesetzt werden.
Wer den Bahnhof besucht, sollte diese Geschichte kennen.
Die Gedenkstätte ist kein Ausflugsziel, sondern ein Ort der Trauer, der entsprechend respektvoll behandelt werden sollte.
Das Ende der Station
1990/91 wurde das Bahnhofsgebäude umfassend saniert und bekam dabei eine kräftige gelbe Farbgebung an den Fensterbereichen.
1993 wurde es unter Denkmalschutz gestellt.
In den 1990er Jahren diente es noch Wohnzwecken.
Seit 1995 halten keine Personenzüge mehr in Zernitz.

Beim Umbau der Strecke Ende der 1990er Jahre wurde der Bahnhof auch betrieblich aufgelassen.
Bahnsteige, Weichen und Nebengleise wurden entfernt.
Der beschrankte Bahnübergang westlich des Bahnhofs, über den die Landstraße aus Kyritz führte, wurde geschlossen und durch eine Unterführung östlich des Bahnhofs ersetzt.

So sieht es jetzt aus
Von den Gleisanlagen sind nur noch die beiden Durchfahrtsgleise geblieben.
Betrieblich dient Zernitz noch als Blockstelle.
Das Empfangsgebäude liegt nördlich der Strecke, auf der Seite von Kyritz.
Der größte Teil des Dorfes liegt südlich der Gleise, entlang der Stüdenitzer Straße.
Das Haus wurde in den 1990er Jahren noch bewohnt, heute steht es leer.



Neben dem Bahnhofsgebäude steht das kleine Toilettenhäuschen.
Das Ensemble ist als Bahnhofsgebäude mit Toilettenhaus und Vorplatz in der Denkmalliste eingetragen.

Ganz verschwunden ist die Station dennoch nicht aus dem Bahnbetrieb.
Im Zuge der Generalsanierung der Strecke Berlin–Hamburg entstand in Zernitz 2025 und 2026 eine Überleitstelle mit vier Weichen.
Dafür wurde auch ein elektronisches Stellwerk gebaut.
Die Strecke war wegen der Sanierung ab dem 1. August 2025 gesperrt.
Laut Wikipedia gingen die neuen Überleitstellen Vietznitz und Zernitz am 14. Juni 2026 in Betrieb.
Das Gelände ist Bahngebiet, und die Strecke wird mit hoher Geschwindigkeit befahren.
Das Betreten der Gleise ist verboten und gefährlich, das Haus lässt sich von der Straße aus ansehen.
Vorher und nachher
Vorher war Zernitz ein Bahnhof mit Gleisen, Bahnsteigen, Güterschuppen und regelmäßigen Zügen.
Nachher blieben ein gelb gestrichenes Empfangsgebäude, zwei Durchfahrtsgleise und ein Dorf, das seinen Namen vom Bahnhof hat.
Aus der Betriebszeit liegt kein frei lizenziertes Foto vor, daher zeigt dieser Beitrag kein Bildpaar.
Die Geschichte in Daten
1846: Eröffnung des Bahnhofs Zernitz an der Berlin-Hamburger Eisenbahn.
1880er: Erweiterung der Bahnanlagen und des Empfangsgebäudes.
1887: Die Bahnstrecke Neustadt–Meyenburg verbindet Pritzwalk und Kyritz mit der Hamburger Bahn.
1945: Am 16. April wird ein Häftlingstransport in der Nähe des Bahnhofs versehentlich beschossen, 48 Menschen sterben.
1990/91: Das Empfangsgebäude wird umfassend saniert.
Ende 1990er: Der Bahnhof wird betrieblich aufgelassen, Bahnsteige und Weichen verschwinden.
1993: Das Empfangsgebäude wird unter Denkmalschutz gestellt.
1995: Die letzten Personenzüge halten in Zernitz.
2025/26: Bei der Generalsanierung entsteht eine Überleitstelle mit vier Weichen.
Häufige Fragen
Wann wurde der Bahnhof Zernitz eröffnet?
Wann endete der Personenverkehr?
Was geschah am 16. April 1945?
Gibt es einen Ort des Gedenkens?
Steht das Empfangsgebäude unter Denkmalschutz?
Kann man den Bahnhof besichtigen?
Zernitz ist ein stiller Ort, der zwei Geschichten trägt.
Die eine handelt vom Aufstieg und Ende einer kleinen Station, die andere erinnert an 48 Menschen, die im April 1945 starben.
Wikipedia: Bahnhof Zernitz · Wikipedia (englisch): Zernitz station · Alemannia Judaica: Jüdische Friedhöfe in Brandenburg · Wikipedia: Bahnstrecke Berlin–Hamburg
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