Wenigentaft-Mansbach: Der Grenzbahnhof, den 1952 keine Seite mehr anband
Der Bahnhof lag an der Ulstertalbahn zwischen Hessen und Thüringen. Nach 1945 wurde er zum Streitfall der Zonengrenze, 1953 wurden die Gleise als Reparation abtransportiert.

Lage: Grenzgebiet zwischen Thüringen und Hessen, Gemeinde Buttlar. Status: seit Oktober 1952 ohne Zugverkehr. Heute: Das Empfangsgebäude der Ulstertalbahn wird als Wohnhaus genutzt, dazu gibt es zwei Ferienwohnungen.
Der Bahnhof Wenigentaft-Mansbach lag im Grenzgebiet zwischen Hessen und Thüringen an der Ulstertalbahn von Vacha nach Hilders.
Von ihm zweigten die Strecke nach Hünfeld und, nördlich des Bahnhofs, die Anschlussbahn nach Oechsen ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief die Zonengrenze mitten durch das Bahnhofsgelände, 1952 endete der Verkehr, 1953 wurden die Gleise abgebaut.
Das Empfangsgebäude steht noch und wird bewohnt, es ist kein Ruinenfoto-Ziel mehr, sondern ein Wohnhaus mit zwei Ferienwohnungen.
Alte freie Fotos aus der Betriebszeit gibt es nicht, die Bilder zeigen den Zustand ab 2005.
Wie der Bahnhof entstand
Die Ulstertalbahn wurde in drei Abschnitten eröffnet.
Zwischen Hilders und Tann fuhren die Züge ab dem 1. Juni 1891, zwischen Vacha und Geisa ab dem 1. August 1906.
Den Lückenschluss zwischen Geisa und Tann eröffnete die Bahn am 1. Oktober 1909.
Der Bahnhof Wenigentaft-Mansbach ging am 1. August 1906 mit der Strecke von Vacha nach Geisa in Betrieb.
Er lag in den Gemarkungen der Dörfer Wenigentaft und Mansbach.
Am 1. Dezember 1906 begann der Verkehr in Richtung Hünfeld.
Diese Strecke hatten die Preußischen Staatseisenbahnen nach fünfjähriger Bauzeit fertiggestellt.
Damit war der Bahnhof ein Abzweigbahnhof, an dem drei Richtungen zusammenkamen.
Die Strecke nach Hünfeld
Die Verbindung zwischen der Hauptstrecke Bebra–Fulda in Hünfeld und der Ulstertalbahn hatte im Personenverkehr nur geringe Bedeutung.
Ein gewisses Bedürfnis bestand für Pendler zur Kaliindustrie im Ulster- und Werratal.
Im Sommer 1939 verkehrten werktags sieben, sonntags sechs Zugpaare.
Im Volksmund hieß die Bahn die Bimbel, weil die Züge sich in den frühen Jahrzehnten mit einer Glocke auf der Lok ankündigten.
In den 1930er Jahren war ein zweigleisiger Ausbau zur Entlastung der Hauptstrecke Halle–Erfurt–Bebra geplant und teilweise schon gebaut.
Die Arbeiten wurden 1942 eingestellt.

Die Strecke nach Oechsen
Östlich des Bahnhofs lag der Bahnhof der Wenigentaft-Oechsener Eisenbahn.
Sie hatte rund zehn Kilometer Länge und führte durch Buttlar und an Bermbach und Masbach vorbei bis nach Oechsen, das damals etwa 700 Einwohner zählte.
Anlass war ein Plan der Kali-Bergbaugewerkschaften Heiligenmühle und Mariengart, 1909 bei Niederoechsen zwei Kalischächte abzuteufen.
Die Planungen begannen 1910, die Bauarbeiten im Januar 1911.
Am 15. August 1912 wurde die Bahn für den Güterverkehr eröffnet.
Der Kaliabbau in den beiden Schächten kam wegen Wassereinbrüchen schon 1914 zum Erliegen.
Der stets bescheidene Personenverkehr begann am 28. März 1917.
Bedeutung gewann die Strecke erst 1920 durch eine Ladestation für Basalt aus dem Tagebau am Dietrichsberg.

1924 übernahmen die Thüringischen Hartsteinwerke den Steinbruch und die Bahnstrecke.
Betrieben wurde sie von der Centralverwaltung für Secundairbahnen Herrmann Bachstein.
1928 beförderte die Bahn 29.712 Personen und 72.813 Tonnen Güter.
Von Ende März bis Anfang Juni 1945 ruhte der Verkehr wegen der Endphase des Krieges.
Ab dem 1. April 1949 übernahm die Deutsche Reichsbahn Verwaltung und Betrieb, 1951 wurde das bisherige Unternehmen enteignet und verstaatlicht.

So sah es vorher aus: eine Bahnhofsmitte mit zwei Gesichtern
Die Ulstertalbahn diente vor allem der Erschließung der dünn besiedelten nördlichen Rhön.
Eine gewisse Rolle spielte der Berufsverkehr zur Kaliindustrie.
1939 fuhren sechs Zugpaare auf der Strecke.
Im Jahresfahrplan 1943 gab es werktags mehrere Direktverbindungen von Fulda über Hilders bis Wüstensachsen und bis Tann.
Vor Kriegsende 1945 waren noch fünf Personenzüge werktags und drei an Sonntagen vorgesehen.
Der Bahnhof Wenigentaft-Mansbach besaß nördlich ein Stellwerk mit der Bezeichnung Wn und ein Bahnhofsgebäude auf thüringischer Seite.
Es gab einen Wasserturm, der später abgerissen wurde.

Die Grenze schneidet durch den Bahnhof
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag das Gelände mit dem Bahnhofsgebäude in der sowjetischen Besatzungszone.
Das nördliche Stellwerk Wn lag dagegen auf hessischer Seite in der amerikanischen Zone.
Die Strecke nach Hünfeld wurde im Juni 1945 zwischen Wenigentaft und Treischfeld unterbrochen.
Auch die Ulstertalbahn in Richtung Tann war unterbrochen, bei Motzlar.
Nach Norden querte die Ulstertalbahn zwischen Wenigentaft und Vacha viermal die Zonengrenze.
Der Verkehr nach Vacha konnte darum nur eingeschränkt aufrechterhalten werden.
Der Abschnitt bei Philippsthal wurde zu einem Schwerpunkt der Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR.
Der Personenverkehr zwischen Unterbreizbach und Motzlar endete am 1. Juli 1952 und wurde auf Schienenersatzverkehr umgestellt.
Auf dem Abschnitt zwischen Pferdsdorf und dem Bahnhof Wenigentaft-Mansbach führte die Strecke mehrfach über die Landes- und Staatsgrenze.
Das hessische Gebiet, das dabei nach Thüringen hineinragte und nur schmal mit Hessen verbunden war, wird Ulstersack genannt.

Das Ende 1952 und der Abbau 1953
Am 4. Oktober 1952 wurde der Verkehr endgültig eingestellt.
Zum Datum des Betriebsendes der Ulstertalbahn nennt der Streckenartikel den 5. Oktober.
Der Bahnhof war danach von keiner Seite mehr an das Eisenbahnnetz angebunden und lag still.
Im Spätsommer 1953 wurden sämtliche Gleis- und Signalanlagen auf thüringischem Gebiet demontiert.
Sie gingen als Teil der Reparationsleistungen in die Sowjetunion.
Später wurden auch die Bahnsteige und der Wasserturm abgerissen.
Die Bahnhofsgebäude und einige wenige Nebengebäude blieben erhalten und verfielen zunächst.
Dasselbe Schicksal traf die Anlagen der Strecke nach Niederoechsen, deren Gleise 1953 ebenfalls demontiert wurden.
Teile des nördlichen Gleisfelds blieben wegen des komplizierten Grenzverlaufs im Ulstersack bis in die 2000er Jahre erhalten.
Das Stellwerk Wn dort wurde in den 1970er Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen.

Was auf hessischer Seite geschah
Auf dem hessischen Abschnitt der Hünfelder Strecke konnte der Verkehr schon am 27. August 1945 zwischen Hünfeld und Treischfeld wieder aufgenommen werden.
Es hatte im Krieg kaum Schäden gegeben.
Personenzüge fuhren dort noch bis zum 28. Mai 1972.
Im Güterverkehr endete der Betrieb zwischen Eiterfeld und Treischfeld am 1. Januar 1976 und zwischen Hünfeld und Eiterfeld am 31. Dezember 1991.
1995 wurde die Strecke abgebaut.
Auf der Trasse verläuft heute der asphaltierte Kegelspiel-Radweg.
Ein bemerkenswertes Bauwerk der Strecke ist der Klausmarbacher Viadukt zwischen Burghaun und Steinbach, 32 Meter hoch und mit fünf Bögen aus Sandstein.
Die Ulstertalbahn zwischen Hilders und Günthers wurde zum 1. Mai 1977 komplett stillgelegt, die Gleise wurden danach abgebaut.
So sieht es jetzt aus
Das ruinöse Bahnhofsgebäude der Wenigentaft-Oechsener Eisenbahn wurde 2013 abgerissen.
Das Gebäude an der Ulstertalbahn wurde nach jahrelangem Verfall Ende der 2010er Jahre restauriert.
Es wird heute als Wohnhaus genutzt, 2020 entstanden dort zwei Ferienwohnungen.
Weite Teile der Ulstertalbahn-Trasse nutzt heute der Ulsterradweg, Teile der Strecke nach Oechsen der Oechsenbahn-Radweg.


Vorher und nachher: das Empfangsgebäude 2012 und 2024





Die Geschichte in Daten
1891: Hilders–Tann der Ulstertalbahn wird eröffnet.
1906: Der Bahnhof geht mit der Strecke Vacha–Geisa in Betrieb, im Dezember beginnt der Verkehr nach Hünfeld.
1909: Der Lückenschluss Geisa–Tann wird eröffnet.
1912: Die Wenigentaft-Oechsener Eisenbahn wird für den Güterverkehr eröffnet.
1917: Der Personenverkehr nach Oechsen beginnt.
1945: Die Zonengrenze durchschneidet den Bahnhof, die Strecken werden unterbrochen.
1952: Der Verkehr wird eingestellt.
1953: Gleise und Signale auf thüringischem Gebiet werden als Reparation in die Sowjetunion abtransportiert.
2013: Das Gebäude der Wenigentaft-Oechsener Eisenbahn wird abgerissen.
2020: Im restaurierten Empfangsgebäude entstehen zwei Ferienwohnungen.
Häufige Fragen
Wann endete der Verkehr in Wenigentaft-Mansbach?
Warum wurde der Bahnhof nach 1945 nicht weiterbetrieben?
Was geschah 1953 mit den Gleisen?
Gibt es das Bahnhofsgebäude noch?
Was ist der Ulstersack?
Der Bahnhof Wenigentaft-Mansbach verlor nicht durch zu wenige Fahrgäste seine Aufgabe, sondern durch eine Grenze, die die Strecken zerschnitt.
Von der Bahn blieben das Gebäude, einige Gleisreste und die Radwege auf den Trassen.
Wikipedia: Bahnhof Wenigentaft-Mansbach · Wikipedia: Bahnstrecke Vacha–Hilders · Wikipedia: Bahnstrecke Hünfeld–Wenigentaft-Mansbach · Wikipedia: Bahnstrecke Wenigentaft-Mansbach–Oechsen
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