Der Bahnhof Wadern: eine Eisenbahnersiedlung im Primstal, heute Kinderkrippe
1897 eröffnet, 1980 ohne Reisezüge, 1993 vom Netz getrennt und heute Denkmal mit Kinderkrippe. So sah der Bahnhof Wadern früher aus, und das ist heute von ihm übrig.


Lage: Stadtteil Dagstuhl, rund einen Kilometer südlich des Stadtkerns von Wadern, Saarland. Status: Ohne Bahnanschluss, Gebäude und Eisenbahnerhäuser denkmalgeschützt. Heute: Im Empfangsgebäude sind seit 2012 eine Kinderkrippe und ein Familienzentrum untergebracht.
Der Bahnhof Wadern liegt gar nicht in Wadern.
Er steht in Dagstuhl, rund einen Kilometer südlich des Stadtkerns, und um ihn herum entstand eine ganze Eisenbahnersiedlung.
Der Ort wurde erst durch die Bahn gegründet und ist heute ein Stadtteil.
Seit den 1990er Jahren hat Wadern keinen Bahnanschluss mehr, doch das Empfangsgebäude und die Eisenbahnerhäuser aus rotem Backstein stehen unter Denkmalschutz.
In dem Bahnhofsgebäude spielen heute Kinder.
Von der Betriebszeit gibt es nur ein altes freies Foto von 1900 und zwei Gleispläne, alle anderen Bilder stammen von 2017 und 2021.
Wie die Bahn ins Primstal kam
Am 10. Mai 1890 beschloss ein preußisches Gesetz den Bau der Strecke von Hermeskeil über Nonnweiler nach Wemmetsweiler.
Die Bauarbeiten begannen erst vier Jahre später, am 15. April 1894 in Hermeskeil.
Weil die ganze Strecke gleichzeitig gebaut wurde, war der örtliche Arbeitsmarkt bald leer, und man holte Arbeiter aus Italien und vom Balkan.
Die Bahn sollte Arbeitskräfte aus den dünn besiedelten nördlichen Teilen des Saarlandes in die Saarregion bringen.
Am 15. Mai 1897 ging der Abschnitt von Wemmetsweiler nach Lebach in Betrieb.
Am 10. Dezember 1897 folgten die restlichen 35,6 Kilometer bis Nonnweiler.
Die Feierlichkeiten fanden in Wadern statt.
Viele Berg- und Hüttenarbeiter konnten nun wenigstens am Wochenende nach Hause in den Hochwald fahren.
Die Strecke ließ man im Primstal verlaufen und nicht durch das Löstertal.
Deshalb entstand der Bahnhof in der Gemarkung Dagstuhl, mehr als einen Kilometer außerhalb von Wadern.
Mit dem Bahnhof wuchs eine eigene Siedlung für die Eisenbahner.
Der Verein für Heimatkunde Wadern nennt sie die Keimzelle des heutigen Stadtteils Dagstuhl.
So sah es vorher aus: Gleise, Lokschuppen und Wohnhäuser
Das Empfangsgebäude wurde 1896 begonnen und 1897 fertig.
Es ist ein zweigeschossiger Backsteinbau.
Zur gleichen Zeit entstanden zwei Dienstgebäude und zwei Wohnhäuser für die Bediensteten.
Zwischen 1905 und 1921 wurde der Bahnhof weiter ausgebaut: Das Stationsgebäude und der Güterschuppen wurden erweitert, zwei Wohnhäuser kamen dazu.
Zur Anlage gehörten vier Wohnhäuser für Beamte mit je vier Wohnungen, ein Dienstgebäude, ein Güterschuppen, eine Bahnhofsgaststätte und eine Empfangshalle.
Ein Übernachtungsraum wurde 1921 zu einer Grundschule umgebaut.
Dazu kam ein Lokomotivbahnhof, der dem Bahnbetriebswerk Völklingen unterstand, mit einem dreiständigen Lokschuppen, einer Bekohlungsanlage und einer Ladestraße.
Von 1897 bis 1929 war der Bahnhof Sitz der Bahnmeisterei.
Insgesamt führten drei Gleise durch den Bahnhof.


Zwischen den Weltkriegen wuchs der Verkehr rasant.
1904 fuhren planmäßig 20 Personenzüge am Tag in Wadern ab, 1913 waren es 26.
1919 fuhren täglich 22 Züge, zehn Jahre später schon 39.
Dazu kamen Arbeiterzüge zu den Kohlegruben und täglich mindestens ein Güterzug.
Im Sommerfahrplan 1953 verkehrten auf dem Abschnitt Wadern bis Nonnweiler noch zehn werktägliche Zugpaare, deren Zeiten auf den Schichtwechsel der saarländischen Gruben abgestimmt waren.
Die Kriegsjahre
Im Ersten Weltkrieg wurden über den Bahnhof Truppen an die Westfront gefahren.
Am 2. Juni 1923 besetzten französische Truppen die Eisenbahnersiedlung, und teilweise wurden Eisenbahnerfamilien ausgewiesen.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde 1939 eine Laderampe gebaut.
Durch Wadern fuhren Züge mit Baumaterial für den Westwall und Evakuierungszüge aus der Roten Zone.
Von September 1939 bis Juni 1940 diente der Bahnhof mit der Siedlung als Auffangstelle für Bahnpersonal, etwa aus Saarbrücken und Völklingen, zeitweise bis zu 300 Menschen.
Die letzten Kriegsjahre brachten Gewalt an den Ort.
Am 27. Mai 1944 griffen Flugzeuge einen Zug an, der aus Richtung Büschfeld in den Bahnhof einfuhr, dabei wurde der Lokführer getötet.
Am 15. Januar 1945 traf eine Bombe ein Wohnhaus an der Bahnhofstraße, neun Menschen starben.
Nach Angabe des Dagstuhler Ortsvorstehers gab es 1944 und 1945 insgesamt 62 Luftangriffe auf den Bahnhof, amerikanische Archivalien nennen nur 16.
Obwohl der Bahnhof enorm zerstört war, fuhren ab dem 13. August 1945 wieder zwei Züge am Tag.
Der Niedergang
Die letzten Neuerungen gab es 1957 mit einer neuen Bahnhofsgaststätte und einer neuen Empfangshalle.
Weil der Individualverkehr zunahm, wich 1961 ein Wohnhaus für einen Straßenneubau.
Danach nutzten nur noch wenige Sonderzüge die Gleise.
Auf dem Abschnitt Wadern bis Nonnweiler endete der Personenverkehr am 3. Oktober 1959.
Der Güterverkehr dort wurde am 30. April 1968 eingestellt, im November 1968 baute man die Gleise zwischen Mariahütte und Wadern ab.
Auf diesem Abschnitt war nach den Angaben schon seit 1945 kaum noch ein Zug gefahren.
Zwischen Wadern und Lebach sowie zwischen Dillingen und Wadern endete der Personenverkehr am 30. Mai 1980.
Danach gab es noch regelmäßigen Güterverkehr nach Wadern, bis zum 30. Mai 1992.
Ende November 1993 begann der Abbau der Gleise zwischen Wadern und Büschfeld.
Damit war die Stadt endgültig vom Schienennetz getrennt.
Die Eisenbahnersiedlung war schon vorher eigenständig geworden, 1974 wurde sie Ortsteil der Gemeinde Wadern, seit 1978 ist Wadern eine Stadt.
So sieht es jetzt aus
Die denkmalgeschützten Eisenbahnerhäuser erkennt man noch an ihrer Backsteinarchitektur.
Das ebenfalls denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude wurde grundlegend saniert.
Seit 2012 befinden sich darin eine Kinderkrippe und ein Familienzentrum der Kinder- und Jugendhilfe St. Maria Weiskirchen.


Der Bahnhof gehört zu einer Gruppe ähnlicher Empfangsgebäude entlang der Primstalbahn und der Hochwaldbahn, etwa in Lebach, Schmelz und Büschfeld.
Alle haben zwei Geschosse und Segmentbogenfenster.

Die Strecke selbst ist nur noch in Teilen vorhanden.
Die Gleise zwischen Wadern und Büschfeld wurden abgebaut, und Anfang 2021 wurden die Gleise von Nonnweiler bis Kastel demontiert.
Zwischen Primsweiler und Limbach fährt noch Güterverkehr einer Firma, und im Osten der Strecke bedient die Bahn weiter den Abschnitt bis Lebach.
Der Heimatverein hielt in seinem Rückblick fest, an eine Wiederbelebung des Schienenverkehrs sei nicht zu denken.
Vorher und nachher
Auf dem Foto von 1900 stehen Güterschuppen, Empfangsgebäude und das Dienstgebäude der Bahnmeisterei dicht beieinander.
Auf dem Bild von 2017 ist vom Bahnbetrieb nichts mehr zu sehen.
Das Haus ist saniert und teilweise erweitert, die Gleise sind verschwunden.
Im Haus lärmen Kinder, wo einst Reisende warteten.
Besuch und Betreten
Das Gebäude ist eine Kindertagesstätte mit Familienzentrum und kein Museum, es ist nicht allgemein zugänglich.
Die Eisenbahnerhäuser sind Wohnhäuser.
Man kann sie von der Straße aus ansehen, sollte aber die Privatsphäre der Bewohner und den Betrieb der Einrichtung respektieren.
Die Primstalbahn-Brücke ist eine Bahnanlage und sollte nicht betreten werden.
1890: Gesetz zum Bau der Strecke Hermeskeil bis Wemmetsweiler.
1897: Eröffnung von Lebach über Wadern bis Nonnweiler am 10. Dezember.
1921: Der Übernachtungsraum wird zur Grundschule umgebaut.
1923: Französische Truppen besetzen die Eisenbahnersiedlung.
1945: Ab dem 13. August fahren wieder zwei Züge täglich.
1959: Ende der Reisezüge zwischen Wadern und Nonnweiler.
1980: Ende der Reisezüge zwischen Wadern und Lebach.
1992: Der letzte regelmäßige Güterverkehr nach Wadern endet.
1993: Abbau der Gleise Richtung Büschfeld.
2012: Kinderkrippe und Familienzentrum ziehen ins Empfangsgebäude.
Liegt der Bahnhof Wadern in Wadern?
Wann wurde der Bahnhof eröffnet?
Wann fuhr der letzte Reisezug?
Was ist aus dem Bahnhofsgebäude geworden?
Gibt es noch Gleise in Wadern?
Darf ich das Gebäude besichtigen?
Der Bahnhof Wadern erzählt, wie eine Siedlung um einen Bahnhof wächst und ihn überlebt.
Die Bahn ist fort, die Häuser und das Gebäude sind geblieben.
Aus dem Ort für Reisende ist ein Ort für Kinder und Familien geworden.
Wikipedia: Bahnhof Wadern · Wikipedia: Primstalbahn · Verein für Heimatkunde Wadern: 100 Jahre Eisenbahngeschichte
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