Der Bahnhof Templerbend: ein Grenzbahnhof mit Burgtürmen, den die Hochschule verdrängte

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof Templerbend: ein Grenzbahnhof mit Burgtürmen, den die Hochschule verdrängte

1858 eingeweiht, 1910 geschlossen, 1911 gesprengt und heute überbaut von der RWTH Aachen. So sah der Bahnhof Templerbend früher aus, und das ist heute von ihm übrig.

VORHER · um 1861

Der Bahnhof Templerbend um 1861, Aufnahme aus dem Rijksmuseum.

Der Bahnhof Templerbend um 1861, Aufnahme aus dem Rijksmuseum. Foto: Rijksmuseum, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.
NACHHER · 2025

Das Audimax der RWTH Aachen im Jahr 2025, auf dem Gelände zwischen Templergraben und Turmstraße.

Das Audimax der RWTH Aachen im Jahr 2025, auf dem Gelände zwischen Templergraben und Turmstraße. Foto: Kleon3, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1853
Strecke Aachen-Maastricht eröffnet
1858
Bahnhof eingeweiht
1910
Letzter Betriebstag
1911
Bahnhofsbauten gesprengt

Lage: Zwischen Templergraben und Turmstraße, Aachen, Nordrhein-Westfalen. Status: Abgerissen, nichts mehr vorhanden. Heute: Parkplatz, Institutsgebäude und Audimax der RWTH Aachen stehen auf dem Areal.

Ein Bahnhof wie eine Burg stand einmal mitten in Aachen.

Der Bahnhof Templerbend hatte zwei zinnenbewehrte Türme, einen Zoll und Züge nach Maastricht, Mönchengladbach und Belgien.

Heute erinnert vor Ort nichts mehr an ihn, denn auf dem Gelände stehen Hochschulgebäude und ein Parkplatz.

Er ist also kein Lost Place, den man besichtigen kann, sondern ein verschwundener Bahnhof.

Dafür gibt es erstaunlich viele alte Bilder, darunter Aufnahmen von 1861 und Ansichtskarten von 1900.

Wie die Bahn nach Aachen kam

In den 1840er Jahren suchte man in Aachen nach neuen Wegen für den Warenverkehr.

Die niederländische Kohlenmine Domanial-Mijn bei Kirchrath wollte bessere Absatzmärkte, und Aachen wollte das Wurmtal mit seinen Fabriken anbinden.

Schon 1831 stellte James Cockerill Pläne für eine Bahn über Maastricht vor.

Der Staat vermutete Privatinteressen, denn Cockerill besaß Kohlenfelder im niederländischen Limburg, und lehnte ab.

Im Herbst 1843 gründete sich ein vorläufiges Komitee für eine Bahn von Aachen nach Maastricht.

1845 entstand die Aachen-Maastrichter Eisenbahn-Gesellschaft.

Am 30. Januar 1846 erhielt sie die Konzession für den preußischen Teil.

Über den Ausgangspunkt gab es Streit: Die Stadt wollte einen Bahnhof am Ponttor, wo viele Spediteure saßen.

Die Handelskammer unter David Hansemann wollte den Anschluss an den Rheinischen Bahnhof im Süden, dem heutigen Hauptbahnhof.

1849 begann der Bau, am 20. Oktober 1853 wurde die Strecke eröffnet.

Sie war 36,5 Kilometer lang, führte entlang der westlichen Stadtmauer und hatte 14 Brücken, 35 Brückentore, 66 Wasserdurchlässe und 42 Bahnübergänge.

Zunächst gab es nur einen provisorischen Bahnhof an der Turmstraße, der 1853 fertig wurde.

Der eigentliche Bahnhof Templerbend entstand dann bis 1858, 1858 wurde er eingeweiht.

Für den Bau mussten Wallmauern der äußeren Stadtmauer und Reste von drei Türmen, dem Gregorius-, Bongarts- und Krückenturm, endgültig fallen.

Die Rückseite des Bahnhofs Templerbend, Ausschnitt aus einer Aufnahme von 1861.
Die Rückseite des Bahnhofs Templerbend, Ausschnitt aus einer Aufnahme von 1861. Foto: Rijksmuseum, Mr. Nostalgic, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

So sah es vorher aus: ein Inselbahnhof wie eine Stadtburg

Der Bahnhof lag auf dem Templerbend, einer Wiese zwischen Templergraben und Turmstraße.

Er war ein Inselbahnhof, denn er diente zugleich als Grenzbahnhof zwischen Deutschland und den Niederlanden und brauchte wegen der Zollformalitäten getrennte Gleise.

Die Nordseite nutzte die Aachen-Maastrichter, die Südseite die Aachen-Düsseldorfer Eisenbahn-Gesellschaft.

Ein Zaun trennte die Zollgleise von den übrigen Gleisen, er verlief sogar mitten durch das Bahnhofsgebäude.

Reisende in die Niederlande wurden im Zollgebäude abgefertigt, und Gewerbetreibende aus dem Umland mussten hier Schlacht- und Mahlsteuer abgeben.

Das Empfangsgebäude war im neugotischen Stil gebaut, dreigeschossig, mit sechs Achsen und einem Mittelrisalit.

Von der südwestlichen Kopfseite wurde es erschlossen, und diese Seite sollte an ein Stadttor erinnern.

Zwei hohe Türme mit Zinnen betonten den Eingang mit seinem Windfang und ließen das Haus wie eine Burganlage wirken.

An das Hauptgebäude schlossen sich niedrigere Anbauten an, und die beiden Hausbahnsteige hatten Dächer als Wetterschutz.

Der alte Bahnhof Templerbend um 1900, Blick von Westen.
Der alte Bahnhof Templerbend um 1900, Blick von Westen. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Eine Ansichtskarte des Bahnhofs Templerbend von 1900.
Eine Ansichtskarte des Bahnhofs Templerbend von 1900. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

An der westlichen Seite entlang der Turmstraße lagen ein langer Zoll- und Güterschuppen und eine Ladestraße.

Man erreichte sie über den Bahnübergang an der Roermonder Straße.

Vor dem Gebäude befand sich eine Drehscheibe, mit der Lokomotiven gewendet wurden.

Nördlich, östlich und südlich des Hauses lagen Rangiergleise mit Stellwerken.

Die Strecken vom Rheinischen Bahnhof nach Maastricht und nach Mönchengladbach verliefen zwischen Hauptbahnhof und Richterich parallel.

Hinter dem Bahnhof Templerbend folgten sie der Turmstraße und der Rütscherstraße und überquerten Eisenbahnviadukte in Laurensberg.

Der Bahnhof Templerbend lag bei Kilometer 2,9 der Strecke nach Maastricht.

1872 wurde auch die Verbindung nach Belgien über Bleyberg und Neutral-Moresnet an den Bahnhof angeschlossen, sie führte noch durch das Göhltal nach Welkenraedt.

Der Bahnhof Templerbend auf einem Ausschnitt des Rappard-Plans von Aachen, um 1860.
Der Bahnhof Templerbend auf einem Ausschnitt des Rappard-Plans von Aachen, um 1860. Foto: Major F. von Rappard, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Ausschnitt eines Lageplans von 1893 mit dem Bahnhof Templerbend und der Trassenführung.
Ausschnitt eines Lageplans von 1893 mit dem Bahnhof Templerbend und der Trassenführung. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Güterverkehr, Pacht und neue Bahnhöfe

Wegen schlechter Erträge wurde die Strecke Aachen, Maastricht und Landen am 1. August 1867 an die Chemin de fer Grand Central Belge verpachtet.

Die Gemeinschaftsstrecke mit der Aachen-Düsseldorfer Eisenbahn bis Kämpchen ging an die Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft.

1875 baute man ausgangs des Bahnhofs für die aus Düsseldorf kommenden Züge einen eigenen Rangierbahnhof mit einem neuen Betriebswerk.

Dahinter stand ein wachsendes Güteraufkommen.

In den 1890er Jahren wurde der Moltkebahnhof bei Burtscheid als reiner Güterbahnhof eröffnet.

Deshalb mussten die Gütergleise der Bahnhöfe Templerbend, Marschiertor und Aachen Nord aufgegeben werden.

Der Bahnhof Templerbend blieb ein Bahnhof für Reisende und für den Grenzverkehr.

Warum der Bahnhof weichen musste

Nebenan lag die Technische Hochschule, die 1870 gegründet wurde und ihren Hauptsitz am Templergraben hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts wollte sie unter Rektor Wilhelm Borchers stark wachsen und beanspruchte den Platz des Bahnhofs.

Deshalb baute man wenige hundert Meter westlich einen neuen Bahnhof, Aachen West.

Auch die Trasse zwischen Westbahnhof und dem Abzweig bei Richterich musste verlegt werden.

Sie lief nun in einem großen Bogen am Gut Schurzelt vorbei, über ein neues Viadukt an der Rathausstraße, und traf 500 Meter weiter auf die alte Trasse.

Der neue Güterbahnhof Aachen West ging am 1. Oktober 1910 zusammen mit der neuen Trasse in Betrieb.

Der Personenverkehr am Westbahnhof begann am 30. Oktober 1910.

Einen Tag vorher, am 29. Oktober 1910, wurden der Bahnhof Templerbend und die alte Trasse stillgelegt.

1911 wurden die Bahnhofsbauten der Wikipedia zufolge gesprengt.

Aachen West im Jahr 1986, der Nachfolgebahnhof des Bahnhofs Templerbend.
Aachen West im Jahr 1986, der Nachfolgebahnhof des Bahnhofs Templerbend. Foto: Smiley.toerist, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sieht es jetzt aus

Auf dem ehemaligen Bahnhofsareal erinnert nichts mehr an Templerbend.

Rund um einen großen Institutsparkplatz stehen das Rogowski-Institut, das Institut für Maschinenelemente und Maschinengestaltung und das Audimax der RWTH Aachen.

Das gibt auch die Wikipedia für das Gelände zwischen Templergraben und Turmstraße an.

Das KuLaDig-Portal des Landschaftsverbands Rheinland nennt als Lage den Bereich der heutigen Technischen Hochschule an der Schinkelstraße.

Das Rogowski-Institut der RWTH Aachen, 2023.
Das Rogowski-Institut der RWTH Aachen, 2023. Foto: Sascha Faber, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der alte Verlauf der Strecke ist dagegen noch größtenteils in Laurensberg zu erkennen und auf Luftbildern zu sehen.

Teile davon werden heute als Rad- und Fußweg genutzt.

Der Nachfolger Aachen West ist heute ein Personen- und Rangierbahnhof mit zwei Bahnsteiggleisen, die Montzenroute zweigt dort ab und wird nur im Güterverkehr befahren.

Das Empfangsgebäude des Westbahnhofs von 1910 wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, durch einen schlichten Neubau ersetzt und im Januar 2013 abgerissen, um Platz für einen neuen Campus zu schaffen.

Blick von der Brücke an der Turmstraße auf die Gleise bei der Ausfahrt aus Aachen West Richtung Aachen Schanz, 2020.
Blick von der Brücke an der Turmstraße auf die Gleise bei der Ausfahrt aus Aachen West Richtung Aachen Schanz, 2020. Foto: ArthurMcGill, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein Kesselwagenzug fährt 2019 nach Aachen West ein.
Ein Kesselwagenzug fährt 2019 nach Aachen West ein. Foto: Der Messer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher

Auf den Aufnahmen von 1861 und 1900 steht ein stattlicher Bahnhof mit Türmen, Bahnsteigdächern und Güterwagen.

Das Bild von 2025 zeigt ein Hochschulgebäude, das Audimax, auf demselben Gelände.

Der Bahnhof wurde nicht stillgelegt, weil er verfiel, sondern weil eine Hochschule Platz brauchte.

Damit ist Templerbend ein Beispiel für einen Bahnhof, den die Stadtentwicklung verdrängte.

Besuch und Betreten

Es gibt nichts zu besichtigen, denn die Bahnhofsbauten und Gleise sind verschwunden.

Das Gelände gehört zum Hochschulbereich der RWTH Aachen mit Parkplatz und Institutsgebäuden.

Wer sich den früheren Verlauf ansehen will, kann in Laurensberg Teilen der alten Trasse als Rad- und Fußweg folgen.

Gleise und Bahngelände in Aachen West sind Bahnanlagen und dürfen nicht betreten werden.

1846: Die Aachen-Maastrichter Eisenbahn erhält ihre Konzession am 30. Januar.

1853: Die Strecke Aachen–Maastricht geht am 20. Oktober in Betrieb, ein provisorischer Bahnhof entsteht.

1858: Der Bahnhof Templerbend wird eingeweiht.

1872: Die Verbindung nach Belgien wird an den Bahnhof angeschlossen.

1875: Neuer Rangierbahnhof mit Betriebswerk für die Düsseldorfer Züge.

1910: Aachen West geht in Betrieb, Templerbend schließt am 29. Oktober.

1911: Die Bahnhofsbauten werden gesprengt.

2013: Das Empfangsgebäude von Aachen West wird abgerissen.

Wo lag der Bahnhof Templerbend?
Im Westen der Aachener Innenstadt zwischen Templergraben und Turmstraße, im Bereich der heutigen Technischen Hochschule an der Schinkelstraße.
Warum hieß er Templerbend?
Er stand auf dem Templerbend, der Templerwiese. Mehr zur Herkunft des Namens ist in den verwendeten Quellen nicht belegt.
Warum wurde der Bahnhof geschlossen?
Die Technische Hochschule wollte wachsen und beanspruchte den Platz. Deshalb baute man wenige hundert Meter westlich den Bahnhof Aachen West und schloss Templerbend am 29. Oktober 1910.
Was war das Besondere an dem Bahnhof?
Er war ein Inselbahnhof und Grenzbahnhof mit Zoll, und das neugotische Empfangsgebäude hatte zwei hohe Türme mit Zinnen, die an ein Stadttor erinnerten.
Ist etwas vom Bahnhof erhalten?
Nein. Auf dem Gelände stehen heute Parkplatz, Institutsgebäude und das Audimax der RWTH.
Gibt es den Nachfolgebahnhof noch?
Ja. Aachen West ist ein Personen- und Rangierbahnhof, von dem die Montzenroute für den Güterverkehr abzweigt.

Der Bahnhof Templerbend hat nur noch ein Dasein in Archiven und auf Bildern.

Er war über Jahrzehnte ein Grenzbahnhof und fiel dem Wachstum der Hochschule zum Opfer.

Wer heute über das Gelände geht, steht dort, wo einst der Bahnhof lag.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnhof Templerbend · Wikipedia: Bahnhof Aachen West · KuLaDig (LVR): Bahnhof Templerbend · KuLaDig (LVR): Aachen-Maastrichter Eisenbahn

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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