Der Bahnhof Dittwar: Eine Station im Tal, um die ein Industriegebiet wuchs

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof Dittwar: Eine Station im Tal, um die ein Industriegebiet wuchs

Der Bahnhof Dittwar lag an der Stichbahn Tauberbischofsheim–Königheim, die 1914 als letzte Strecke der Badischen Staatsbahn eröffnet wurde. Seit 1968 fährt hier kein Zug mehr, doch um den Bahnhof entstand ein Gewerbegebiet, und ein Stück Gleis blieb bis in die 1990er Jahre in Betrieb.

Der Bahnhof Dittwar im Juli 1984, Blick Richtung Königheim, mit dem überdachten Außenbereich des Wartesaals und rechts der ehemaligen Stückgutlagerhalle.
Der Bahnhof Dittwar im Juli 1984, Blick Richtung Königheim, mit dem überdachten Außenbereich des Wartesaals und rechts der ehemaligen Stückgutlagerhalle. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1914
Eröffnung der Strecke
1968
Letzter Personenzug
1981
Gebäude in Privatbesitz
1990er
Anschlussgleis endet

Lage: Wohnplatz Bahnhof Dittwar, Stadt Tauberbischofsheim (Main-Tauber-Kreis, Baden-Württemberg), im Brehmbachtal an der B 27. Status: ohne Zugverkehr, die Strecke ist stillgelegt. Heute: Das Gebäude ist in Privatbesitz, die Umgebung ist ein Gewerbegebiet. Gleisreste liegen im Betriebsgelände und am Radweg.

Der Bahnhof Dittwar liegt nicht in einem Dorf, sondern allein im Tal des Brehmbachs, etwa zwei Kilometer nördlich von Dittwar.

Er gehörte zur Stichbahn von Tauberbischofsheim nach Königheim, die 1914 als letzte Strecke der Badischen Staatsbahnen eröffnet wurde.

Am 26. Mai 1968 fuhr der letzte Personenzug, und heute steht das alte Empfangsgebäude in Privatbesitz.

Rund um den Bahnhof entstand ein Wohnplatz mit Gewerbegebiet, und noch bis in die 1990er Jahre kam hier ein Güterzug an.

Dieser Beitrag zeigt Fotos von 1984, als noch zwei Gleise lagen, und von heute.

Das Gebäude und die Firmengelände sind nicht öffentlich zugänglich, man sieht sie von Straße und Radweg aus an.

Eine Bahn, die nicht bis zum Ziel kam

Die Idee zur Bahn entstand in den 1870er Jahren.

Die Gemeinden zwischen dem hinteren Odenwald und dem Taubertal forderten in Petitionen eine Eisenbahn von Walldürn nach Tauberbischofsheim.

Ein Gutachten der Badischen Staatsbahnen von Dezember 1903 hielt eine solche Verbindung für völlig unwirtschaftlich, und der Staat lehnte sie zunächst ab.

Die Gemeinden gaben nicht auf, und ein 1905 in Tauberbischofsheim gegründetes Eisenbahnkomitee erreichte im September 1906, dass die Staatsbahn eine geradere und angeblich billigere Trasse untersuchte.

Das Ergebnis, Ende 1907 vorgelegt, fiel vernichtend aus.

Statt der zuvor berechneten 4,7 Millionen Mark wären es 5,2 Millionen geworden, die höchsten Baukosten pro Kilometer, die es in Baden für eine Bahn gegeben hätte.

Für eine Stichbahn bis Königheim bescheinigte das Gutachten aber die Bauwürdigkeit.

Die badische Regierung verwarf die Durchgangsstrecke daraufhin endgültig, und am 2. September 1908 wurde der Bau der Stichbahn als Staatsbahn beschlossen.

Die Bauarbeiten begannen 1910, und am 1. Dezember 1914 eröffneten die Badischen Staatseisenbahnen den Betrieb ohne große Feier, weil der Erste Weltkrieg bereits begonnen hatte.

Die geplante Verlängerung zur Strecke Walldürn–Hardheim wurde nie fertiggestellt.

Der Stationsname „DITTWAR“ aus gegossenen Einzelbuchstaben, aufgenommen im Juli 1984.
Der Stationsname „DITTWAR“ aus gegossenen Einzelbuchstaben, aufgenommen im Juli 1984. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Strecke durch das Brehmbachtal

Die Strecke war 6,4 Kilometer lang und eingleisig.

Sie zweigte etwa einen halben Kilometer nach dem Bahnhof Tauberbischofsheim von der Strecke Lauda–Wertheim ab.

Mit zwei Brücken überquerte sie zunächst den Brehmbach und die B 27, dann folgte sie dem Brehmbachtal bachaufwärts, parallel zur B 27.

Beim heutigen Wohn- und Industriegebiet Bahnhof Dittwar führte ein Bahndamm über das Tal des Muckbachs, kurz vor dessen Mündung in den Brehmbach.

Gleich hinter dem Damm kreuzte die Trasse die L 578 vor dem Bahnhof Dittwar.

Von dort ging es an der linken Hangseite des Tals weiter bis zum Endbahnhof Königheim.

Von 1915 bis 1917 und von ungefähr 1930 bis zum Ende der 1940er Jahre fuhr ein Kittel-Dampftriebwagen, ab 1952 Uerdinger Schienenbusse der Baureihe VT 95.

Eine Eisenbahnbrücke der ehemaligen Strecke Tauberbischofsheim–Königheim über die B 27, im Hintergrund die Brücke der Taubertalbahn, aufgenommen im Mai 2020.
Eine Eisenbahnbrücke der ehemaligen Strecke Tauberbischofsheim–Königheim über die B 27, im Hintergrund die Brücke der Taubertalbahn, aufgenommen im Mai 2020. Foto: Triplec85, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sah es vorher aus: Güter, Güter, Güter

Wie sehr der Bahnhof den Ort bestimmte, zeigt eine alte Gemarkungskarte.

Im Jahr 1932 stand außer dem Bahnhof kein weiteres Gebäude an der Stelle des heutigen Wohn- und Industriegebiets.

Dann wuchs das Gebiet um die Station herum.

Bis 1968 herrschte bei der Güterabfertigung in Dittwar Hochbetrieb, alle ansässigen Firmen wickelten ihren gesamten Warenumschlag über die Station ab.

Zu den früheren Betrieben am Bahnhof gehörten eine Gießerei, eine Hemdenfabrik, eine Knopffabrik, eine Strumpffabrik, eine Spedition und ein Glasbetrieb.

Auf Fotos von 1984 sieht man, was vom Bahnhof damals noch stand.

Es lagen noch die Gleise 1 und 2, und rechts vom Empfangsgebäude stand die ehemalige Stückgutlagerhalle mit Kopf- und Seitenladerampe.

Der überdachte Außenbereich des Wartesaals hat drei Rundbögen.

Der Stationsname hängt aus gegossenen Einzelbuchstaben, und in der Bahnhofslampe aus den 1920er oder 1930er Jahren war 1984 noch eine Glühbirne eingeschraubt.

Eine Eisenbahnschwelle aus dem Jahr 1913 trägt den Namen der Firma Gebr. Stumm.

Eine gegossene Eisenschwelle am Bahnhof Dittwar mit der Jahreszahl 1913, aufgenommen im Juli 1984.
Eine gegossene Eisenschwelle am Bahnhof Dittwar mit der Jahreszahl 1913, aufgenommen im Juli 1984. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Stilllegung 1968

Im Jahr 1966 leitete die Deutsche Bundesbahn ein Stilllegungsverfahren ein.

Nach der Genehmigung am 5. Februar 1968 endete der Personenverkehr am 26. Mai 1968 und der Güterverkehr am 31. Dezember 1968.

Bereits im Mai 1969 wurden die Gleise zwischen dem Industriegebiet Dittwar und Königheim abgebaut.

Die Gemeinde Königheim übernahm 1970 das fünf Hektar große Bahngelände dort, um eine Mehrzweckhalle und ein Sportzentrum zu bauen, in die das alte Empfangsgebäude einbezogen wurde.

Der Lokschuppen dient als Lagerhalle für Vereine.

Das Empfangsgebäude in Dittwar kam 1981 in Privatbesitz, auf einem Foto von 1984 ist es schon privat genutzt.

Das Bahnhofsgebäude des Endbahnhofs Königheim im Mai 2007.
Das Bahnhofsgebäude des Endbahnhofs Königheim im Mai 2007. Foto: K. Jähne, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Flut von 1984 und das Anschlussgleis

Der Abschnitt von Tauberbischofsheim bis zum Industriegebiet am Dittwarer Bahnhof blieb als Anschlussgleis für die ansässigen Firmen erhalten.

Eine Kleinlok aus Tauberbischofsheim bediente es bis in die 1990er Jahre.

Bei der Fronleichnamsflut 1984 wurde der Bahndamm im Muckbachtal im Bereich des Durchlasses zerstört.

Im Sommer 1984 schüttete man ihn wieder auf und schloss die Gleislücke.

Der Bahndamm am Muckbachdurchlass im Sommer 1984 nach dem Hochwasser, Blick Richtung Tauberbischofsheim.
Der Bahndamm am Muckbachdurchlass im Sommer 1984 nach dem Hochwasser, Blick Richtung Tauberbischofsheim. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der wieder aufgeschüttete Bahndamm am Bahnhof Dittwar im Sommer 1984, Blick Richtung Tauberbischofsheim.
Der wieder aufgeschüttete Bahndamm am Bahnhof Dittwar im Sommer 1984, Blick Richtung Tauberbischofsheim. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Kleinlok DB 323 760-9 rangiert 1984 in Tauberbischofsheim, sie bediente bis in die 1990er Jahre das Gewerbegebiet am Bahnhof Dittwar.
Die Kleinlok DB 323 760-9 rangiert 1984 in Tauberbischofsheim, sie bediente bis in die 1990er Jahre das Gewerbegebiet am Bahnhof Dittwar. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein Betrieb mit Gleisanschluss im Gewerbegebiet Dittwar im Juli 1984, Blick Richtung Tauberbischofsheim.
Ein Betrieb mit Gleisanschluss im Gewerbegebiet Dittwar im Juli 1984, Blick Richtung Tauberbischofsheim. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Gleisstück Richtung Königheim im Gewerbegebiet Dittwar im Sommer 1984, es endet nach etwa 200 Metern.
Das Gleisstück Richtung Königheim im Gewerbegebiet Dittwar im Sommer 1984, es endet nach etwa 200 Metern. Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Ende der Gleise

Das Gleisreststück Richtung Königheim endete 1984 nach etwa 200 Metern im Brehmbachtal auf Höhe des Bischofsheimer Gründle, rund 2,24 Kilometer vor dem früheren Endbahnhof Königheim.

In den 1990er Jahren wurde auch der Anschluss aufgegeben.

Heute liegen noch rund zwei Kilometer Schienen von der Brücke über den Brehmbach bei der Anschlussstelle Tauberbischofsheim bis an den Rand des Industriegebiets.

Die teilweise überwachsenen Gleise enden beim Muckbachtalradweg am früheren Bahndamm.

Befahren lässt sich die Strecke nicht mehr.

Das Ende der Gleise der Strecke Tauberbischofsheim–Königheim am Bahnhof Dittwar im Mai 2007.
Das Ende der Gleise der Strecke Tauberbischofsheim–Königheim am Bahnhof Dittwar im Mai 2007. Foto: K. Jähne, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Muckbachtalradweg überquert die Gleise der ehemaligen Strecke am Bahnhof Dittwar, Juli 2017.
Der Muckbachtalradweg überquert die Gleise der ehemaligen Strecke am Bahnhof Dittwar, Juli 2017. Foto: Triplec85, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sieht es jetzt aus

Der Bahnhof Dittwar ist heute ein Wohnplatz mit Gewerbegebiet an der B 27 und der L 578.

Im Industriegebiet sind heute unter anderem ein Malerbetrieb, ein Baubetrieb, ein Glastechnik-Hersteller, ein Metallbetrieb, ein Betonwerk und seit 2019 eine Getreideerfassungsstelle der Raiffeisen angesiedelt.

Das Empfangsgebäude steht in Privatbesitz.

Die Radwege Brehmbachtalradweg und Muckbachtalradweg kreuzen sich beim Bahnhof, und nach etwa zwei Kilometern besteht in Tauberbischofsheim Anschluss an den Taubertalradweg.

Blick auf das Wohn- und Industriegebiet Bahnhof Dittwar im August 2019.
Blick auf das Wohn- und Industriegebiet Bahnhof Dittwar im August 2019. Foto: Triplec85, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Getreideerfassungsstelle ZG Raiffeisen am Bahnhof Dittwar, aufgenommen im Juni 2021.
Die Getreideerfassungsstelle ZG Raiffeisen am Bahnhof Dittwar, aufgenommen im Juni 2021. Foto: Triplec85, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

Vorher und nachher

Im Jahr 1932 stand hier nur der Bahnhof.

Heute dominieren Firmengebäude und Silos das Tal an der Stelle.

Die Gleise, die 1984 noch ins Tal liefen, sind verschwunden oder überwachsen.

Aus der Station, die alle Güter der Firmen umschlug, ist ein Ort geworden, an dem Radwege kreuzen.

Die Geschichte in Daten

1903: Ein Gutachten hält die Bahn von Walldürn nach Tauberbischofsheim für unwirtschaftlich.

2.9.1908: Der Bau der Stichbahn bis Königheim wird per Gesetz beschlossen.

1910: Die Bauarbeiten beginnen.

1.12.1914: Die Staatsbahn eröffnet die Strecke Tauberbischofsheim–Königheim.

1932: Eine Gemarkungskarte zeigt, dass außer dem Bahnhof kein weiteres Gebäude dort steht.

1952: Uerdinger Schienenbusse übernehmen den Personenverkehr.

26.5.1968: Der Personenverkehr endet.

31.12.1968: Der Güterverkehr endet.

5.1969: Die Gleise zwischen Dittwar und Königheim werden abgebaut.

1981: Das Bahnhofsgebäude geht in Privatbesitz.

1984: Die Fronleichnamsflut zerstört den Bahndamm im Muckbachtal, er wird wieder aufgebaut.

2014: Eine Ausstellung des Heimatvereins Brehmbachtal erinnert in Königheim an 100 Jahre Bahn.

Häufige Fragen

Fährt in Dittwar noch ein Zug?
Nein, der Personenverkehr endete am 26. Mai 1968, der Güterverkehr am 31. Dezember 1968. Ein Anschlussgleis bediente das Gewerbegebiet noch bis in die 1990er Jahre.
Darf man den alten Bahnhof betreten?
Das Empfangsgebäude gehört seit 1981 einer Privatperson, und das Umfeld ist ein Betriebsgelände, deshalb schaut man es sich von Straße und Radweg aus an.
Warum heißt der Bahnhof Dittwar, obwohl der Ort zwei Kilometer entfernt ist?
Er liegt auf der Gemarkung von Dittwar, dem Ortsteil von Tauberbischofsheim, und der Ort selbst liegt weiter südlich im Tal.
Wie lang war die Strecke?
Sie war 6,4 Kilometer lang und endete in Königheim, die geplante Verlängerung zur Strecke Walldürn–Hardheim wurde nie gebaut.
Wo erinnert man sich an die Bahn?
Der Heimatverein Brehmbachtal zeigte 2014 in Königheim eine Ausstellung mit einem Modellnachbau des Bahnareals und gab ein Begleitheft heraus.
Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnhof Dittwar · Wikipedia: Bahnstrecke Tauberbischofsheim–Königheim · Wikipedia: Dittwar · Wikimedia Commons: Dateibeschreibungen der verwendeten Bilder

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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