Der Bahnhof Stuttgart West: Ein Halt ohne Zug an der Panoramabahn
Am Stuttgarter Westbahnhof halten seit 1985 keine Reisezüge mehr, obwohl die Gäubahn direkt vorbeiführt. Vom alten Bahnhof blieben ein Stellwerk, eine Bahnsteigkante und viele Spuren im Gelände.


Lage: Stuttgart-West an der Gäubahn, südlich des Hauptbahnhofs vor dem Hasenbergtunnel. Status: kein Halt für Reisezüge seit 1985, die Strecke ist in Betrieb und der Bahnhof heute ein reiner Betriebsbahnhof. Heute: Das Stellwerk steht unter Denkmalschutz, das Gleisgelände ist Bahngelände und darf nicht betreten werden.
Der Bahnhof Stuttgart West gehört zu den Orten, an denen der Zug noch vorbeifährt, aber nicht mehr hält.
Die Gäubahn führt direkt am Gelände entlang, doch seit 1985 gibt es hier keinen Reiseverkehr mehr.
Vom Bahnhof ist wenig geblieben, ein Stellwerk, eine Bahnsteigkante und eine Reihe von Spuren im Gelände.
Aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg gibt es auf Wikimedia Commons freie Fotos, die Harald Knauer zwischen 1975 und 1987 aufnahm, und eine Entwurfszeichnung von 1890.
Aus der Zeit zwischen der Eröffnung und 1975 gibt es dort kaum freie Fotos des Bahnhofs, das sagen wir offen.
Wo der Bahnhof liegt
Der Bahnhof liegt auf 370 Metern Höhe am Rand des Stuttgarter Talkessels.
Unmittelbar südlich folgt der 258 Meter lange Hasenbergtunnel der Gäubahn, der nach Heslach führt.
Zum Stuttgarter Hauptbahnhof sind es 8,571 Kilometer auf der Strecke.
Der nächste Bahnhof auf der anderen Seite des Tunnels war der Haltepunkt Stuttgart-Heslach in etwa 800 Metern Entfernung.
Im Bahnhofsvorfeld lag das Industriegebiet Unter dem Birkenkopf, in das viele Gleisanschlüsse führten.
Entstehung: Eine Station zum Kreuzen
Die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen vollendeten die Bahnstrecke Stuttgart-Horb im September 1879.
Gleichzeitig entstand die Station, die zunächst Stuttgart Hasenberg hieß und an der Rotenwaldstraße lag, die eigens als Zufahrtsstraße gebaut wurde.
Sie lag außerhalb der damaligen Residenzstadt und fast 80 Meter höher.
Ihr Zweck war es, auf der zunächst eingleisigen Strecke Zugkreuzungen zu ermöglichen, denn auf der Gefällstrecke von Vaihingen auf den Fildern nach Stuttgart gab es sonst keine andere Gelegenheit dazu.
Die Station war 626 Meter lang und zunächst einfach eingerichtet.
Das Empfangsgebäude war als Provisorium gedacht, hatte eine Länge von 48 Metern und blieb bis 1960 bestehen.
Am 1. Mai 1895 wurde der Name von Hasenberg in Stuttgart West geändert.

Die Strecke war für die Züge anspruchsvoll, denn sie stieg stark an, und Vorspann- oder Schiebelokomotiven halfen bis Stuttgart West.
Außerdem plante man zunächst, den Bahnhof zum Verzweigungsbahnhof zu machen.
Eine Güterumgehungsbahn zwischen Hasenberg und Zuffenhausen sollte den Durchgangsgüterverkehr um den Hauptbahnhof herumleiten.
Sie wurde nie gebaut, ein Teil der Trasse war aber bereits begonnen worden und endet etwa 800 Meter nach dem Bahnhof in einem tiefen Einschnitt unterhalb des Botnanger Sattels.
So sah es vorher aus: Ein Bahnhof mit Güterverkehr und Anschluss ans Stadtnetz
Zunächst war die Station nur für Personen und Gepäck eingerichtet.
Am 1. Oktober 1888 wurde sie zum Wagenladungsbahnhof ausgebaut, 1894 und 1895 übernahm sie weitere Aufgaben im Güterverkehr zur Entlastung des Hauptbahnhofs.
Gleichzeitig wurde der Streckenabschnitt zum Hauptbahnhof zweigleisig ausgebaut.
Als die Bebauung im Stuttgarter Westen weiter auf den Bahnhof zuwuchs und die Straßenbahn am 7. Dezember 1899 an ihn angeschlossen wurde, wuchs seine Bedeutung auch im Personenverkehr.
Zwischen 1908 und 1913 folgten umfangreiche Erweiterungen, und hinter dem Bahnhof entstand ein ausgedehntes Industriegebiet.
Für den Personenverkehr gab es drei Gleise.
Gleis 1 lag am Hausbahnsteig, die Gleise 2 und 3 am Mittelbahnsteig, den man über eine Unterführung erreichte.
Deutlich umfangreicher waren die Gütergleise mit mehreren Durchgangsgleisen und zahlreichen Anschlüssen im Industriegebiet.
Zu den Kunden zählten unter anderem ein Altpapierhändler, ein Hersteller von Papierwaren, ein Betonwerk und mehrere Handelsfirmen.

1927 ging das mechanische Stellwerk Swt kurz vor dem Portal des Hasenbergtunnels in Betrieb.
1954 folgte das ebenfalls mechanische Stellwerk Stuttgart West, kurz Swf, an der Ausfahrt Richtung Hauptbahnhof.
1960 wurde das baufällige alte Empfangsgebäude abgerissen und durch einen neuen Flachbau ersetzt.
Am 26. Mai 1963 wurde die Strecke Stuttgart-Böblingen elektrifiziert, und der Bahnhof Stuttgart West gehörte seitdem zum elektrischen Stuttgarter Vorortverkehr.
Am 30. September 1978 wurde die Straßenbahnstrecke zum Westbahnhof eingestellt, seitdem fährt ein Bus dorthin.


Niedergang: Die S-Bahn nimmt einen anderen Weg
Ende September 1985 änderte sich alles.
Die S-Bahn fuhr nun von Schwabstraße durch den neu erbauten Hasenbergtunnel der Verbindungsbahn nach Vaihingen.
Die Nahverkehrszüge auf der Strecke Stuttgart-Böblingen wurden durch die S1 ersetzt.
Damit war der Westbahnhof für den Personenverkehr nicht mehr nötig und wurde nach mehr als 100 Jahren aufgelassen.
Die weiterhin verkehrenden Eil- und Schnellzüge fahren ihn seitdem ohne Halt durch.


Der Güterverkehr lief noch einige Jahre weiter.
Bis 1993 wurden die Gleisanschlüsse im Industriegebiet bedient, ein Großteil der Verladeeinrichtungen war aber schon vorher abgebaut.
1993 ersetzte ein Drucktastenstellwerk die beiden mechanischen Stellwerke, es wird vom Stellwerk Stuttgart-Vaihingen ferngesteuert.
Gleis 3 diente noch einige Jahre als Ausweich- und Überholgleis und wurde um die Jahrtausendwende vom übrigen Netz getrennt.
Das Empfangsgebäude wurde Ende 1994 abgerissen, an seiner Stelle entstand ein Büro- und Geschäftskomplex.
Die Quellen nennen für den Abriss unterschiedliche Jahre, eine Zeitung spricht von 1993 für den Westbahnhof insgesamt.
Sicher ist, dass von den Bahnhofsgebäuden die Stellwerke blieben, wobei nach Wikipedia beide erhalten sind, während eine Zeitung nur das denkmalgeschützte Stellwerk nennt.

So sieht es jetzt aus
Heute ist Stuttgart West ein reiner Betriebsbahnhof.
Auf dem früheren Bahnhofsvorplatz hält eine Haltestelle namens Westbahnhof, die die Buslinien 44, 50 und 92 der SSB bedienen.
Gut zu erkennen ist noch die alte Bahnsteigkante des Hausbahnsteigs an Gleis 1.
Die Straße Am Stellwerk wurde erst nach der Aufgabe des Bahnhofs gebaut und verläuft fast vollständig auf den früheren Gütergleisen.
Am Stahlviadukt der Straße Unter dem Birkenkopf lässt sich die Größe der alten Anlage ablesen.
Die Durchfahrt ist etwa 40 Meter lang, und früher verliefen dort sechs Gleise nebeneinander, während heute nur zwei Gäubahn-Gleise erhalten sind.
Links und rechts der Dantestraße gibt es vereinzelt noch Gleisreste im Bereich der früheren Industrieanschlüsse.

Das Gleisgelände ist Bahngelände und darf nicht betreten werden.
Man kann den Ort gut von der Straße aus ansehen.
Das Stellwerk: Atelier, Café und Denkmal
Das Stellwerk Swt von 1927 steht heute unter Denkmalschutz und ist das bekannteste Überbleibsel des Bahnhofs.
Der Stuttgarter Grafiker Kurt Weidemann nutzte es ab 2000 als Arbeitsplatz.
Er baute das Häuschen um, so standen dort Bücher statt der früheren Seilzüge.
Nach seinem Tod 2011 verkauften seine Erben das Haus später an einen Eisenbahnfreund.
Seit 2025 vermietet eine neue Pächterin das Haus für Feiern und Hochzeiten und eröffnete ein Pop-up-Café, die Stellwerkerei, direkt an den Gleisen der Gäubahn.
Für Veranstaltungen bietet das Haus auf drei Ebenen Platz für bis zu 50 Personen.
2027 wird das Gebäude 100 Jahre alt.


Vorher und nachher: Ein Stellwerk überlebt den Bahnhof
Auf dem Foto von 1987 steht das Stellwerk zwischen Gleisen, Kohlenbansen und einem Bauzug.
Auf dem Foto von 2018 steht das Haus zwischen Pflanzen, ein Gleis ist nicht im Bild.
Der Bahnbetrieb ist gewichen, geblieben ist das Haus mit dem Aufsatz auf dem Dach.
Das Haus zeigt, dass sich Bahnanlagen weiternutzen lassen, auch wenn der Bahnhof verschwindet.
Die Zukunft der Strecke
Die Gäubahn zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen heißt Panoramabahn, weil sie den Blick auf den Stuttgarter Talkessel öffnet.
Im Zuge von Stuttgart 21 soll diese Strecke einschließlich des Bahnhofs West außer Betrieb genommen werden.
Bis November 2025 war dafür der März 2027 vorgesehen, danach wurde die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 auf unbestimmte Zeit verschoben.
Eine Studie vom Juli 2022 schlägt vor, in Stuttgart West ein ferngesteuertes elektronisches Stellwerk zu errichten.
Um die Strecke bis mindestens 2029 weiter zu betreiben, sperrte die DB InfraGO sie nach Angaben von Wikipedia vom 24. April bis 22. Mai 2026 für Gleisarbeiten.
Die Geschichte in Daten
September 1879: Eröffnung der Strecke Stuttgart-Horb mit der Station Hasenberg.
1. Oktober 1888: Ausbau zum Wagenladungsbahnhof.
1. Mai 1895: Die Station heißt nun Stuttgart West.
7. Dezember 1899: Anschluss an das Straßenbahnnetz.
1927: Das Stellwerk Swt geht in Betrieb.
1954: Das Stellwerk Swf geht in Betrieb.
1960: Ein neuer Flachbau ersetzt das alte Empfangsgebäude.
26. Mai 1963: Elektrischer Vorortverkehr nach Böblingen.
Ende September 1985: Der Personenverkehr endet, die S-Bahn fährt durch den neuen Tunnel.
1993: Ende des Güterverkehrs, ein Drucktastenstellwerk ersetzt die mechanischen Stellwerke.
Ende 1994: Abriss des Empfangsgebäudes.
2000: Kurt Weidemann richtet im Stellwerk Swt sein Atelier ein.
Häufige Fragen
Hält am Bahnhof Stuttgart West noch ein Zug?
Wie hieß der Bahnhof früher?
Was ist vom Bahnhof erhalten?
Darf man das Stellwerk besuchen?
Wann wurde der Bahnhof geschlossen?
Was passiert mit der Strecke?
Der Bahnhof Stuttgart West zeigt, wie ein Bahnhof sterben kann, während die Strecke weiterlebt.
Ein Stellwerk und ein paar Meter Bahnsteigkante erinnern daran, dass hier Züge hielten.
Wikipedia: Bahnhof Stuttgart West · Wikipedia: Bahnstrecke Stuttgart-Horb · Stuttgarter Zeitung: Kleinod der Eisenbahngeschichte, Stellwerk West neu verpachtet · Stuttgarter Zeitung: Stellwerk im Stuttgarter Westen
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