Der Bahnhof München Olympiastadion: Ein Geisterbahnhof im Olympiapark

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof München Olympiastadion: Ein Geisterbahnhof im Olympiapark

Für die Olympischen Spiele 1972 gebaut, nach der Fußball-EM 1988 geschlossen: Der S-Bahnhof am Münchner Olympiastadion wartet seit Jahrzehnten ohne Züge. Heute wächst Natur zwischen den Gleisen, und die Stadt plant einen Ort für Jugendkultur.

VORHER · 1972

Ein S-Bahn-Zug im Bahnhof Olympiastadion, im Hintergrund die Hochhäuser der Pressestadt, fotografiert 1972 von Willy Pragher.

Ein S-Bahn-Zug im Bahnhof Olympiastadion, im Hintergrund die Hochhäuser der Pressestadt, fotografiert 1972 von Willy Pragher. Foto: Willy Pragher, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2006

Blick auf die Bahnsteige, 2006: Die Gleise liegen noch, Züge fahren nicht mehr.

Blick auf die Bahnsteige, 2006: Die Gleise liegen noch, Züge fahren nicht mehr. Foto: Myself, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Kurz erklärt
1972
Erster Zug vor den Spielen
1984
Regelmäßige Halte bei Fußballspielen
1988
Schließung nach der EM
2011
Stadt München kauft das Gelände

Lage: München, Am Riesenfeld, nördlich des Olympiaparks. Status: seit 1988 stillgelegt, Teil des denkmalgeschützten Ensembles Olympiapark, Eigentum der Stadt München. Heute: Geisterbahnhof, der eingezäunt ist und nicht betreten werden darf.

Der Bahnhof München Olympiastadion gehört zu den bekanntesten Geisterbahnhöfen Deutschlands.

Er wurde für die Olympischen Sommerspiele 1972 gebaut und nach der Fußball-Europameisterschaft 1988 endgültig geschlossen.

Für die Frühzeit gibt es auf Wikimedia Commons freie Fotos aus dem Staatsarchiv Freiburg, die der Fotograf Willy Pragher 1972 aufnahm, und ein Foto von 1985.

Aus den Jahren dazwischen und von der Zeit vor dem Bahnhof gibt es kaum freie Aufnahmen, deshalb stammt der größere Teil der Bilder aus den Jahren seit 2005.

Die Bilder zeigen Gleise, Bahnsteige und Dächer, keine Menschen im Vordergrund.

Wo der Bahnhof liegt

Der Bahnhof liegt im Norden Münchens an der Straße Am Riesenfeld, am Rand des Olympiaparks.

Das Gelände gehört zum Oberwiesenfeld, einem großen Areal, das früher als Artillerieübungsplatz, Exerzierplatz und Kasernengelände diente.

Ab 1909 wurde es auch als Flugplatz genutzt.

Seit 1972 befindet sich auf dem nördlichen und größten Teil des Oberwiesenfelds der Münchner Olympiapark.

So sah es vorher aus: Eine alte Bahntrasse ohne Bedeutung

Eisenbahn gab es auf dem Gebiet lange vor 1972.

Ab 1858 verlief hier die Bahnstrecke nach Landshut, die die Königlich privilegierte Actiengesellschaft der bayerischen Ostbahnen gebaut hatte.

1892 verlegte man die Hauptbahn weiter nach Westen, und die Gleisanlagen verloren ihre Bedeutung.

Auf der alten Trasse entstand später ein Teilstück des Mittleren Rings, die Landshuter Allee.

Entstehung: Ein zweites Verkehrsmittel für die Spiele

Zu den Olympischen Spielen 1972 erwartete München große Besucherströme.

Neben der neuen U-Bahn sollte auch die S-Bahn ein leistungsfähiges Verkehrsmittel zum Olympiagelände bieten.

Dafür entstand im Norden der Stadt der Bahnhof München Olympiastadion.

Am 28. April 1972 wurde der neue Bahnhof erstmals angefahren.

Den ersten Einsatz mit Personenverkehr hatte er am 26. Mai 1972 beim Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Sowjetunion.

Ein S-Bahn-Sonderzug zum Olympiastadion, 1972, fotografiert von Willy Pragher.
Ein S-Bahn-Sonderzug zum Olympiastadion, 1972, fotografiert von Willy Pragher. Foto: Willy Pragher, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Bahnhof hatte zwei Mittelbahnsteige und insgesamt vier Gleise.

Die Gleise waren mit über 400 Metern lang genug für zwei hintereinander aufgestellte S-Bahn-Langzüge oder für Sonderzüge mit 15 Wagen.

Westlich davon lag noch ein fünftes Umfahrungsgleis.

Die zwei östlichen Gleise endeten im Bahnhof, die beiden anderen führten weiter nach Süden.

Angefahren wurde der Bahnhof über den Nordring der Deutschen Bahn, der sonst nur dem Güterverkehr diente.

Später kamen noch ein Anschlussgleis zu Kasernen an der Dachauer Straße und eines zum damaligen Gaswerk Moosach der Stadtwerke München hinzu.

Während der Spiele hielten die S-Bahn-Linien S5, S11 und S25 im Bahnhof.

Die Sonderlinie S25 bestand aus 15 Silberlingen mit einer Lokomotive der Baureihe 140 in der Mitte.

Der Verkehr lief 1972 sowohl von Osten über Johanneskirchen als auch von Westen über Allach und Moosach, später nur noch von Westen.

Im Nordwesten des Bahnhofs lag die Olympia-Pressestadt.

Die Jahre nach den Spielen

Nach den Spielen war der Bahnhof nicht mehr in das reguläre S-Bahn-System eingebunden.

Zunächst wurde er nur gelegentlich bedient, ab dem 8. August 1984 regelmäßig von den Linien S8 und S11 bei allen Fußballspielen im Olympiastadion.

Nach Angaben der Deutschen Bahn hielten Züge außerdem bei anderen Großereignissen im Stadion, etwa bei der Weltmeisterschaft 1974, bei Leichtathletik-Meisterschaften und beim Papstbesuch 1987.

Der Bahnhof Olympiastadion im Jahr 1985 mit einem Zug am Bahnsteig.
Der Bahnhof Olympiastadion im Jahr 1985 mit einem Zug am Bahnsteig. Foto: Smiley.toerist, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Ende 1988

Nach dem Ende der Fußball-Europameisterschaft wurde der Bahnhof am 8. Juli 1988 geschlossen.

Zunächst schaltete die Bahn die Fahrleitung ab, bald darauf wurde sie demontiert.

Der meist ungenutzte Bahnhof wurde nach der EM nicht mehr bedient.

Nach der Stilllegung

Seitdem ist der Bahnhof sich selbst überlassen und gilt als Geisterbahnhof.

Als die U-Bahn-Linie U3 zwischen 2003 und 2006 zum Olympia-Einkaufszentrum verlängert wurde, durchtrennte man die Gleisanlagen, um eine Baugrube für den Tunnel anzulegen.

Die Anschlussgleise an den Nordring sind seither nicht mehr durchgängig befahrbar.

Eine zweite Idee kam aus der Verkehrsplanung.

Bis zur Einstellung des Projekts Transrapid München am 27. März 2008 war geplant, hier das Ende des Tunnels vom Hauptbahnhof zu bauen.

2011 kaufte die Stadt München das etwa 6,7 Hektar große Areal von der Deutschen Bahn.

Damit sollte das Radwegenetz verbessert und eine Park-Schneise über die Brücken an der Triebstraße geschaffen werden.

Die Grünfläche ist 1,1 Kilometer lang und 15 bis 30 Meter breit.

Vor einer Nutzung müssen jedoch Bodenschadstoffe in Form sogenannter Roter Sande entsorgt werden, die in erheblichem Umfang auf dem Gelände festgestellt wurden.

So sieht es jetzt aus

Der Bahnhof ist heute stark verfallen, mit langen Bahnsteigen, Betonstützen, rostigen Resten und vielen Graffiti.

Er ist eingezäunt und darf nicht betreten werden, man kann ihn nur von außen ansehen.

Als Teil des Ensembles Olympiapark steht er unter Denkmalschutz.

Das Bahnsteigdach des Bahnhofs, 2013.
Das Bahnsteigdach des Bahnhofs, 2013. Foto: Guido Radig, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick über die Bahnsteige und Gleise nach Norden, 2005. Im Hintergrund stehen Hochhäuser.
Blick über die Bahnsteige und Gleise nach Norden, 2005. Im Hintergrund stehen Hochhäuser. Foto: Roland Moriz, CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Pflanzen wachsen zwischen den Gleisen und auf dem Bahnsteig, 2006.
Pflanzen wachsen zwischen den Gleisen und auf dem Bahnsteig, 2006. Foto: Rolf Schlagenhaft, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Eine Treppe zum früheren Bahnsteig, von Büschen überwachsen, 2013.
Eine Treppe zum früheren Bahnsteig, von Büschen überwachsen, 2013. Foto: Gras-Ober, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Ohne Störungen hat sich auf dem Gelände eine vielfältige Pflanzenwelt entwickelt.

Die Pflanzen wachsen vor allem im Schotter der Gleise und in den Ritzen des Plattenbelags der Bahnsteige.

Die Vegetation wird im Rahmen des Projekts Flora von München erfasst.

Zu den häufigen Arten gehören das Florentiner Habichtskraut, der Gewöhnliche Dost und die Gewöhnliche Wiesenschafgarbe.

Auch in Bayern seltene Pflanzen wie Ysop, Echter Lavendel, die Kriechende Zwergmispel und das Winter-Bohnenkraut wachsen hier.

Diese Pflanzen stammen vermutlich aus den Balkonpflanzungen der umliegenden Hochhäuser.

Der Bahnhof gehört zum Münchner Grüngürtel.

Überwachsene Gleise mit Schwellen am früheren Bahnhof, 2015.
Überwachsene Gleise mit Schwellen am früheren Bahnhof, 2015. Foto: Michael F. Schönitzer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Gleise zwischen dichtem Gebüsch neben einem Bahnsteig, 2015.
Gleise zwischen dichtem Gebüsch neben einem Bahnsteig, 2015. Foto: Michael F. Schönitzer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Gleise verschwinden im Grün, 2015.
Die Gleise verschwinden im Grün, 2015. Foto: Michael F. Schönitzer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick auf den stillgelegten Bahnhof, 2016.
Blick auf den stillgelegten Bahnhof, 2016. Foto: aeroid, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Brücken über die Moosacher Straße zum Bahnhof, 2020.
Brücken über die Moosacher Straße zum Bahnhof, 2020. Foto: Halblang, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Gleise im Februar 2021 mit Blick auf das Bahnsteigdach in der Ferne.
Die Gleise im Februar 2021 mit Blick auf das Bahnsteigdach in der Ferne. Foto: Robot8A, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: Ein Bahnhof ohne Fahrgäste

Auf dem Foto von 1972 steht ein S-Bahn-Zug am Bahnsteig, und im Hintergrund ragen die Hochhäuser der Pressestadt auf.

Die Aufnahme von 2006 zeigt die Bahnanlage mit Hochhäusern am Horizont, aber ohne Fahrzeuge und ohne Fahrgäste.

Zwischen den Schienen wachsen Gräser und Büsche, und am Bahnsteig sind Graffiti zu sehen.

Die Umgebung blieb in Benutzung, während der Bahnhof zur Ruhe kam.

Was die Stadt plant

Die Stadt München will den Bahnhof nach Angaben der Deutschen Bahn sanieren und nicht wieder als S-Bahn-Halt nutzen.

Er soll ein Ort für offene, nicht kommerzielle Jugendkultur werden.

Bei einer Bürgerbeteiligung, die sich besonders an junge Menschen richtete, wünschte man sich Möglichkeiten zum Skaten, für Parkour und Bouldern sowie Sitzgelegenheiten.

Außerdem soll der verwilderte Charakter des Ortes erhalten bleiben.

Der 1,1 Kilometer lange Streifen zwischen dem Georg-Brauchle-Ring und der Moosacher Straße wurde später als allgemeine Grünfläche ausgewiesen.

Einen Zeitplan für Sanierung und Eröffnung nennt die Deutsche Bahn in ihrem Text nicht.

Die Geschichte in Daten

1858: Die Bahnstrecke nach Landshut verläuft über das Gelände.

1892: Die Hauptbahn wird nach Westen verlegt, die alten Gleise verlieren ihre Bedeutung.

28. April 1972: Der neue Bahnhof wird erstmals angefahren.

26. Mai 1972: Erster Personenverkehr beim Länderspiel Deutschland gegen Sowjetunion.

8. August 1984: Regelmäßige Halte der S8 und S11 bei Fußballspielen.

8. Juli 1988: Schließung nach der Fußball-Europameisterschaft.

2003 bis 2006: Beim Bau der U3-Verlängerung werden die Gleise durchtrennt.

27. März 2008: Das Projekt Transrapid München wird eingestellt.

2011: Die Stadt München erwirbt das Areal von der Deutschen Bahn.

Häufige Fragen

Wann wurde der Bahnhof München Olympiastadion eröffnet?
Er wurde im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 gebaut. Am 28. April 1972 wurde er erstmals angefahren, den ersten Personenverkehr gab es am 26. Mai 1972.
Wann wurde er stillgelegt?
Nach dem Ende der Fußball-Europameisterschaft am 8. Juli 1988. Danach wurde die Fahrleitung abgeschaltet und bald abgebaut.
Fahren dort noch Züge?
Nein. Die Gleise wurden beim Bau der U3-Verlängerung zwischen 2003 und 2006 durchtrennt, und der Anschluss an den Nordring ist nicht mehr durchgängig befahrbar.
Darf man den Bahnhof betreten?
Nein. Das Gelände gehört der Stadt München und ist eingezäunt, deshalb sollte man den Bahnhof nur von außen ansehen.
Steht der Bahnhof unter Denkmalschutz?
Ja, als Teil des Ensembles Olympiapark.
Was soll aus dem Bahnhof werden?
Die Stadt München plant laut Deutscher Bahn einen sanierten Ort für offene, nicht kommerzielle Jugendkultur mit Angeboten wie Skaten, Parkour und Bouldern. Der verwilderte Charakter soll bleiben.

Der Bahnhof München Olympiastadion war nie ein gewöhnlicher Bahnhof, sondern eine Bühne für Großereignisse.

Dass er nach dem Ende der Spiele stillstand, macht ihn heute zu einem eigenartigen Zeugen der Olympiageschichte.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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