Der Bahnhof Klein Warnow: Ein Zollbahnhof, der seine Grenze verlor
Klein Warnow war einmal die preußische Grenzstation zu Mecklenburg, an der jeder Zug halten musste. Heute steht das Empfangsgebäude leer, und die Züge rauschen durch.

Lage: Klein Warnow, Gemeinde Karstädt, Landkreis Prignitz, Brandenburg, wenige hundert Meter vor der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Status: Kein Personenverkehr seit den 1990er Jahren, Bahnhof nur noch betrieblich genutzt. Heute: Das Empfangsgebäude stand zuletzt leer, einige Nebengebäude sind privat. Das Gelände ist nicht frei zugänglich.
Klein Warnow ist ein Bahnhof, der nur wegen einer Grenze entstand.
Im winzigen Ort an der Berlin-Hamburger Bahn mussten bis 1868 alle Züge halten, weil hier Preußen an Mecklenburg stieß.
Als die Zollschranken fielen, verlor die Station ihren Zweck.
Heute fährt hier seit den 1990er Jahren kein Personenzug mehr, und das Empfangsgebäude stand zuletzt leer.
Auf Wikimedia Commons gibt es nur Fotos aus den Jahren 2011 und 2013, aus der Betriebszeit ist kein freies Foto bekannt.
Die Bilder in diesem Beitrag zeigen deshalb den Zustand nach dem Ende des Personenverkehrs.
Ein Bahnhof wegen der Zöllner
Dass in dem kleinen Ort Wendisch Warnow ein Bahnhof entstand, lag an seiner Lage.
Wenige hundert Meter nordwestlich kreuzt die Bahn den Meynbach, der bis heute die Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern bildet.
Am 15. Oktober 1846 wurde die Berlin-Hamburger Bahn zunächst zwischen Berlin und Boizenburg eröffnet.
Einen Monat vorher war ein Regulativ für den Waren- und Gütertransport mit Regeln für die Zollabfertigung an der Grenze zu Mecklenburg erschienen.
In Wendisch Warnow wurde ein Neben-Zollamt eingerichtet, das dem Haupt-Zollamt an der Chaussee in Warnow unterstand, dem heutigen Groß Warnow.
Am 15. Dezember 1846 begann der durchgehende Personenverkehr bis Hamburg, zum Jahreswechsel folgte der Güterverkehr.
Ursprünglich sollte die Station nur der Zollabfertigung dienen.
Nach kurzer Zeit, vermutlich schon 1847, gab man sie aber für den öffentlichen Verkehr frei.
Weil Zoll- und Grenzformalitäten zu erledigen waren, hielten in Wendisch Warnow alle Züge zwischen Berlin und Hamburg.
Im Fahrplan von 1855 bedienten sieben Reisezugpaare täglich den Bahnhof, selbst der schnelle Courierzug hielt hier.

So sah es vorher aus: Reisende unter Kontrolle
Die Reisenden wurden im Zug zwischen Wendisch Warnow und Wittenberge kontrolliert.
Ihr Gepäck mussten sie mit Ausnahme des Handgepäcks vor Erreichen von Wendisch Warnow im Gepäckwagen verstauen.
Beim Güterverkehr verteilten sich die Kontrollen auf die Bahnhöfe in Wendisch Warnow, Wittenberge und Berlin.
Wendisch Warnow war vor allem für die Kontrolle und die Versteuerung des nach Preußen eingeführten Viehs zuständig.
Im Jahr 1855 kamen hier 16.019 Stück Vieh zur Eingangsabfertigung, ein Jahr zuvor waren es erst 5.678 gewesen.
Der Bahnhof entstand in dem Stil, der zu den Bahnhofsgebäuden der Berlin-Hamburger Bahn passte.
Diese Gebäude entwarfen zumeist Friedrich Neuhaus und Ferdinand Wilhelm Holz.
Das Empfangsgebäude ist ein zweigeschossiger Bau mit flachem Satteldach und fünf Achsen in Längsrichtung.
Südöstlich schließt sich der Güterschuppen an.
Das Bahnsteigdach vor beiden Gebäuden ist nicht mehr erhalten.

Der Absturz nach 1868
Mit der Bildung des Norddeutschen Bundes und dem Anschluss Mecklenburgs und Lübecks an den Zollverein 1868 entfielen die Grenzformalitäten.
Am 28. August 1868 gab das preußische Finanzministerium bekannt, dass das Neben-Zollamt in Wendisch Warnow geschlossen werde.
Auch das Hauptzollamt in Warnow wurde geschlossen.
Der Bahnhof verlor rapide an Bedeutung.
1868 hatte er mit 4.631 Fahrgästen im Jahr das niedrigste Aufkommen aller Stationen der Berlin-Hamburger Bahn.
Trotzdem entstanden an der Station noch zwei weitere Beamtenwohnhäuser.
Auch im Güterverkehr blieb der Bahnhof nach der Öffnung der Grenzen die meiste Zeit unbedeutend.
1867 wurde eine Zweigbahn zu den nahegelegenen Braunkohlegruben St. Paul und Walter bekannt gegeben, der erste unmittelbare Bahnanschluss im Regierungsbezirk Potsdam überhaupt.
Doch bereits 1870 mussten die Gruben ihren Betrieb einstellen, weil sich wegen der schlechten Qualität der Braunkohle keine Abnehmer fanden.


Nach 1868 hielt nur noch ein Teil der Personenzüge in Wendisch Warnow.
In den 1880er Jahren waren es vier Zugpaare am Tag.
Bei dieser Bedienung blieb es mehr als hundert Jahre lang, mit einer geringen Steigerung in der Zeit zwischen den Weltkriegen.
Vom Zollbahnhof zum Durchfahrtsgleis
In der Zeit des Dritten Reichs wurde Wendisch Warnow 1937 in Klein Warnow umbenannt.
Die Umbenennung geschah laut Wikipedia aus politischen Gründen, weil der Ortsname slawischen Ursprungs ist.
Der Bahnhof trug den neuen Namen ab 1938.
Zu DDR-Zeiten wurde der Güterverkehr im Jahr 1976 aufgegeben.
1987 wurde die Strecke im Bahnhof elektrifiziert.
Der Personenverkehr endete Anfang der 1990er Jahre, Wikipedia nennt dafür sowohl 1993 als auch 1994.
Seit dem Ausbau der Strecke ist der Bahnhof nicht mehr besetzt und wird nur noch für betriebliche Zwecke genutzt.
Ursprünglich besaß der Bahnhof einen Hausbahnsteig am Empfangsgebäude und einen Inselbahnsteig für die Züge nach Norden.
Heute besteht die Anlage aus zwei Durchfahrtsgleisen und einem Überholgleis auf der Nordostseite.

So sieht es jetzt aus
Seit 2005 steht der Bahnhof unter Denkmalschutz.
Das geschützte Ensemble besteht aus dem Empfangsgebäude, dem Güterschuppen, drei Beamtenwohnhäusern, vier Nebengebäuden, einem Backofen und der Pflasterung auf dem Vorplatz.
Nach dem Stand von Sommer 2013 standen das Empfangsgebäude und das benachbarte Beamtenwohnhaus leer.
Die beiden anderen Wohnhäuser und ein Teil der Nebengebäude werden privat genutzt.

Zum Ensemble gehört auch ein mehr als hundert Jahre alter Buschbackofen an der Dorfstraße.
Die Wiese um den Backofen wurde vom Dorfverein Groß Warnow hergerichtet.
Dort findet nach Wikipedia jedes Jahr ein Backofenfest statt.

Die Bahnstrecke selbst lebt weiter.
Bei Klein Warnow fahren Fernzüge ohne Halt durch.
Die Strecke Berlin–Hamburg war wegen der Generalsanierung ab dem 1. August 2025 komplett gesperrt und ist laut Wikipedia seit dem 14. Juni 2026 wieder durchgehend in Betrieb.
Hinter dem Bahnhof wird die Grenze zu Mecklenburg überquert.

Wer den Bahnhof besuchen will, sollte wissen, dass er nicht frei zugänglich ist.
Die Gleise sind in Betrieb, und einige Gebäude sind in privater Hand.
Das Ensemble lässt sich am besten von der Dorfstraße aus ansehen.
Vorher und nachher
Vorher war Klein Warnow eine Station mit Zöllnern, Viehhandel und sieben Zugpaaren täglich.
Nachher blieb ein leerer Bahnhof mit Denkmalschutz, an dem die Züge in hoher Geschwindigkeit vorbeifahren.
Frei nutzbare Fotos aus der Zeit vor dem Ende des Personenverkehrs gibt es nicht, deshalb steht hier kein Bildpaar.
Die Geschichte in Daten
1846: Die Berlin-Hamburger Bahn wird eröffnet, in Wendisch Warnow entsteht ein Neben-Zollamt.
1847: Der Bahnhof wird vermutlich für den öffentlichen Verkehr freigegeben.
1855: Sieben Zugpaare halten täglich, 16.019 Stück Vieh werden abgefertigt.
1868: Die Zollformalitäten entfallen, der Bahnhof verliert an Bedeutung.
1870: Die Braunkohlegruben mit Bahnanschluss schließen.
1937/38: Wendisch Warnow wird in Klein Warnow umbenannt.
1976: Der Güterverkehr endet.
1987: Die Strecke im Bahnhof wird elektrifiziert.
1993/94: Der Personenverkehr endet.
2005: Das Ensemble kommt unter Denkmalschutz.
Häufige Fragen
Warum gab es hier überhaupt einen Bahnhof?
Wann endete der Personenverkehr?
Wie hieß der Bahnhof früher?
Steht der Bahnhof unter Denkmalschutz?
Kann man das Gebäude besichtigen?
Fährt hier noch ein Zug?
Klein Warnow war nie ein großer Bahnhof, sondern ein Zollposten an einer Grenze, die schon bald verschwand.
Das Ensemble aus Empfangsgebäude, Wohnhäusern und Backofen erinnert an diese kurze große Zeit.
Wikipedia: Bahnhof Klein Warnow · Wikipedia: Klein Warnow (Karstädt) · Wikipedia: Bahnstrecke Berlin–Hamburg · Denkmaldatenbank des Landes Brandenburg, Objektnummer 09160861 (über Wikipedia verlinkt)
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