Der Bahnhof Bochum Nord: ein Rheinischer Bahnhof, der zum Gedenkort wurde
1874 eröffnet, 1979 ohne Personenzüge, 2015 fast abgerissen und heute Denkmal und Gedenkort für die Deportationen aus Bochum. So sah der Nordbahnhof früher aus, und das ist heute von ihm übrig.


Lage: Ostring 15, Bochum, Nordrhein-Westfalen. Status: Seit 1979 ohne Personenverkehr, Gleisfeld im Güterverkehr, Gebäude denkmalgeschützt. Heute: Praxisräume und ein Gedenkort, die Ausstellung ist laut Initiative sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
Mitten in Bochum steht ein roter Backsteinbau, der einmal der Rheinische Bahnhof hieß.
Heute heißt er Nordbahnhof, und seit 1979 hält dort kein Reisezug mehr.
Das Gleisfeld daneben ist weiter in Betrieb, vor allem für Güterzüge.
Das Empfangsgebäude hat den Krieg, das Ende des Bahnbetriebs und einen Abrissantrag überstanden.
Es ist heute ein Baudenkmal und ein Ort, an dem an die Deportationen aus Bochum in der NS-Zeit erinnert wird.
Darum ist dieser Beitrag ernster als andere der Reihe.
Alte freie Fotos aus der Zeit des Personenverkehrs fehlen auf Wikimedia Commons, das älteste hier gezeigte Bild stammt von 1995.
Wie der Rheinische Bahnhof entstand
Die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft wollte im Ruhrgebiet mitverdienen.
Sie baute zwischen 1866 und 1874 in drei Etappen die rund 76 Kilometer lange Strecke von Osterath nach Dortmund Süd.
Sie sollte die dritte große West-Ost-Verbindung durch das Revier werden, neben den Strecken der Cöln-Mindener und der Bergisch-Märkischen Eisenbahn.
Dem Anspruch wurde sie nie ganz gerecht, denn die Konkurrenten fuhren schon auf den einträglicheren Wegen.
Der Bahnhof in Bochum wurde von 1871 bis 1874 angelegt und am 15. Oktober 1874 eröffnet.
Er hieß zunächst Rheinischer Bahnhof oder Bochum Rheinisch.
An der Nordseite des Geländes entstand ein Betriebswerk mit einem Ringlokschuppen mit elf Ständen, der heute teilweise noch erhalten ist.
Das Empfangsgebäude fiel größer aus als bei vergleichbaren Bauten, weil es auch Büros der Bahngesellschaft aufnahm.

Um 1880 wurden die privaten Bahngesellschaften verstaatlicht.
Danach verlor der Personenverkehr auf der rheinischen Strecke gegenüber der Bergisch-Märkischen Bahn an Bedeutung.
Der Güterverkehr wuchs dagegen weiter, weil die Zechen und Stahlwerke der Umgebung angeschlossen waren.
1883 bekam der Bahnhof eine Verbindungsstrecke nach Weitmar, über die er an die Ruhrtalbahn in Dahlhausen angebunden war.
Direkt am Güterbahnhof hing das Gleis der Victoria-Brauerei, das die Blumenstraße unterquerte.
Dazu kam eine Werksbahn, die später über das Gelände der Stahlwerke Bochum nach Norden bis zu den Schachtanlagen der Zeche Lothringen in Gerthe verlängert wurde.
Um 1908 baute man die Strecken der Rheinischen und der Bergisch-Märkischen Bahn zwischen Bochum und Dortmund-Dorstfeld so um, dass der Personenverkehr vom langsameren Güterverkehr getrennt wurde.
Östlich des Bahnhofs sind aus dieser Zeit mehrere Überführungsbauwerke erhalten, die nur noch zum Teil genutzt werden.
So sah es vorher aus: Backstein, Büros und ein Lokschuppen
Das Empfangsgebäude von 1874 war ein langgestreckter Backsteinbau.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlte ihm das komplette zweite Obergeschoss.
Im Inneren blieben Teile der Bauzeit erhalten, etwa die Treppe, die Säulen und die Fußböden.
Der Denkmalpfleger Hans Hanke, Vorsitzender der Kortum-Gesellschaft Bochum, lobte den Zustand ausdrücklich.
Die Initiative Nordbahnhof beschreibt die Schalterhalle als bemerkenswert, mit Säulen aus Metall und neogotischen Gewölben.



Der Personenverkehr blieb hier von geringer Bedeutung.
Seine Stärke lag im Güterverkehr und im Betrieb für die Lokomotiven.
Ein Wohnhaus an der Harpener Straße 2c gehörte zum ehemaligen Betriebswerk Bochum Nord.
Das Betriebswerk selbst wurde 1959 aufgegeben.

Die NS-Zeit: Ausgangspunkt der Deportationen
Dieser Abschnitt behandelt Verbrechen, an die der Ort heute erinnert.
In der Zeit des Nationalsozialismus fanden die Deportationen der Bochumer Jüdinnen und Juden, der Sinti und Roma und weiterer Verfolgter in der Regel über den Nordbahnhof statt.
Nach dem Hinweis der Initiative Nordbahnhof begannen die Deportationen an zwei Orten, am Südbahnhof, dem damaligen Hauptbahnhof, und am Nordbahnhof.
Die Bochumer Juden wurden zunächst nach Dortmund gebracht und von dort weiter transportiert.
Von Dortmund aus gingen Transporte nach Riga am 27. Januar 1942 und nach Zamość am 27. April 1942.
Nach Theresienstadt fuhren Transporte am 29. Juli 1942 und am 5. März 1943, nach Auschwitz am 1. März 1943.
Insgesamt wurden 596 Bochumer Jüdinnen und Juden deportiert.
Die meisten von ihnen starben in den Ghettos und Lagern der besetzten polnischen Gebiete oder wurden dort ermordet.
Nachgewiesen ist der Nordbahnhof als Ausgangspunkt des Transports nach Theresienstadt Ende Juli 1942.
Von hier aus wurden auch Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert.
Der Bahnhof war außerdem Ausgangspunkt für Transporte von Zeugen Jehovas und von Homosexuellen in Lager.
Er war zugleich Ankunftsort für Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und politische Gefangene in Bochum.
Die Initiative nennt die Bahnhöfe Drehscheiben des Terrors.
Weil der frühere Hauptbahnhof im Krieg zerstört wurde, ist der Nordbahnhof der einzige authentische Ort in Bochum mit direktem Bezug zu den Deportationen.
Das macht das Gebäude zu mehr als einem Baudenkmal.
Darum wurde es später gegen den Abriss verteidigt.
Das Ende des Personenverkehrs
Mit der Eröffnung des heutigen Hauptbahnhofs 1957 wanderte der größte Teil des Personenverkehrs dorthin.
1959 gab die Bahn das Betriebswerk auf.
Auf der rheinischen Strecke endete der Personenverkehr abschnittsweise, 1959 zwischen Mülheim-Heißen und Essen-Kray Nord und 1965 zwischen Essen-Kray Nord und Bochum-Präsident.
1979 wurde auch der Bahnhof Bochum Nord im Personenverkehr stillgelegt.
Die Züge zwischen Langendreer und Bochum-Präsident entfielen damit.
Die heutige Glückauf-Bahn nach Herne, Wanne-Eickel und Gelsenkirchen wurde über eine neue Verbindungskurve an den Hauptbahnhof angeschlossen.
Die Kurve überbrückt den Konrad-Adenauer-Platz im Bermuda3eck.
Das Empfangsgebäude blieb stehen und diente noch lange als Bürohaus für Dienststellen der Deutschen Bundesbahn.

Fast abgerissen: der Streit um das Gebäude
1997 scheiterte der Versuch, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen.
Im Jahr 2000 erwarb die Privatbrauerei Moritz Fiege das Empfangsgebäude.
Sie hoffte auf Gastronomie und Anwaltsbüros, denn gleich nebenan war ein neues Justizzentrum geplant.
Im Sommer 2015 beantragte die Brauerei den Abriss.
Verdeckte Baumängel, vor allem im Erdgeschoss, das an der Rückseite in den Bahndamm hineingebaut ist, hätten die Sanierung stark verteuert.
Aus Sicht des Eigentümers war deshalb keine wirtschaftliche Nutzung möglich.
Dagegen regte sich öffentlicher Widerstand, denn die Gegner sahen in dem Haus ein Stück Stadtgeschichte.
Das Gebäude wurde schließlich an einen privaten Investor verkauft.
Er hielt eine ähnliche Nutzung trotz der Sanierungskosten für tragbar, und im Haus eröffnete eine private Klinik.
Seit 2017 steht das Gebäude nach Angaben der Initiative unter Denkmalschutz.
Heute belegen medizinische und physiotherapeutische Praxisräume den größten Teil der Flächen.
Der Gedenkort
Im Jahr 2020 wurde vor dem Gebäude die Gedenkstele „Geschichte des Bochumer Nordbahnhofs“ eingeweiht.
Sie gehört zum Stelenweg „Jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid“.
Am 5. September 2021 eröffnete im Erdgeschoss der Gedenkort Nordbahnhof.
Für zwei Räume gab es eine Kooperation der Stadt Bochum mit der Ruhr-Universität Bochum, die Räume wurden angemietet.
Träger ist die Initiative Nordbahnhof Bochum e. V., die Vorsitzende Ingrid Wölk entwickelte das Konzept der Ausstellung „Drehscheibe des Terrors“.
Zentrales Element der Ausstellung ist eine Bodenprojektion.
Sie simuliert die Deportationen von und nach Bochum und lässt die Namen der Opfer wie auf Schienen fahren.
Biografische Ausstellungsstücke stellen den kalt geplanten technischen Ablauf neben die Schicksale der betroffenen Menschen.
Eine Medienstation, die auch als Website verfügbar ist, liefert Hintergründe unter dem Titel „Bochumer Orte des Terrors“.
Der Gedenkort gehört dem Arbeitskreis NS-Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen an.
So sieht es jetzt aus
Auf der Straßenseite steht das Haus als Backsteinbau mit Gedenkstele am Ostring.
Auf der Gleisseite liegt es hinter dem Gleisfeld, das weiterhin befahren wird.
Der Güterbahnhof ist Standort des Hauptzollamts der Stadt Bochum.
Auf den Gleisen fahren Güterzüge, und gelegentlich werden Personenzüge über die Rheinische Bahn umgeleitet, wie ein Foto von 2012 mit einem Eurobahn-Triebwagen zeigt.





Die Strecke nach Weitmar ist seit 1999 stillgelegt und als Rad- und Fußweg ausgebaut.
Westlich von Bochum-Präsident ist die rheinische Trasse seit 2004 stillgelegt, auf ihr soll nach den Planungen der Radschnellweg Ruhr entstehen.
Auch das Betriebswerk im Norden des Geländes ist nur noch in Resten vorhanden.


Vorher und nachher
Das Foto von 2008 zeigt das Haus, bevor 2015 der Abriss drohte.
Die Aufnahme von 2021 zeigt dieselbe Fassade mit der neuen Stele.
Zwischen beiden Bildern liegen der Abrissantrag, der Verkauf und die Rettung.
Aus einem Haus, das nach 1979 noch lange als Büro der Bahn diente, ist ein Ort geworden, an dem Besucher etwas lernen können.
Besuch und Betreten
Das Gleisfeld ist Bahngelände mit laufendem Betrieb und darf nicht betreten werden.
Das Gebäude ist überwiegend privat genutzt, hier sind Arztpraxen untergebracht.
Zugänglich ist der Gedenkort der Initiative im Historischen Nordbahnhof am Ostring 15.
Nach Angaben der Initiative ist die Ausstellung „Drehscheibe des Terrors“ sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist kostenlos.
Führungen für Gruppen sind nach Terminvereinbarung auch außerhalb dieser Zeiten möglich.
Der Bahnhof liegt zu Fuß vom Hauptbahnhof aus gut erreichbar in der Bochumer Innenstadt.
1874: Der Rheinische Bahnhof wird am 15. Oktober eröffnet.
1883: Verbindungsstrecke nach Weitmar zur Ruhrtalbahn.
1908: Um 1908 wird der Personenverkehr vom Güterverkehr getrennt.
1942: Ende Juli Deportation nach Theresienstadt, nachgewiesen vom Nordbahnhof.
1957: Der Hauptbahnhof ersetzt den Nordbahnhof für die meisten Reisenden.
1959: Das Betriebswerk wird aufgegeben.
1979: Der Personenverkehr in Bochum Nord endet.
1997: Der Versuch einer Unterschutzstellung scheitert.
2015: Die Brauerei beantragt den Abriss, es regt sich Widerstand.
2017: Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.
2021: Der Gedenkort wird am 5. September eröffnet.
Halten in Bochum Nord noch Personenzüge?
Warum heißt der Bahnhof Nordbahnhof?
Wurde das Empfangsgebäude abgerissen?
Was geschah hier in der NS-Zeit?
Kann ich die Ausstellung besuchen?
Darf ich auf das Gleisfeld?
Der Bahnhof Bochum Nord zeigt, dass ein stillgelegter Bahnhof mehr sein kann als ein leeres Haus.
Er ist ein Baudenkmal, das knapp dem Abriss entging, und ein Ort, der an die Opfer der Deportationen erinnert.
Wer das Gebäude besucht, sollte sich die Zeit für die Ausstellung nehmen.
Wikipedia: Bahnhof Bochum Nord · Wikipedia: Bahnstrecke Osterath–Dortmund Süd · Initiative Nordbahnhof Bochum: Geschichte und Gegenwart · Initiative Nordbahnhof Bochum: Ausstellung Drehscheibe des Terrors · Initiative Nordbahnhof Bochum: Besuch · Wikimedia Commons: Bildbeschreibung Lohringbrücke, Dezember 2016
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