Der Bahnhof Giornico: Das Schlusslicht von 1912 und die Geisterbahnhöfe am Gotthard

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof Giornico: Das Schlusslicht von 1912 und die Geisterbahnhöfe am Gotthard

Im Jahr 1912 hatte kein Bahnhof der Schweiz weniger Fahrgäste als Giornico. Seit 1994 hält dort kein Zug mehr, und auch Rodi-Fiesso und Pollegio sind Geschichte. Eine Reise zu den stillen Stationen der Gotthardbahn.

VORHER · UM 1880

Die untere Tessinbrücke mit Dampflok und Bauzug.

Die untere Tessinbrücke mit Dampflok und Bauzug. Foto: Paul Gaston Braun, SBB Historic, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
NACHHER · 2025

Die Brücke im Juni 2025.

Die Brücke im Juni 2025. Foto: Jag9889, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1882
Eröffnung Gotthardbahn
3.844
Fahrgäste im Jahr 1912
1920
Neuer Bahnhof am Dorf
1994
Ende des Regionalverkehrs

Lage: Giornico, Kanton Tessin, Schweiz. Status: stillgelegt, die Strecke ist weiter in Betrieb. Auch in diesem Beitrag: Rodi-Fiesso und Pollegio.

Die Gotthardbahn gehört zu den berühmtesten Bahnstrecken der Welt.

Weniger bekannt sind die kleinen Stationen, an denen ihre Züge heute vorbeifahren, ohne zu halten.

Eine davon ist Giornico im Tessin.

Hier stiegen im Jahr 1912 im Schnitt nur zehneinhalb Personen pro Tag ein oder aus.

Seit 1994 ist es niemand mehr.

Dieser Beitrag zeigt, wie Giornico, Rodi-Fiesso und Pollegio früher aussahen und was von ihnen geblieben ist.

Eine Weltbahn durch das Tessin

Am 1. Juni 1882 nahm die Gotthardbahn den fahrplanmäßigen Betrieb auf, zunächst noch eingleisig.

Mit dem 15.003 Meter langen Scheiteltunnel besaß sie damals den längsten Eisenbahntunnel der Welt.

Ab 1888 kam das zweite Gleis hinzu.

Auch das kleine Giornico bekam einen Bahnhof.

Das Dorf lag jedoch ungünstig für die Bahn, denn das Gefälle beträgt hier bis zu 27 Promille, das höchste der ganzen Gotthardbahn.

Deshalb baute man die Station über zwei Kilometer außerhalb des Ortes.

Bahn- und Straßenbrücken am oberen Ende der Piottino-Schlucht, zwischen Rodi-Fiesso und Faido, um 1880.
Bahn- und Straßenbrücken am oberen Ende der Piottino-Schlucht, zwischen Rodi-Fiesso und Faido, um 1880. Foto: Paul Gaston Braun, SBB Historic, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
Die Biaschina bei Giornico im Jahr 1885.
Die Biaschina bei Giornico im Jahr 1885. Foto: unbekannt, Staatsarchiv Aargau, gemeinfrei, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
Biaschina bei Giornico, 1885.
Biaschina bei Giornico, 1885. Foto: unbekannt, Staatsarchiv Aargau, gemeinfrei, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.

So sah es vorher aus: der Bahnhof, den keiner nutzte

Die lange Entfernung zum Dorf hatte Folgen.

Der Bahnhof wurde kaum genutzt.

Im Jahr 1912 hatte er mit nur 3.844 Personen die wenigsten Fahrgäste aller Bahnhöfe der Schweiz.

Am 3. Juni 1913 bat der Gemeinderat die Schweizerischen Bundesbahnen deshalb um eine Verlegung in Dorfnähe.

Der Staatsrat des Kantons Tessin unterstützte das Gesuch.

1918 kündigten die SBB eine neue Haltestelle beim Dorf an, für Personen, Gepäck, Expressgut und Kleinvieh.

Die Gemeinde kaufte das Land, mit einem Beitrag der SBB von 8.000 Franken.

Weil der neue Bahnhof westlich des Dorfes auf der anderen Seite des Ticino lag, baute sie die Via Stazione, eine Zufahrtstraße mit Brücke über den Fluss.

Am 1. März 1920 ging die neue Station in Betrieb, am selben Tag wie der Bahnhof Pollegio.

Der alte Bahnhof verschwand nicht sofort, noch im September 1921 kündigte der Staatsrat seine Schließung für demnächst an.

Das Unterwerk Giornico um 1920, im Hintergrund die Kirchen San Nicola und San Michele.
Das Unterwerk Giornico um 1920, im Hintergrund die Kirchen San Nicola und San Michele. Foto: unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Der Grund für das Unterwerk war die Elektrifizierung.

Sie wurde 1916 beschlossen, und Giornico gehörte zu den Orten, von denen aus die Strecke mit Strom versorgt wurde.

Das Haltestellengebäude von Giornico von der Bahnseite, um 1980.
Das Haltestellengebäude von Giornico von der Bahnseite, um 1980. Foto: Hans-Rudolf Berner, SBB Historic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Unfälle auf der steilen Rampe

Die Steigung machte den Abschnitt gefährlich.

Im September 1883 wurde ein Lokomotivheizer beim Bahnhof vom Wasserkran erfasst, er starb wenige Stunden später.

Im Februar 1884 entgleiste bei der Ausfahrt ein Schnellzug, verletzt wurde niemand.

Am 6. April 1892 brach bei den Biaschina-Schlaufen eine Kupplung, und 24 Wagen rollten rückwärts zum Bahnhof Giornico, auch hier blieben alle unverletzt.

Am 22. Februar 1915 riss ein Güterzug auseinander, der hintere Teil prallte am Bahnhof auf den vorderen, sieben Wagen wurden zerstört.

Am 29. Juli 1941 ereignete sich das schwere Eisenbahnunglück von Pianotondo.

Ein Güterzug entgleiste vor dem Kehrtunnel, zwei Bahnbeamte und fünf Soldaten starben.

Die Lokomotive riss sich los, raste talwärts und prallte beim alten Bahnhof Giornico in einen stehenden Güterzug.

Am 21. August 1970 traf ein Blitz den Bahnhof, beschädigte die Anlagen im Stellwerk und behinderte den Verkehr rund zwölf Stunden lang.

1994: das Ende der kleinen Stationen

1994 wurden die Regionalzüge zwischen Airolo und Bellinzona eingestellt und durch Busse ersetzt.

Damit sollte die Gotthardbahn entlastet werden.

Zwischen Airolo und Biasca schlossen außer Faido alle Bahnhöfe, darunter Giornico, Rodi-Fiesso und Pollegio.

Die Züge fuhren weiter, nur der Halt fiel weg.

Das frühere Stationsgebäude von Giornico mit neuen Anbauten, 2002.
Das frühere Stationsgebäude von Giornico mit neuen Anbauten, 2002. Foto: Hans-Rudolf Berner, SBB Historic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Gebäude von der Bahnseite, 2004.
Das Gebäude von der Bahnseite, 2004. Foto: Hans-Rudolf Berner, SBB Historic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Rodi-Fiesso: Geisterbahnhof in der Leventina

Rodi-Fiesso liegt weiter oben im Tal, oberhalb der Piottino-Schlucht.

Auch dieser Bahnhof verlor 1994 seinen Personenverkehr.

Nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels wurden 2017 die Bahnhöfe Ambrì-Piotta, Lavorgo und Bodio für den Personenverkehr reaktiviert.

Der Staatsrat des Kantons Tessin teilte gleichzeitig mit, dass dies für keine weiteren Bahnhöfe in der Leventina geplant sei.

Rodi-Fiesso und Giornico bleiben also, was sie sind: Geisterbahnhöfe.

Der Bahnhof Rodi-Fiesso im Juni 2007.
Der Bahnhof Rodi-Fiesso im Juni 2007. Foto: NAC, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Stationsgebäude mit Güterschuppen in Rodi-Fiesso, Bahnseite, 2011.
Stationsgebäude mit Güterschuppen in Rodi-Fiesso, Bahnseite, 2011. Foto: Hans-Rudolf Berner, SBB Historic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Pollegio: abgerissen für den Basistunnel

Pollegio entstand erst spät, die SBB gaben die Haltestelle im September 1918 bekannt.

Eröffnet wurde sie am 1. März 1920.

Nach dem Ende 1994 wurde bekannt, dass der Gotthard-Basistunnel genau hier beginnen sollte.

Im Juli 2013 wurden die Gleise auf rund zwei Kilometern um einige Hundert Meter nach Süden verlegt.

Das verwitterte Stationsgebäude stand nun isoliert da und wurde bald darauf abgerissen.

An die Bahn erinnert heute die Via Vecchia Ferrovia, die Alte-Eisenbahn-Straße.

Das Haltestellengebäude von Pollegio im Jahr 1980.
Das Haltestellengebäude von Pollegio im Jahr 1980. Foto: Hans-Rudolf Berner, SBB Historic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sieht es jetzt aus

An Giornico rollen weiter Züge vorbei, die Stationen aber bleiben geschlossen.

Die Brücken über den Ticino stehen noch und tragen bis heute Züge.

Das Dorf mit seinen alten Kirchen ist geblieben.

Giornico mit seinen Kirchen, August 2012.
Giornico mit seinen Kirchen, August 2012. Foto: Adrian Michael, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Eine Diesellok vor dem Unterwerk Giornico, Juli 2016.
Eine Diesellok vor dem Unterwerk Giornico, Juli 2016. Foto: Kabelleger / David Gubler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein InterRegio bei Giornico, Juli 2016.
Ein InterRegio bei Giornico, Juli 2016. Foto: NAC, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Bahnbrücke über den Tessin bei Giornico, Juni 2025.
Die Bahnbrücke über den Tessin bei Giornico, Juni 2025. Foto: Jag9889, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: zwei direkte Vergleiche

Die Blickwinkel sind nicht gleich, aber sie zeigen, was sich verändert hat.

VORHER · UM 1880

Giornico mit seinen Kirchen und der unteren Tessinbrücke.

Giornico mit seinen Kirchen und der unteren Tessinbrücke. Foto: Paul Gaston Braun, SBB Historic, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
NACHHER · 2016

Ein Zug bei Giornico, Juli 2016.

Ein Zug bei Giornico, Juli 2016. Foto: Kabelleger / David Gubler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
VORHER · 1989

Das Haltestellengebäude von Pollegio, fünf Jahre vor dem Ende.

Das Haltestellengebäude von Pollegio, fünf Jahre vor dem Ende. Foto: Hans-Rudolf Berner, SBB Historic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2015

Die Baustelle des Gotthard-Basistunnels bei Pollegio, Mai 2015.

Die Baustelle des Gotthard-Basistunnels bei Pollegio, Mai 2015. Foto: Daniel Friedlos, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Geschichte in Daten

1. Juni 1882: Betriebsaufnahme der Gotthardbahn.

1912: Giornico hat 3.844 Fahrgäste, die wenigsten der Schweiz.

3. Juni 1913: Gesuch um Verlegung des Bahnhofs.

1. März 1920: Eröffnung des neuen Bahnhofs Giornico und des Bahnhofs Pollegio.

29. Juli 1941: Eisenbahnunglück von Pianotondo.

1994: Ende der Regionalzüge zwischen Airolo und Bellinzona.

Juli 2013: Gleisverlegung bei Pollegio, danach Abriss des Gebäudes.

2017: Drei Bahnhöfe werden reaktiviert, Giornico und Rodi-Fiesso nicht.

Häufige Fragen

Hält in Giornico noch ein Zug?
Nein, der Bahnhof wurde 1994 geschlossen. Züge fahren durch, ohne zu halten.
Warum lag der erste Bahnhof so weit vom Dorf entfernt?
Wegen des starken Gefälles von bis zu 27 Promille wurde er über zwei Kilometer außerhalb gebaut.
Was ist mit Pollegio passiert?
Die Gleise wurden 2013 für den Gotthard-Basistunnel verlegt, das Stationsgebäude wurde danach abgerissen.
Sind Bahnhöfe am Gotthard wieder geöffnet worden?
Ja, Ambrì-Piotta, Lavorgo und Bodio 2017. Für Giornico und Rodi-Fiesso ist das nicht geplant.

Was vom Schlusslicht bleibt

Giornico war nie ein großer Bahnhof, und vielleicht ist genau das sein bleibendes Merkmal.

Ein Dorf bat einst darum, näher an die Bahn zu rücken, und bekam seinen Wunsch erfüllt.

Heute fährt die Bahn wieder ohne Halt an ihm vorbei.

Quellen und Bildrechte

Bahnhof Giornico, Wikipedia · Bahnhof Pollegio, Wikipedia · Gotthardbahn, Wikipedia

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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