Die Amiche: Rheinhessens stillgelegte Nebenbahn von Bodenheim nach Alzey
Die Amiche verband von 1896 bis 1985 Bodenheim über Gau-Odernheim mit Alzey. Heute stehen die Typenbahnhöfe als Wohnhäuser an der Trasse, und ein Radweg trägt den Namen weiter.


Lage: Rheinhessen, Landkreise Mainz-Bingen und Alzey-Worms. Status: Strecke stillgelegt, Gleise abgebaut, die Empfangsgebäude sind in privatem Eigentum. Heute: Der Abschnitt zwischen Bodenheim und Undenheim wurde zum Bahntrassenradweg, der ebenfalls Amiche heißt.
Die Bahnstrecke von Bodenheim über Gau-Odernheim nach Alzey hieß im Volksmund Amiche.
Sie war 30,9 Kilometer lang und verlief ganz in Rheinhessen, in den Landkreisen Alzey-Worms und Mainz-Bingen.
Am 31. Mai 1985 endete der Personenverkehr, der Güterverkehr lief abschnittsweise bis Anfang 1995 weiter.
Heute sind die Gleise abgebaut, die Empfangsgebäude dienen als Wohnhäuser, und ein Radweg trägt den Namen Amiche.
Dieser Beitrag geht die Halte der Reihe nach durch, mit Schwerpunkt auf Bechtolsheim, Undenheim-Köngernheim und Gau-Odernheim.
Die Endpunkte Bodenheim und Alzey liegen weiter an Bahnstrecken, und der Bahnhof Alzey ist heute Endpunkt der Strecke nach Mainz.
Alte freie Fotos gibt es vor allem vom Bahnhof Gau-Odernheim, vom Betrieb der letzten Jahre stammen Bilder von 1985.
Wie die Amiche entstand

Nach dem Bau der Hauptstrecken der Hessischen Ludwigsbahn wünschten viele Orte in Rheinhessen einen eigenen Bahnanschluss.
Die zuerst favorisierte Linie von Worms nach Nieder-Olm scheiterte am Widerstand der Stadt Mainz und am Desinteresse einiger Orte.
Einigen konnte man sich auf eine Linie von Bodenheim über Odernheim, das seit 1896 Gau-Odernheim heißt, nach Alzey.
Die Strecke hat kaum nennenswerte Steigungen, weil sie zum größten Teil parallel zur Selz verläuft.
Sie entstand in zwei Bauabschnitten.
Am 1. Oktober 1879 wurde zunächst der Abschnitt von Bodenheim nach Undenheim eröffnet.
Die Arbeiten für den zweiten Abschnitt von Undenheim nach Alzey begannen im September 1894 und waren zwei Jahre später fertig.
Am 28. September 1896 erfolgte die Eröffnung, zwei Tage später begann der planmäßige Verkehr.
So sah es vorher aus: der Betrieb
Zur Eröffnung zogen vier dreiachsige Tenderlokomotiven von Henschel in Kassel zwölf Personenwagen, zwei Post- und Gepäckwagen und dreißig Güterwagen.
Am Anfang verkehrten täglich fünf Zugpaare auf der Gesamtstrecke, dazu kam ein Frühzug von Undenheim und Köngernheim nach Alzey.
Später gab es durchgehende Verbindungen über Alzey nach Mainz.
Im Güterverkehr beförderte die Bahn hauptsächlich landwirtschaftliche Erzeugnisse, Getreide und Wein.
Ein jährlicher Großeinsatz war die Zuckerrübenkampagne, bei der die Rüben überwiegend zur Südzucker AG nach Offstein gingen.
In den letzten Jahrzehnten lösten Diesellokomotiven, Uerdinger Schienenbusse und Akkutriebwagen der Baureihe 515 die Dampfloks ab.
Die Empfangsgebäude entstanden als Einheitsbahnhöfe, zweiteilig mit verbrettertem Güterschuppen oder dreiteilig mit separatem Schuppen.
Im Erdgeschoss lagen die Diensträume, im ersten Stock die Wohnung des Bahnbediensteten.

Bodenheim und Gau Bischofsheim
Der Bahnhof Bodenheim bediente die Ortsgemeinde am östlichen Rand des Ortszentrums und war der Trennungsbahnhof zur Strecke von Mainz nach Mannheim.
Das historische Empfangsgebäude war ein Typenbau, den Ignaz Opfermann Anfang der 1850er Jahre für die Hessische Ludwigsbahn verwendete, und steht nicht mehr.
In Gau Bischofsheim lag der Bahnhof im Osten des Ortes an der heutigen Bahnhofstraße 45.
Sein Empfangsgebäude ist ein zweiflügeliger historistischer Klinkerbau mit angebautem verbrettertem Güterschuppen und heute Kulturdenkmal.
Zum 1. Juli 1968 zog die Bahn das Personal ab, der Halt war damals nur noch ein Haltepunkt.
Harxheim-Lörzweiler
Der Bahnhof Harxheim-Lörzweiler lag am östlichen Ortsrand von Harxheim an der heutigen Bahnhofstraße 115.
Lörzweiler selbst liegt etwa einen Kilometer östlich der Strecke.
Zu Beginn hieß der Halt Harxheim (Rheinh.), zum 1. April 1910 wurde er in Harxheim-Lörzweiler umbenannt.
Das Empfangsgebäude ist erhalten, wurde aber in der 2011 erschienenen Denkmaltopographie nicht als Kulturdenkmal ausgewiesen.

Mommenheim
Der Bahnhof lag nordöstlich des Ortszentrums von Mommenheim an der heutigen Bahnhofstraße 39.
Das Empfangsgebäude, ein zweiflügeliger historistischer Typenbau von 1896, ist heute Kulturdenkmal.
Zum 1. Juli 1968 zog die Bahn auch hier das Personal ab.


Selzen-Hahnheim
Der Bahnhof Selzen-Hahnheim lag südwestlich von Selzen und östlich von Hahnheim, näher am zweiten Ort und in dessen Gemarkung.
Das Empfangsgebäude war ein zweiflügeliger historistischer Klinkertypenbau von 1896.
Zum 17. Mai 1953 wurde der Bahnhof zum Haltepunkt herabgestuft, behielt aber zunächst sein Personal, das erst 1968 abgezogen wurde.
Kurz nach Hahnheim-Selzen überquerte die Strecke die Selz.

Undenheim-Köngernheim
Der Bahnhof Undenheim-Köngernheim lag im Osten von Undenheim an der heutigen Bahnhofstraße 2 und diente den Gemeinden Köngernheim und Undenheim.
Seit der Betriebsaufnahme 1879 war er Endbahnhof des Abschnitts von Bodenheim, mit dem Verkehr von Alzey aus wurde er 1896 zum Durchgangsbahnhof.
Hier zweigte die Strecke nach Nierstein ab, im Volksmund Valtinche genannt.
Der Bahnhof war zunächst mit einem Stationsassistenten und zuletzt mit einem Stationsvorsteher besetzt.
Das Empfangsgebäude ist ein dreiteiliger spätgründerzeitlicher Klinkerbau von 1896 mit angebautem verbrettertem Güterschuppen.
Später kam auf der Bahnsteigseite ein Anbau für das Stellwerk hinzu.
Der Personenverkehr nach Nierstein wurde 1951 aufgegeben, die Strecke dorthin 1960 abgebaut.
Am 31. Mai 1985 verließ um 17:32 Uhr der letzte Personenzug Richtung Alzey den Bahnhof.
Nach dem Ende des Güterverkehrs 1995 wurden die Gleise bis 1998 zurückgebaut.
Das Empfangsgebäude wurde verkauft, steht unter Denkmalschutz und dient heute als Wohnhaus.

Bechtolsheim-Biebelnheim
Der Bahnhof diente den Gemeinden Biebelnheim und Bechtolsheim und lag auf der Gemarkung von Bechtolsheim, heute Am alten Bahnhof 11.
Er wurde am 28. September 1896 eröffnet.
Das Empfangsgebäude war ein zweiteiliger historistischer Klinkerbau von 1896 mit angebautem verbrettertem Güterschuppen.
Zum 17. Mai 1953 wurde der Halt zum Haltepunkt herabgestuft.
Die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz stufte das Gebäude 2011 als Kulturdenkmal ein, in der 2013 erschienenen Denkmaltopographie fehlt es dennoch.
Nach dem Ende des Personenverkehrs am 31. Mai 1985 nutzte man die Strecke in Bechtolsheim nur noch für den Güterverkehr, vor allem für die Rübenkampagne, 1995 folgte die endgültige Stilllegung.



Gau Odernheim
Der Bahnhof lag im Nordwesten von Gau-Odernheim an der heutigen Straße Am Bahnhof 12 und war Trennungsbahnhof zur Strecke nach Osthofen.
Er wurde mit der Strecke von Alzey 1896 als Durchgangsbahnhof eingeweiht, ein Jahr später folgte die Zweigstrecke nach Osthofen.
In den Anfangsjahren war er mit einem Stationsvorsteher besetzt, außerdem war hier das Zugpersonal aus Lokführern, Heizern und Schaffnern stationiert.
Gegenüber dem Bahnhofsgebäude entstand die Bahnmeisterei, ein um 1896 gebauter Klinkerbau mit Krüppelwalmdach, der ebenfalls unter Denkmalschutz steht.
1927 wurde der zugehörige Lokomotiv-Bahnhof aufgegeben.
Der Bahnhof wurde zum 17. Mai 1953 zum Haltepunkt herabgestuft.
Das Empfangsgebäude ist ein zweiteiliger spätgründerzeitlicher Klinkerbau mit abgesetztem Güterschuppen, später kam auf der Bahnsteigseite ein Anbau für das Stellwerk dazu.


Die Zweigstrecke nach Osthofen verlor ihren Personenverkehr 1974, auf der Amiche endete er am 31. Mai 1985.
Nach dem Ende des Güterverkehrs 1995 wurden die Gleise beider Strecken bis 1998 zurückgebaut.
Das Empfangsgebäude und die Flächen der Gleisanlagen wurden verkauft und teilweise überbaut.
Nach dem Ende des Personenverkehrs wurde das Gebäude zunächst als Jugendclub genutzt, seit 1994 befinden sich dort eine Buchwerkstatt und Wohnungen.
Güterschuppen, Laderampe und Toilettenhäuschen sind nicht erhalten.
Am 12. Dezember 2003 war der erste Spatenstich für die Gau-Odernheimer Ortsentlastungsstraße, die auf der Trasse des südlichen Teils verläuft.



Gau Köngernheim, Framersheim und Schafhausen
Der Haltepunkt Gau Köngernheim lag nordwestlich des Ortes an der heutigen Biebelnheimer Straße 5.
Der Bahnhof Framersheim lag weit nordwestlich des Ortes außerhalb des historischen Ortskerns an der Bahnhofstraße 101.
Sein Empfangsgebäude wird von einem Landhandel genutzt.
Der Haltepunkt Schafhausen diente dem heutigen Alzeyer Stadtteil und lag am südlichen Rand des Dorfes.
Baulich scheint von ihm nichts erhalten, ein Teil der Trasse ist dort von der Landstraße 406 überbaut.

Alzey
Endpunkt der Amiche war der Bahnhof Alzey, in den sie von Norden eingeführt wurde.
Alzey liegt an der Strecke nach Mainz und ist daher kein Lost Place.
Das bis zuletzt als Bahnhofsgleis vorgehaltene Reststück bis ins Industriegebiet Alzey wurde Ende Dezember 2016 mit dem Ausbau der Weiche im Bahnhof Alzey aufgegeben.
Das Ende und die Gleise danach
Zum Sommerfahrplan 1954 stellte man die Zugsicherung auf Vereinfachten Nebenbahndienst um.
Am 31. Mai 1985 wurde der Personenverkehr eingestellt, am selben Tag auch der Güterverkehr zwischen Bodenheim und Harxheim-Lörzweiler.
Am 31. Dezember 1989 folgte der Abschnitt bis Selzen-Hahnheim, am 1. Januar 1995 der Rest bis Alzey.
Nach dem Ende des Personenverkehrs gab es noch zwei Sonderfahrten mit einem Schienenbus der Baureihe VT 95, am 5. August 1989 und am 31. Dezember 1992.
Seit Mitte Mai 1987 wurden die Gleise nach und nach zurückgebaut, zuerst zwischen Bodenheim und Harxheim.
Die Trasse wurde später an einigen Stellen überbaut.
So sieht es jetzt aus
Alle Empfangsgebäude befinden sich heute in privatem Eigentum und dienen als Wohnhäuser, sechs davon sind Kulturdenkmäler nach dem rheinland-pfälzischen Denkmalschutzgesetz.
Sie sind keine öffentlichen Orte, wer sie ansehen will, bleibt auf den Straßen.
Der Abschnitt zwischen Gau-Bischofsheim und Hahnheim wurde zu einem Radweg umgestaltet, der den Namen Amiche übernahm.
Die größte Übereinstimmung mit der alten Trasse zeigt sich zwischen Bodenheim und Undenheim.
Ab Undenheim führt die Route über die ehemalige Strecke Valtinche nach Nierstein.


Woher der Name Amiche kommt
Zur Herkunft des Namens gibt es keine verlässliche Quelle, nur unterschiedliche Erzählungen.
Eine führt ihn auf eine Frau namens Annemarie zurück, die oft mit der Bahn unterwegs gewesen sei.
Eine andere leitet ihn vom französischen ami für Freund ab.
Eine dritte nennt einen Lokomotivführer namens Armin.
Die Geschichte in Daten
1. Oktober 1879: Eröffnung des Abschnitts Bodenheim-Undenheim.
September 1894: Beginn der Arbeiten am Abschnitt Undenheim-Alzey.
28. September 1896: Feierliche Eröffnung der Gesamtstrecke.
1927: Der Lokomotiv-Bahnhof Gau-Odernheim wird aufgegeben.
17. Mai 1953: Gau Odernheim, Bechtolsheim und Selzen-Hahnheim werden Haltepunkte.
1. Juli 1968: Personal wird in Gau Bischofsheim und Mommenheim abgezogen.
31. Mai 1985: Der Personenverkehr endet, Güterverkehr zunächst nur Bodenheim-Harxheim eingestellt.
31. Dezember 1989: Güterverkehr bis Selzen-Hahnheim eingestellt.
1. Januar 1995: Güterverkehr auch bis Alzey eingestellt.
Dezember 2016: Das letzte Gleisstück in Alzey wird aufgegeben.
Häufige Fragen
Wann fuhr der letzte Personenzug auf der Amiche?
Gibt es die Gleise noch?
Kann man die alten Bahnhöfe besichtigen?
Gibt es einen Radweg auf der Trasse?
Was war die Valtinche?
Von der Amiche blieben die gleichförmigen Klinkerbahnhöfe, die man an der Strecke leicht wiedererkennt, und ein Radweg, der ihren Namen weitergibt.
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