Die stillen Halte rund um Wasserburg: Altstadtbahn, Innbrücke und Mittergars

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die stillen Halte rund um Wasserburg: Altstadtbahn, Innbrücke und Mittergars

Wasserburg am Inn hat seinen Hauptbahnhof vier Kilometer von der Altstadt entfernt. Die Altstadtbahn, die Behelfshalte an der Innbrücke und Mittergars sind heute ohne Reisezüge.

Der frühere Bahnhof Wasserburg Stadt, aufgenommen 2008.
Der frühere Bahnhof Wasserburg Stadt, aufgenommen 2008. Foto: Bernd Schrade, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1902
Altstadtbahn eröffnet
1978
Behelfshalte an der Innbrücke
1987
Dammrutsch, Strecke gesperrt
2019
Mittergars nicht mehr bedient

Lage: Wasserburg am Inn, dazu die Inntalbahn Rosenheim–Mühldorf. Status: Die Altstadtbahn ist gesperrt und rechtskräftig stillgelegt, die Inntalbahn ist in Betrieb, Mittergars wird nicht mehr bedient. Heute: Die Gleise im Tunnel und am Stadtbahnhof sind mit Kies überdeckt.

Wasserburg am Inn wurde bei der Eröffnung der Inntalbahn 1876 nicht direkt angeschlossen.

Die Stadt erhielt ersatzweise einen Bahnhof im Stadtteil Reitmehring, etwa vier Kilometer westlich der Stadt.

Die Bahnstrecke Wasserburg Bahnhof–Wasserburg Stadt, die Altstadtbahn, sollte die Altstadt anbinden.

Sie ist seit einem Dammrutsch 1987 gesperrt und seit 2020 rechtskräftig stillgelegt.

Hinzu kommen zwei kurzlebige Halte an der Innbrücke Jettenbach und der Halt Mittergars an der Inntalbahn.

Der Bahnhof Wasserburg und die Inntalbahn sind in Betrieb, dieser Beitrag behandelt nur die stillgelegten Teile.

Entstehung: ein Bahnhof vier Kilometer vor der Stadt

Beim Bau der 1876 eröffneten Bahnstrecke Rosenheim–Mühldorf konnte Wasserburg aus topografischen Gründen nicht direkt angeschlossen werden.

Eine Trasse näher an der in der Talsohle des Inns gelegenen Stadt hätte eine unverhältnismäßige Kostensteigerung und eine Verlängerung der Strecke erfordert.

Der Bahnhof Wasserburg wurde deshalb bei Reitmehring angelegt und liegt etwa vier Kilometer westlich der Stadt.

1890 erteilte die Regierung unter Prinzregent Luitpold die Planungskonzession für eine Lokalbahn zwischen diesem Bahnhof und der in einer Innschleife gelegenen Stadt.

Bau und Eröffnung der Altstadtbahn

Bauarbeiten an der Strecke von Wasserburg Bahnhof zur Altstadt im Jahr 1902.
Bauarbeiten an der Strecke von Wasserburg Bahnhof zur Altstadt im Jahr 1902. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Am 6. März 1900 wurde der Bau der Strecke genehmigt.

Der Grunderwerb war langwieriger und deutlich teurer als geplant, die Verbindung konnte deshalb erst Ende 1902 fertiggestellt werden.

Am 20. Dezember 1902 fanden die technischen Abnahmefahrten und die Eröffnungsfeierlichkeiten statt.

Der planmäßige Verkehr wurde am 24. Dezember 1902 aufgenommen.

Die Strecke führt von Wasserburg Bahnhof in südliche, dann in östliche Richtung durch das Werksgelände der Meggle AG hinunter zum Inn.

Nach einem kurzen, etwa 40 Meter langen Tunnel erreicht sie den Bahnhof Wasserburg Stadt direkt an der Altstadt.

Die Strecke fällt auf etwa vier Kilometern um rund 52 Meter ab.

Aquarell von Otto Geigenberger, vor 1946, mit dem Wasserburger Eisenbahntunnel vorne links.
Aquarell von Otto Geigenberger, vor 1946, mit dem Wasserburger Eisenbahntunnel vorne links. Foto: Otto Geigenberger, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

So sah es vorher aus: Anschlusszüge zur Altstadt

Der ab Oktober 1905 gültige Fahrplan wies drei durchlaufende Personenzugpaare von Grafing Bahnhof nach Wasserburg Stadt auf.

Sie mussten in Wasserburg Bahnhof jeweils die Fahrtrichtung wechseln.

Dieses Angebot wurde bis zum Ersten Weltkrieg um zwei weitere Fahrtenpaare ergänzt.

Von Beginn an gab es zusätzliche Verbindungen zwischen Wasserburg Bahnhof und Wasserburg Stadt, um Anschlüsse zu den Zügen der Strecke Rosenheim–Mühldorf herzustellen.

Im Reichskursbuch Sommer 1914 dauerte die Fahrt talwärts zur Stadt etwa 13 Minuten, bergwärts etwa 22 Minuten.

Als Zugmaschinen dienten zunächst Dampflokomotiven der Typen D VI und D VII.

Ab 1954 wurden Schienenbusse eingesetzt, die 1962 die Dampflokomotiven im Reisezugverkehr vollständig ablösten.

Im September 1985 fuhren auf der Strecke noch Schienenbusse.

Wasserburg Stadt: der Endbahnhof an der Altstadt

Der frühere Bahntunnel unter der Münchner Straße in Wasserburg am Inn, aufgenommen 2016.
Der frühere Bahntunnel unter der Münchner Straße in Wasserburg am Inn, aufgenommen 2016. Foto: Renardo la vulpo, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Wasserburg Stadt war der Endbahnhof der Altstadtbahn und lag direkt an der Altstadt.

Die Stadt Wasserburg ist Eigentümerin der Infrastruktur ab Streckenkilometer 0,371.

Im Bereich des Tunnels und des Stadtbahnhofs wurden die Gleise mit Kies überdeckt.

Das Bahnhofsgebäude ist auf dem Foto von 2008 zu sehen, zu seiner heutigen Nutzung liegen keine belegten Angaben vor.

Niedergang: der Dammrutsch von 1987

Nach starken Regenfällen am 2. März 1987 wurde das Gleis auf Höhe eines verstopften Durchlasses des Gaberseer Grabens auf mehreren Metern Länge unterspült.

Der Inn selbst war nicht das Problem.

Der beschädigte Abschnitt wurde nicht mehr instand gesetzt.

Die in Wasserburg Stadt verbliebenen Eisenbahnfahrzeuge brachte die Deutsche Bundesbahn mit einem Straßenroller ab.

Am 19. Dezember 1988 beschloss der DB-Vorstand einen Stilllegungsantrag, der unter anderem die Infrastruktur des Abschnitts Wasserburg Bahnhof–Wasserburg Stadt betraf.

Der lange Streit um die Altstadtbahn

Am 2. April 2004 übernahm die Stadt Wasserburg die Infrastruktur, um die Möglichkeit einer Wiederinbetriebnahme zu sichern.

Am 30. August 2012 veröffentlichte die Stadt im Bundesanzeiger ein Verkaufsangebot für die Strecke.

Bis zum Ende der dreimonatigen Frist am 30. November 2012 meldeten sich Interessenten.

Ein Konsortium verhandelte daraufhin mit der Stadt über eine Übernahme.

Für die Entwidmung setzte sich das Molkereiunternehmen Meggle Group ein, das sein Firmengelände beidseits der Trasse erweitern wollte.

Am 12. Februar 2016 erließ das bayerische Innenministerium einen förmlichen Stilllegungsbescheid für den Abschnitt zwischen Wasserburg Bahnhof und Wasserburg Stadt.

Ein Konsortium aus BayernBahn, Rhein-Sieg-Eisenbahn, Innrail und dem Fahrgastverband Pro Bahn legte dagegen Widerspruch ein.

Das Verwaltungsgericht München wies die Klage am 9. Januar 2017 ab.

Im Januar 2018 wurde die Berufung zugelassen, 2018 legte das Konsortium nach erneuter Abweisung Revision ein.

Am 6. November 2020 gab das Bundesverwaltungsgericht bekannt, dass die Revision zurückgewiesen wurde und der Bescheid damit in Kraft bleibt.

Im März 2021 sprach sich der Stadtrat gegen eine Entwidmung der stillgelegten Strecke aus.

Eine 2023 datierte Machbarkeitsstudie zur Verlängerung der Regional-S-Bahn nach Wasserburg Stadt ermittelte ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 0,33.

Im Juli 2024 lehnte der Stadtrat die Einleitung einer Entwidmung ab.

Innbrücke Nord und Süd: Haltepunkte für Fußgänger

Die Eisenbahnbrücke über den Inn bei Jettenbach, aufgenommen 2016.
Die Eisenbahnbrücke über den Inn bei Jettenbach, aufgenommen 2016. Foto: Renardo la vulpo, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

1978 musste die Innbrücke Jettenbach aufgrund von Schäden für den Zugverkehr gesperrt werden.

Die Bundesbahn richtete unmittelbar nördlich und südlich der Brücke die Haltepunkte Innbrücke Nord und Innbrücke Süd ein.

Die Nahverkehrszüge aus Richtung Mühldorf und Wasserburg wendeten an diesen Haltepunkten, die Fahrgäste mussten den Weg über die Brücke zu Fuß zurücklegen.

Die Brücke wurde bald so baufällig, dass sie auch für Fußgänger gesperrt werden musste.

Am 28. September 1985 wurde dieses Provisorium und damit der Personenverkehr zwischen Mühldorf und Wasserburg beendet.

Für den Abschnitt Waldkraiburg–Wasserburg bedeutete das faktisch die Stilllegung.

Zur formellen Stilllegung kam es nicht, weil die Strecke zu den aus militärstrategischen Gründen vorzuhaltenden Anlagen zählte.

Ende der 1980er Jahre wurde die Sanierung der Innbrücke Jettenbach in Angriff genommen.

Am 28. Mai 1994 nahm die Deutsche Bahn den Personenverkehr zwischen Mühldorf und Wasserburg wieder auf.

Die militärstrategische Bedeutung der Strecke wurde zum 1. August 1997 aufgehoben.

Mittergars: Bedarfshalt bis 2019

Mittergars ist ein Gemeindeteil des Marktes Gars am Inn im Landkreis Mühldorf am Inn.

Im Süden führt die Inntalbahn vorbei, dort lag der Haltepunkt Mittergars.

Zum 15. Dezember 2019 wurde die Bedienung des Bedarfshaltepunkts mit der Begründung eines zunehmend sinkenden Fahrgastaufkommens eingestellt.

Im Februar 2022 wurde dessen Rückbau beantragt.

Vorher und nachher: Anschluss und Lücke

Vorher verband die Altstadtbahn den Hauptbahnhof Reitmehring mit der Altstadt von Wasserburg.

Nachher blieb der Bahnhof Wasserburg in Betrieb, während der Weg in die Stadt mit dem Stadtbus zurückgelegt wird.

Der Wasserburger Stadtrat beschloss im Oktober 2019, dass der Stadtbus ab 2022 im Halbstundentakt fahren soll.

So sieht es jetzt aus

Die Altstadtbahn ist rechtskräftig stillgelegt, die Stadt Wasserburg ist Eigentümerin der Infrastruktur.

Die Gleise im Bereich von Tunnel und Stadtbahnhof sind mit Kies überdeckt.

Zu Resten an den Haltepunkten Innbrücke Nord, Innbrücke Süd und Mittergars liegen keine belegten Angaben vor.

1. Mai 1876: Die Inntalbahn Rosenheim–Mühldorf wird eröffnet.

6. März 1900: Der Bau der Altstadtbahn wird genehmigt.

24. Dezember 1902: Der planmäßige Verkehr zur Altstadt beginnt.

1978: Die Innbrücke Jettenbach wird gesperrt, Behelfshalte entstehen.

28. September 1985: Der Personenverkehr Mühldorf–Wasserburg endet.

2. März 1987: Ein Dammrutsch unterbricht die Altstadtbahn.

28. Mai 1994: Der Personenverkehr Mühldorf–Wasserburg wird wieder aufgenommen.

12. Februar 2016: Das Innenministerium erlässt den Stilllegungsbescheid.

15. Dezember 2019: Mittergars wird nicht mehr bedient.

6. November 2020: Das Bundesverwaltungsgericht weist die Revision zurück.

Warum liegt der Bahnhof Wasserburg vier Kilometer von der Stadt entfernt?
Eine Trasse näher an der Stadt hätte eine unverhältnismäßige Kostensteigerung erfordert, deshalb entstand der Bahnhof bei Reitmehring.
Wann wurde die Altstadtbahn gesperrt?
Nach dem Dammrutsch am 2. März 1987 wurde der beschädigte Abschnitt nicht mehr instand gesetzt.
Ist die Altstadtbahn stillgelegt?
Ja, das Bundesverwaltungsgericht ließ den Stilllegungsbescheid am 6. November 2020 endgültig bestehen.
Wem gehört die Strecke?
Die Infrastruktur gehört der Stadt Wasserburg.
Was waren Innbrücke Nord und Süd?
Haltepunkte, die die Bundesbahn nach der Sperrung der Innbrücke Jettenbach 1978 einrichtete.
Wann wurde Mittergars aufgegeben?
Am 15. Dezember 2019 wurde die Bedienung des Bedarfshaltepunkts eingestellt.

Die Inntalbahn fährt weiter, während die Altstadtbahn und die Halte an der Innbrücke nur noch in den Akten und im Gelände der Stadt Wasserburg zu finden sind.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Wasserburg Bahnhof–Wasserburg Stadt · Wikipedia: Bahnstrecke Rosenheim–Mühldorf · Wikipedia: Bahnstrecke Grafing–Wasserburg · Wikipedia: Mittergars · Bahnstrecken um Wasserburg (stadtgrenze.de)

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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