Die stillen Halte der Strecke Aachen Nord–Jülich über Würselen und Alsdorf
Die Strecke Aachen Nord–Jülich verlor ihren Personenverkehr am 30. Mai 1980 und ist heute größtenteils abgebaut. Der Beitrag geht die Halte von Aachen Nord bis Aldenhoven durch.

Lage: Von Aachen Nord über Würselen und Alsdorf nach Jülich. Status: Der Personenverkehr endete mit Ablauf des 30. Mai 1980, die Strecke ist bis auf drei kurze Abschnitte abgebaut. Heute: Zwischen Alsdorf und Jülich wurde die Trasse zum Radweg ausgebaut.
Die Bahnstrecke Aachen Nord–Jülich ist eine heute größtenteils stillgelegte Strecke im westlichen Nordrhein-Westfalen.
Sie wurde in den 1870er Jahren von der 1871 gegründeten Aachener Industriebahn Actiengesellschaft gebaut und 1887 verstaatlicht.
Sie diente der Anbindung mehrerer Gruben des Aachener Steinkohlereviers und dem Personenverkehr der Region, vor allem dem Berufsverkehr der Bergarbeiter.
Der Personenverkehr wurde 1979 um über die Hälfte gekürzt und endete mit Ablauf des 30. Mai 1980.
Dieser Beitrag geht die Halte Aachen Nord, Haaren, Kaisersruh, Würselen, Würselen Mitte, Euchen, Alsdorf-Ofden, Mariagrube, Hoengen und Aldenhoven durch.
Die Bilder zeigen die Strecke aus den Jahren 1979 bis 1981 und den heutigen Zustand.
Entstehung: Eine Bahn für die Gruben
Auf private Initiative von Gruben- und Hüttenbetrieben des Aachener Steinkohlereviers ging 1875 die Strecke Aachen Nord–Würselen–Hoengen in Betrieb.
Dazu gehörten Verbindungen von Würselen nach Stolberg und zur Grube Gouley in Morsbach sowie ein Anschluss an den Bahnhof Aachen-Rothe Erde über Haaren.
1880 erging die Konzession zur Verlängerung von Hoengen bis nach Jülich.
Mit der Inbetriebnahme der Verlängerung am 1. Oktober 1882 änderte die Aachener Industriebahn ihren Namen in Aachen-Jülicher Eisenbahn.
1887 übernahm der preußische Staat die Betriebsführung, die Aktiengesellschaft löste sich am 1. Mai dieses Jahres auf.
So sah es vorher aus: Mehr Züge als auf jeder anderen Jülicher Strecke
In der Nachkriegszeit wies die Linie mehr Zugverbindungen auf als jede andere der sechs von Jülich ausgehenden Bahnstrecken.
Der Zweite Weltkrieg führte zu einer teils mehrjährigen Unterbrechung des Bahnbetriebs, 1950 konnte wieder der durchgehende Betrieb aufgenommen werden.
Anfang der 1950er Jahre befuhren montags bis freitags elf Zugpaare die Gesamtstrecke.
Zum Sommerfahrplan 1954 wurde das Angebot von zwölf auf 17 Zugpaare ausgeweitet, ein erheblicher Teil davon mit fabrikneuen Schienenbussen.
Von den 17 Zügen, die ab Sommer 1954 aus Richtung Aachen Nord in Jülich ankamen, waren 13 Schienenbusse.


Ein Nachteil der Strecke war, dass sie nicht zum Aachener Hauptbahnhof führte.
Im Kursbuch fand sich jahrzehntelang die Fußnote, der Fußweg von Aachen Nord nach Aachen Hbf dauere etwa 30 Minuten.
Die Sicherungstechnik war auf einen Bremsweg von 400 Metern ausgerichtet und begrenzte die Höchstgeschwindigkeit auf 60 Kilometer pro Stunde.
Aachen Nord: Der Kopfbahnhof
Der Bahnhof Aachen Nord war ein Kopfbahnhof mit drei Gleisen, davon zwei für den Personenverkehr und eines, dem ein Güterbahnhof mit Gleisanschluss für die Waggonfabrik Talbot vorgelagert war.
Die Angaben zum Baujahr gehen auseinander: Eine Darstellung nennt 1875, eine andere die Einweihung im Jahr 1882.
Am 30. Mai 1980 wurde der Bahnhofsbetrieb eingestellt, die Bahnsteigüberdachungen wurden abgerissen und die Gleise im Bereich des Personenbahnhofs entfernt.
Das Empfangsgebäude dient seitdem als Getränkemarkt und Gaststätte.
Nur der Güterbahnhof und das Industriegleis zum Bahnhof Rothe Erde werden weiterhin von der Talbot Services GmbH genutzt.
Haaren: Der Abzweigbahnhof
Der ehemalige Bahnhof Haaren bei Aachen lag bei Streckenkilometer 1,6.
Er war Abzweigbahnhof der Verbindungsstrecke zum Bahnhof Aachen-Rothe Erde.
Die Strecke Aachen Nord–Jülich streifte ihn nur im Bereich des Gleisdreiecks, über das in beide Richtungen auf die Verbindungsstrecke gewechselt werden konnte.
Der Abschnitt Würselen–Haaren wurde am 1. September 1980 für den Gesamtverkehr stillgelegt.
Kaisersruh: Ein früh aufgegebener Haltepunkt
Bei Streckenkilometer 3,74 lag der Haltepunkt Kaisersruh, etwa 800 Meter nordwestlich des Gutes Kaisersruh.
Er wurde schon zum 30. September 1973 außer Betrieb genommen.
An der Stelle befindet sich heute eine Schutzhütte.
Würselen: Knotenbahnhof, Betriebswerk und Kino
Der Bahnhof Würselen lag bei Kilometer 5,8.
Das große Empfangsgebäude des Kreuzungsbahnhofs wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1952 durch einen kleineren Neubau ersetzt.
Das Gebäude ist erhalten und wird als Kino und Kinderhort genutzt.
Im Bahnhof kreuzte die Bahnstrecke Kohlscheid–Stolberg der Aachener Industriebahn, die ursprünglich die Zechen Teut und Gouley anschloss.
Die Gleisanlagen waren deshalb sehr umfangreich, zwischen 1875 und 1950 gab es dort ein Bahnbetriebswerk und zwei Stellwerke.
Nach dem Abriss der Bahnanlagen in den 1980er und 1990er Jahren wurde das Bahnhofsgelände mit einer Umgehungsstraße, der K 30 Willy-Brandt-Ring, überbaut.
Auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks steht heute das Freizeitbad Aquana.
Der Abschnitt Mariagrube–Würselen wurde am 31. Dezember 1983 für den Gesamtverkehr stillgelegt.
Würselen Mitte: Der Haltepunkt am Markt
Zum Sommerfahrplan 1951 ging 800 Meter südwestlich vom Bahnhof Würselen der zusätzliche Haltepunkt Würselen Mitte in Betrieb.
Er lag im Bereich Markt und Kaiserstraße bei Streckenkilometer 5,0.
In Würselen Mitte hielten fortan praktisch alle Züge, in Würselen Bahnhof fuhren ab dem Winterfahrplan 1951/52 drei bis vier Züge pro Richtung durch.
Der Haltepunkt besaß ein Wartehäuschen und existiert nicht mehr, an seiner Stelle befinden sich Parkbuchten.
Euchen: Ein kleiner Durchgangsbahnhof
Der Bahnhof Euchen bei Streckenkilometer 8,3 war nur ein kleiner Durchgangsbahnhof für den Landhandel.
Ab dem 10. Dezember 1897 bestand eine Stichstrecke zur Grube Gemeinschaft in Duffesheide, die Transporte liefen kurzfristig über Euchen, weil in der Grube keine Kohle gefördert wurde.
Das Empfangsgebäude steht noch und ist in Privatbesitz, es liegt am Westausgang des Ortes an der Broicher Straße.
Hinter dem Empfangsgebäude hat sich auf einem Landwirtschaftsweg ein Bahnübergang in Form eines Gleises erhalten.
Alsdorf-Ofden: Ein Haltepunkt der 1950er Jahre
Der Haltepunkt Alsdorf-Ofden wurde bei Streckenkilometer 9,9 um 1953 errichtet.
Nach dem Fahrplan wurde er zum Sommerfahrplan 1954 eröffnet.
Er existiert heute nicht mehr.
Mariagrube: Der Turmbahnhof
Nördlich von Mariadorf kreuzten sich am Bahnhof Mariagrube bei Kilometerpunkt 11,93 die Strecke Herzogenrath–Alsdorf–Stolberg und diese Strecke höhenfrei.
Am Bahnhof waren die Stichstrecke zur Grube Emil Mayrisch in Siersdorf, zwei Verbindungskurven zur Strecke Herzogenrath–Stolberg und die Mariadorfer Grube Maria angeschlossen.
Für die Grube gab es einen großen Rangier- und Verladebahnhof.
Der zweite Bahnhof des Ortes wurde nach der Grube Bahnhof Mariagrube genannt, um Verwechslungen mit dem ersten Bahnhof Mariadorf zu vermeiden.
Im Dezember 2011 wurde der obere Teil des Turmbahnhofs für die Euregiobahn reaktiviert.



Hoengen: Zwei Halte für einen Ort
Der Bahnhof Hoengen war in den ersten sieben Jahren der Strecke ihr Endpunkt und hieß im 19. Jahrhundert Warden.
Er lag bei Streckenkilometer 14,2 an der Goethestraße gegenüber der Thomas-Mann-Straße, das Empfangsgebäude wird heute privat genutzt.
Zum Sommerfahrplan 1953 wurde der Halt von Kilometer 14,2 nach Kilometer 13,7 verlegt, ein neuer Haltepunkt an der Jülicher Straße ersetzte den alten Bahnhof.
Der alte Bahnhof kam zum Winterfahrplan 1954/55 als Hoengen Ost nur für Schienenbusse wieder hinzu und wurde ab dem Winterfahrplan 1964/65 nicht mehr bedient.
Der Haltepunkt Hoengen war bis 1980 durchgehend in Betrieb.
Er hatte einen Seitenbahnsteig und ein Wartehäuschen, das schon kurz vor der Stilllegung entfernt wurde.
Heute erinnert nichts mehr an ihn.
Aldenhoven und Bourheim: Kurze Bahnsteige für Schienenbusse
Zum Sommerfahrplan 1954 wurden die Haltepunkte Bourheim, Aldenhoven Ost und Niedermerz eröffnet.
Wegen ihrer kurzen Bahnsteige waren sie nur für die ebenfalls kurzen Schienenbusse gedacht.
In Bourheim lagen Strecke und Bahnsteig über 200 Meter vom Dorfrand entfernt.
Der Abschnitt Aldenhoven–Mariagrube wurde am 31. Oktober 1984 stillgelegt, der Abschnitt Kirchberg–Aldenhoven am 30. November 1982.


Niedergang: Weniger Züge, dann die Stilllegung
Zum Sommerfahrplan 1961 verlor der Abschnitt Jülich–Mariagrube alle Sonntagszüge, ab 1962 fuhren auch zwischen Aachen Nord und Mariagrube sonntags keine Züge mehr.
Zum Winterfahrplan 1963/64 verließ der letzte Zug Aachen Nord gegen 20 Uhr, ab 1965 endete der Betrieb an Samstagen gegen 14 Uhr.
1975 stellte die Bundesbahn den Verkehr an Samstagen komplett ein, als Ersatz verlängerte die ASEAG ihre Buslinie 11 bis Jülich.
Zum Sommerfahrplan 1979 wurde das Angebot von elf auf fünf Zugpaare zusammengestrichen.
Mit Ablauf des 30. Mai 1980 wurde die Strecke gemeinsam mit der Strecke Mönchengladbach–Hochneukirch–Jülich im Personenverkehr stillgelegt.

Nach 1980 wurde der Güterverkehr auf einigen Teilabschnitten noch wenige Jahre weiterbetrieben.
Bedient wurden abseits der Knotenbahnhöfe vor allem die Papierfabrik Eichhorn in Kirchberg, ein Altmetallhandel in Aldenhoven, ein Landhandel in Schleiden bei Jülich und ein weiterer Kunde in Euchen.
Für den Gesamtverkehr wurden schließlich fast alle Abschnitte stillgelegt, zuletzt der Abschnitt Aldenhoven–Mariagrube am 31. Oktober 1984.
So sieht es jetzt aus: Radweg statt Gleise
Die Strecke ist bis auf drei kurze Abschnitte abgebaut.
Erhalten sind Jülich bis zur Abzweigung Rübenstraße, Mariagrube–Siersdorf und Aachen Nord–Haaren.
Regelmäßig befahren wird nur der Abschnitt von Aachen Nord nach Haaren und weiter nach Rothe Erde zur Bedienung des Gleisanschlusses der Waggonfabrik Talbot.
Zwischen Alsdorf und Jülich wurde die Trasse zum Radweg ausgebaut.
Seit 2014 wird die stillgelegte Trasse für einen Bahntrassenradweg verwendet, der Ausbau von Aachen bis Jülich wird von der Städteregion Aachen und dem Kreis Düren finanziert.
In Alsdorf-Mariadorf wird der Ausbau des Radwegs im Bereich des ehemaligen Bahnhofs Mariagrube gemeinsam mit dem Ausbau der Euregiobahn ausgeführt.

Die Geschichte in Daten
1871: Die Aachener Industriebahn Actiengesellschaft wird gegründet.
1875: Aachen Nord–Würselen–Hoengen in Betrieb.
1. Oktober 1882: Verlängerung bis Jülich in Betrieb.
1. Mai 1887: Die Aktiengesellschaft löst sich auf, der preußische Staat übernimmt.
10. Dezember 1897: Stichstrecke von Euchen zur Grube Gemeinschaft.
1950: Durchgehender Betrieb wird wieder aufgenommen.
Sommer 1951: Haltepunkt Würselen Mitte geht in Betrieb.
Sommer 1954: Angebot wird auf 17 Zugpaare ausgeweitet, neue Haltepunkte eröffnet.
1961: Sonntagszüge entfallen auf dem Abschnitt Jülich–Mariagrube.
30. September 1973: Haltepunkt Kaisersruh außer Betrieb.
1975: Der Samstagsverkehr wird eingestellt.
Sommer 1979: Angebot von elf auf fünf Zugpaare gekürzt.
30. Mai 1980: Der Personenverkehr endet.
1. September 1980: Würselen–Haaren stillgelegt.
30. November 1982: Kirchberg–Aldenhoven stillgelegt.
31. Dezember 1983: Mariagrube–Würselen stillgelegt.
31. Oktober 1984: Aldenhoven–Mariagrube stillgelegt.
Dezember 2011: Der obere Teil des Bahnhofs Mariagrube wird für die Euregiobahn reaktiviert.
2014: Der Ausbau eines Bahntrassenradwegs beginnt.
Häufige Fragen
Wann endete der Personenverkehr?
Gibt es noch Gleise?
Was ist aus dem Bahnhof Würselen geworden?
Was ist aus dem Bahnhof Aachen Nord geworden?
Gibt es einen Radweg?
Von der Strecke Aachen Nord–Jülich sind Empfangsgebäude in Aachen Nord, Würselen, Euchen, Hoengen und Mariagrube sowie der Radweg geblieben.
Wikipedia: Bahnstrecke Aachen Nord–Jülich · Wikimedia Commons: Bilder zur Strecke Aachen Nord–Jülich
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