Bahn-Slam · Standpunkt
„Sehr geehrte Fahrgäste, wir fahren heute etwas langsamer. Dafür kommen wir vielleicht pünktlicher – und sparen Strom.“
Sollte der ICE langsamer fahren?
→ Schneller ist teurer und durstiger. Sollte der ICE lieber etwas langsamer fahren – für Strom und Pünktlichkeit?
Lesezeit: 7 Minuten · Technik & Umwelt
Worum es geht
Der neueste ICE 4 fährt bewusst nur 250 statt 300 Stundenkilometer. Die Bahn begründet das mit Umwelt, Kosten und dem dichten Haltenetz, in dem Spitzentempo selten etwas bringt. Denn hohes Tempo kostet überproportional viel Strom und mehr Wartung. Kritiker halten dagegen: Langsamer heißt längere Reisezeiten, und teuer gebaute Schnellstrecken würden verschenkt. Die Wahrheit ist: Es kommt darauf an, wo und wie man fährt.
Tempo 300 klingt nach Fortschritt – der ICE als Pfeil, der übers Land schießt.
Doch der neueste ICE 4 ist langsamer als sein Vorgänger: 250 statt 300.
Kein Versehen, sondern Absicht.
Dahinter steckt eine Rechnung, die viele überrascht: Schneller ist nicht immer besser.

Warum Tempo so teuer ist
Der Luftwiderstand wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Wer schneller fährt, verbraucht überproportional mehr Strom.
Dazu kommt der Verschleiß: Bei 300 Stundenkilometern nutzen sich Räder, Bremsen und Fahrleitung viel stärker ab als bei 250.
Deshalb hat die Bahn den ICE 4 bewusst bei 250 gedeckelt – für sie ein guter Kompromiss aus Tempo, Kosten und Umwelt.
Das dichte Netz bremst ohnehin
In Deutschland liegen die Bahnhöfe eng beieinander. Zwischen zwei Halten kann ein Zug seine Spitzengeschwindigkeit oft gar nicht ausfahren.
Nur wenige Strecken sind überhaupt für 300 gebaut – Köln–Frankfurt etwa, mit Tunneln, Brücken und sanften Kurven.
Auf dem Rest bringt Tempo 300 wenig, weil der Zug ständig bremsen und beschleunigen muss.
Die Argumente
Dafür
+ Strom sparen: Weil der Luftwiderstand mit dem Quadrat der Geschwindigkeit steigt, spart etwas langsamer viel Energie.
+ Weniger Verschleiß: Bei 250 statt 300 halten Räder, Bremsen und Oberleitung länger – das senkt die Wartungskosten.
+ Mehr Pünktlichkeit: Wer nicht am Limit fährt, hat Puffer. Kleine Störungen lassen sich dann leichter aufholen.
+ Selten nutzbar: Im dichten deutschen Netz kann der Zug Tempo 300 ohnehin nur auf wenigen Abschnitten ausfahren.
Dagegen
− Längere Reisezeiten: Jede Minute mehr macht die Bahn unattraktiver – gerade gegen Auto und Flug.
− Verschenkte Milliarden: Strecken wie Köln–Frankfurt wurden teuer für 300 gebaut. Langsamer zu fahren, wäre Verschwendung.
− Nicht immer sparsamer: Auf Steilstrecken braucht ein Zug Schwung. Zu langsam kann dort sogar mehr Energie kosten.
− Falsches Signal: Die Bahn will schneller werden als das Auto. Ausgerechnet langsamer zu fahren, passt schlecht dazu.
Wie schnell fährt der ICE heute?
Der ICE 3 und der neue ICE 3neo schaffen bis zu 300 bzw. 320 km/h, der große ICE 4 dagegen nur bis 265, meist gefahren werden 250. Auf den allermeisten Strecken ist ohnehin bei 160 bis 230 km/h Schluss – echtes Spitzentempo gibt es nur auf wenigen Schnellfahrstrecken.
Und nun?
Pauschal langsamer ist so falsch wie pauschal schneller.
Auf den wenigen echten Schnellfahrstrecken ist Tempo 300 sinnvoll – dort wurde teuer dafür gebaut.
Auf dem dichten Rest des Netzes bringt es wenig und kostet viel. Klüger als eine feste Zahl ist deshalb, jeden Abschnitt so schnell zu fahren, wie es sich lohnt – und die Energie dort zu sparen, wo Tempo ohnehin nichts bringt.
Weiterfahrt
→ Wie schnell fährt der schnellste Zug? – die Rekorde
→ Wie viel Strom verbraucht die Bahn? – was Tempo kostet
→ Langsamer für mehr Pünktlichkeit? – der verwandte Standpunkt
