Stimmt es, dass Reisende am Gotthard dieselbe Kirche dreimal aus verschiedenen Höhen sehen?

Mythen

„Da ist die kleine Kirche schon wieder, nur liegt sie jetzt plötzlich tief unter uns statt neben uns.“

Stimmt es, dass Reisende am Gotthard dieselbe Kirche dreimal aus verschiedenen Höhen sehen?

→ Warum sich die alte Gotthardbahn im Berg regelrecht im Kreis dreht.

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Gotthardbahn Kehrtunnel Bergstrecke
Gotthardbahn Kehrtunnel Bergstrecke. Foto: Willy Pragher, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Kurz erklärt

Stimmt.

Trick: Kehr- und Spiraltunnel drehen die Strecke im Berg

Zweck: Höhe gewinnen bei flacher Steigung

Wahrzeichen: Die Kirche von Wassen, mehrfach sichtbar

Strecke: Alte Gotthard-Bergstrecke, eröffnet 1882

Gegenstück: Der flache, moderne Gotthard-Basistunnel

Der Mythos

Reisende auf der alten Gotthardstrecke erzählen eine erstaunliche Geschichte.

Angeblich sieht man unterwegs dieselbe kleine Kirche gleich dreimal, jedes Mal aus einer anderen Höhe.

Das klingt, als würde der Zug im Kreis fahren oder sich die Landschaft wiederholen.

Tatsächlich steckt dahinter ein genialer Trick aus der Zeit der Bahnpioniere.

Die kurze Antwort lautet daher: Ja, am Gotthard taucht dieselbe Kirche wirklich mehrfach auf.

Das Problem: zu steil für die Bahn

Am Gotthard muss die Bahn auf kurzer Strecke sehr viel Höhe gewinnen.

Fährt ein Zug einfach geradeaus den Hang hinauf, wird die Steigung schnell zu stark.

Eine normale Bahn ohne Zahnrad kann aber nur eine begrenzte Steigung bewältigen.

Zu steile Abschnitte wären für schwere Züge gefährlich und kaum zu befahren.

Die Erbauer der Strecke standen damit vor einer kniffligen Aufgabe.

Sie mussten die Höhe gewinnen, ohne die Steigung zu groß werden zu lassen.

Die Lösung: Kehr- und Spiraltunnel

Die Antwort waren sogenannte Kehrtunnel, auch Spiraltunnel genannt.

Dabei dreht sich die Strecke im Inneren des Berges in einer großen Schleife.

Der Zug fährt in den Berg hinein und kommt an fast derselben Stelle wieder heraus.

Nur liegt er nach der Schleife deutlich höher oder tiefer als zuvor.

So gewinnt die Bahn an Höhe, ohne lange gerade Rampen bauen zu müssen.

Die Steigung bleibt dadurch über die ganze Strecke angenehm flach.

Wie ein Spiraltunnel funktioniert

Man kann sich die Spirale wie eine Wendeltreppe für Züge vorstellen.

Statt Stufen nutzt die Bahn eine lange, kreisförmige Röhre im Fels.

Beim Durchfahren macht der Zug im Dunkeln eine ganze Drehung.

Danach fährt er in dieselbe Talrichtung weiter, nur auf einer anderen Höhe.

Von außen betrachtet überlagert sich die Strecke dabei fast selbst.

Dieses Prinzip findet man an mehreren Stellen der alten Gotthardstrecke.

Die berühmte Kirche von Wassen

Besonders bekannt ist der Blick auf das kleine Bergdorf Wassen.

Dort steht eine Kirche gut sichtbar am Hang über dem Tal.

Wegen der Schleifen im Berg fährt der Zug an dieser Kirche gleich mehrmals vorbei.

Einmal sieht man sie von unten, dann etwa auf gleicher Höhe und schließlich von oben.

Für viele Reisende wurde diese dreifache Begegnung zum Wahrzeichen der Strecke.

Die Kirche von Wassen ist dadurch unter Bahnfreunden geradezu berühmt.

Gotthardbahn Zug
Gotthardbahn Zug. Foto: Unknown authorUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Die alte Gotthard-Bergstrecke

Die Strecke über den Gotthard wurde bereits im 19. Jahrhundert eröffnet.

Sie galt damals als eine der kühnsten Bahnlinien der Alpen.

Über Kehren und Tunnel schlängelt sie sich den Berg hinauf und wieder hinab.

Oben verschwindet sie schließlich in einem langen Scheiteltunnel unter dem Pass.

Die ganze Linie gilt bis heute als technisches Denkmal von hohem Rang.

Sie zeigt eindrucksvoll, wie man vor über hundert Jahren die Alpen bezwang.

Warum man so aufwendig baute

Mit den Schleifen ließ sich eine Zahnradbahn vermeiden.

So konnten auch schwere, normale Züge die Strecke befahren.

Das war wichtig, denn der Gotthard ist eine bedeutende Nord-Süd-Verbindung.

Über ihn rollt bis heute viel Verkehr zwischen Norden und Süden Europas.

Die flache Steigung machte die Strecke leistungsfähig und zuverlässig.

Der Umweg durch die Spiralen zahlte sich damit über Jahrzehnte aus.

Der neue Tunnel als Gegensatz

Seit einigen Jahren gibt es tief unten im Berg einen völlig neuen Weg.

Der moderne Gotthard-Basistunnel durchquert das Massiv fast eben und schnurgerade.

Er ist der längste Eisenbahntunnel der Welt und spart viel Zeit.

Die schnellen Züge nehmen heute meist diesen tiefen, geraden Weg.

Die alte Bergstrecke mit ihren Schleifen bleibt aber als Erlebnisroute erhalten.

So stehen der kühne alte und der moderne neue Weg direkt nebeneinander.

Ein Erlebnis für Reisende

Wer die alte Strecke fährt, erlebt die Schleifen ganz unmittelbar.

Immer wieder öffnet sich der Blick auf dieselbe Landschaft aus neuer Höhe.

Viele halten gezielt Ausschau nach der berühmten Kirche von Wassen.

Die langsame Fahrt über den Berg ist dabei Teil des Reizes.

Gerade für Bahnfans gilt die Strecke als kleines Pflichtprogramm.

Was davon im Alltag zählt

Die Spiraltunnel am Gotthard sind ein Meisterstück alter Ingenieurskunst.

Sie lösen das Problem der Steigung auf verblüffend elegante Weise.

Der Mythos von der dreifach sichtbaren Kirche stimmt also tatsächlich.

Er erklärt sich ganz einfach durch die Schleifen, die der Zug im Berg fährt.

Merke: Am Gotthard ist es kein Déjà-vu, wenn dieselbe Kirche dreimal vorbeizieht, sondern beste Baukunst.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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