Bahn-Slam · Pro & Contra
„Zusätzliche Züge können wir Ihnen heute leider nicht anbieten.“
Mehr Züge ins Netz — oder die Züge einfach länger machen?
→ Nach dem Abpfiff bricht eine Welle los. Man kann ihr mehr Boote geben — oder größere. Beides kostet.
Lesezeit: 8 Minuten · Standpunkt · Das System Bahn
In der Schweiz streiten sie gerade genau darüber.
Die SBB verzichtet seit dieser Saison auf Extrazüge außerhalb des normalen Fahrplans.
Der Entscheid löst Unmut aus — bei den Fans, aber auch bei der Swiss Football League.
Die Liga kann ihn nicht ganz nachvollziehen: Das Modell habe sich bewährt.
Dahinter steht eine Zahl, die weh tut: rund vier Millionen Franken ungedeckte Kosten sollen die Extrazüge Jahr für Jahr verschlingen.
Am liebsten sollen die Klubs künftig selbst „Charterzüge“ buchen — und damit auch die Haftung für Randale ihrer Fans übernehmen.
Der Verzicht auf Extrazüge ist dabei erst der Zwischenschritt, das Druckmittel.
Zwischen SBB und dem FC Zürich eskalierte es zuletzt öffentlich — Fans lösten in Zügen Feueralarm aus, am Ende stand eine kurzfristige Spielverschiebung.
Die Liga hat ihren Spielplan vorläufig so angepasst, dass alle Fans noch mit dem ÖV heimkommen — und hofft auf Gespräche.

Das ist die Schweiz. Aber die Frage ist deutsch.
Auch bei uns drängen an jedem Spieltag Zehntausende gleichzeitig aufs Gleis.
Und auch bei uns gibt es nur zwei Hebel, um eine Menschenwelle zu bewegen.
Man gibt ihr mehr Züge — oder man macht die vorhandenen länger.
Klingt nach einer technischen Frage.
Ist in Wahrheit eine Frage über Geld, über Sicherheit und darüber, wem das Netz eigentlich gehört.
In Deutschland läuft der größte Teil der Fanreise über den Nahverkehr.
Beim Heimspiel ist das Ticket oft ein Kombiticket: Die Eintrittskarte gilt zugleich als Fahrschein im Verkehrsverbund.
Die Fans quetschen sich in Regionalbahnen und S-Bahnen, häufig in Doppelstockwagen, die schon von Haus aus auf Masse gebaut sind.
Für Auswärtsspiele quer durch die Republik kommt der Fernverkehr dazu — ICE und IC, dazu Reisebusse.
Zu großen Spielen fährt die Bahn seit jeher Entlastungs- und Sonderzüge, gesichert von der Bundespolizei.
Bezahlt wird das nicht aus einer Kasse.
Den Nahverkehr bestellen die Länder, finanziert aus Regionalisierungsmitteln — also aus Steuergeld.
Der Fernverkehr dagegen muss sich selbst rechnen.
Schon dieser Unterschied entscheidet mit, welcher Hebel überhaupt greift.
Der erste Hebel: mehr Züge
Mehr Züge heißt: zusätzliche Fahrten, die es im normalen Fahrplan nicht gibt — ein Extrazug, der nur an diesem Samstag rollt, genau dann, wenn der Andrang am größten ist.
Der zweite Hebel: längere Züge
Längere Züge heißt: den Zug, der ohnehin fährt, verstärken — ein zweiter Doppelstock-Teil, ein angehängter Wagen, zwei Triebzüge in Doppeltraktion. Mehr Wagen an derselben Fahrplanlage.
Ein Argument dafür — und sofort das Gegenargument. Schlag auf Schlag.
+ Dafür
Ein Extrazug bringt Kapazität in genau der halben Stunde nach dem Abpfiff — bereit, wenn die Welle bricht, statt die Fans auf drei volle Regelzüge zu verteilen.
− Dagegen
Nur ist abends im vollen Knoten kein Gleis mehr frei. Der Extrazug findet oft gar keine Trasse — oder verdrängt den letzten Regelzug, auf den ein Pendler wartet.
+ Dafür
Dann eben längere Züge: ein paar Wagen an den Zug, der ohnehin fährt. Kein neuer Slot, weniger Personal, deutlich günstiger.
− Dagegen
Aber die Bahnsteigkante ist die Grenze. Viele Bahnsteige messen nur 200 Meter — was länger ist, öffnet die Türen ins Nichts oder fällt ganz aus.
+ Dafür
Eigene Züge trennen die Lager: rivalisierende Fans getrennt, das entschärft die gefährlichste Mischung im Waggon.
− Dagegen
Der verstärkte Regelzug steckt dagegen alle zusammen — und der Schaden trifft das Fahrzeug, das Montag früh im Berufsverkehr fehlt.
+ Dafür
Für die weite Auswärtsfahrt bleibt ohnehin nur der zusätzliche Zug — einen ICE verlängert man nicht mal eben auf 400 Meter.
− Dagegen
Und der zusätzliche Zug bindet Personal, das nachts kaum da ist, plus teure Leerkilometer — in der Schweiz macht das vier Millionen im Jahr.
Kurze Strecke mit langem Bahnsteig → verstärken. Weite Fahrt mit getrennten Lagern → Extrazug. Selten ist es nur das eine.

Am Ende ist die Frage „mehr oder länger“ nur die Oberfläche.
Darunter liegt die eigentliche: Wer bezahlt das alles — und wer haftet, wenn es kracht?
Die SBB hat eine unbequeme Antwort gegeben: Sollen doch die Klubs ihre Charterzüge selbst buchen und für die Randale ihrer Fans geradestehen.
Auf Deutschland übertragen wird es kompliziert, weil hier zwei Kassen im Spiel sind.
Im Nahverkehr zahlt die Allgemeinheit über die Regionalisierungsmittel mit — die verstopfte Regionalbahn ist am Ende auch dein Geld.
Im Fernverkehr muss sich jeder Zug selbst rechnen — ein defizitärer Sonderzug ist schwer zu begründen.
Und über allem schwebt der Schaden.
Ein Verein, der für zerlegte Wagen zahlen müsste, hätte plötzlich ein Interesse an ruhigen Fans.
Das ist der Kern des Schweizer Vorstoßes: Nicht die Bahn soll erziehen, sondern die Rechnung.
Der Genosse Waschbär
Wer den Zug zerlegt und danach über den Fahrpreis schimpft, hat die Rechnung selbst an die Wand gesprüht.
Die ehrliche Antwort lautet: Es ist kein Entweder-oder.
Auf der kurzen, dicht befahrenen Strecke mit langen Bahnsteigen gewinnt die Verstärkung — mehr Wagen, kein neuer Slot.
Auf der weiten Auswärtsfahrt und überall dort, wo Lager getrennt werden müssen, führt am Extrazug kein Weg vorbei.
Die Bahn muss beides können, je nach Gleis, je nach Spiel.
Aber beides gibt es nicht umsonst — und genau das ist die Botschaft aus der Schweiz.
Ein Netz ist keine Zauberkiste, aus der am Samstag um 17:20 Uhr beliebig viele Züge steigen.
Es hat so viele Gleise, Fahrzeuge und Menschen im Dienst, wie jemand bezahlt hat — lange vorher.
Wer mehr Kapazität für den Fußball will, muss sagen, woher sie kommt und wer sie trägt.
Die Fans, die Vereine, die Länder, die Allgemeinheit — irgendwer steht immer am Ende der Rechnung.
Die Welle nach dem Abpfiff bekommt man in den Griff.
Aber nur, wenn vorher jemand die Boote gebaut hat.
Und wer sie zerschlägt, während er drin sitzt, sollte sich über die Werft nicht wundern.
Ich sage dir nicht, welcher Hebel richtig ist.
Ich lege dir beide hin. Entscheiden musst du selbst.
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