Der Bahnhof Einbeck, wo die Bierstadt nach 34 Jahren ihre Züge zurückbekam

Ortstermin

„Nächster Halt Einbeck Mitte, Endstation für Fachwerk, Bockbier und einen schiefen Kirchturm.“

Der Bahnhof Einbeck, wo die Bierstadt nach 34 Jahren ihre Züge zurückbekam

→ Ein Ortstermin in Südniedersachsen.

Lesezeit: 9 Minuten · Schalter: Ortstermin

Kurz gesagt

Einbeck hat zwei wichtige Bahnhöfe, einen an der Hauptstrecke in Salzderhelden und einen nahe der Innenstadt. Nach 34 Jahren ohne regulären Personenverkehr fahren seit Dezember 2018 wieder Züge bis Einbeck Mitte.

Einbeck im Süden Niedersachsens ist eine alte Hansestadt, deren Name bis heute in jedem Bockbier steckt, denn die Bezeichnung dieses starken Bieres leitet sich von der Stadt ab.

Mehr als 150 spätmittelalterliche Fachwerkhäuser prägen das Zentrum, und über dem Marktplatz ragt ein Kirchturm auf, der sichtbar schief steht.

Mit der Bahn kommt man über einen Umsteigebahnhof an der Hauptstrecke in die Stadt, und die kurze Strecke dorthin hat eine bemerkenswert wechselhafte Geschichte.

2019 04 Umstieg in Salzderhelden
Foto: Simon-Martin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Umsteigebahnhof von 1854

Der Bahnhof Einbeck-Salzderhelden liegt etwa fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt an der Hauptstrecke zwischen Hannover und Göttingen, der alten Hannöverschen Südbahn.

Am 31. Juli 1854 wurde der Abschnitt von Alfeld über Kreiensen und Northeim nach Göttingen eröffnet, der Bahnhof der damals noch selbstständigen Gemeinde Salzderhelden wurde jedoch erst einen Tag später eingeweiht.

Das Empfangsgebäude entstand nach Plänen von Conrad Wilhelm Hase, der 1818 in Einbeck geboren wurde und als einer der bedeutendsten Vertreter der Neugotik des 19. Jahrhunderts gilt.

Zum Bahnhofsgebäude gehört heute eine Heimatstube, und an den Bahnsteigen halten etwa stündlich die Regional-Express-Züge der Linie RE 2 nach Göttingen und Hannover.

Bahnhof Einbeck Mitte mit 640 022
Foto: Jacek Rużyczka, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Viereinhalb Kilometer bis in die Stadt

Am 10. September 1879 ging die Stichstrecke von Salzderhelden nach Einbeck in Betrieb, und aus dem Durchgangsbahnhof an der Südbahn wurde ein Abzweigbahnhof.

Gebaut hat die 4,6 Kilometer lange Strecke die Braunschweigische Eisenbahngesellschaft, die der preußische Staat nach mehreren Vorstößen der Stadt Einbeck damit beauftragt hatte.

Weil man das Gleis gern bis in den Solling verlängert hätte, der Staat daran aber kein Interesse zeigte, wurde in Dassel eigens die Ilmebahn AG gegründet und im Oktober 1882 ins Handelsregister eingetragen.

Ab dem 20. Dezember 1883 fuhren ihre Züge vom Staatsbahnhof in Einbeck weiter Richtung Solling bis nach Dassel.

640 021, 1, Einbeck, Landkreis Northeim
Foto: GeorgDerReisende, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Gut zu wissen

Der Bahnhof Einbeck-Salzderhelden wurde am 1. August 1854 eingeweiht und liegt an der Hauptstrecke zwischen Hannover und Göttingen. Die 4,6 Kilometer lange Stichstrecke nach Einbeck Mitte gibt es seit 1879.

Von 1984 bis 2018 fuhren auf der Stichstrecke keine regulären Personenzüge. Die Reaktivierung kostete rund acht Millionen Euro, und im Juli 2019 nutzten täglich rund 340 Fahrgäste die Züge.

Zwei Bahnhöfe, drei Namen

Am 1. März 1974 wurde der Flecken Salzderhelden in die Stadt Einbeck eingegliedert, und damit lagen plötzlich beide Bahnhöfe auf Einbecker Stadtgebiet.

Im Jahr 1978 wurde der Bahnhof an der Hauptstrecke in Einbeck umbenannt, während der bisherige Bahnhof Einbeck in der Stadt seitdem Einbeck Mitte heißt.

Seit 1994 trägt der Umsteigebahnhof den Doppelnamen Einbeck-Salzderhelden, der beide Orte auf einem Schild vereint.

Für Reisende lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf den Fahrplan, denn beide Stationen tragen den Namen der Stadt.

Einbeck Mitte Zughalt 2019
Foto: Ostargomka, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Jahrzehnte nur für Güterzüge

Auf der Ilmebahn zwischen Einbeck und Dassel endete der Personenverkehr im Jahr 1975, auf der kurzen Strecke von Salzderhelden nach Einbeck im Jahr 1984.

Danach blieb das Gleis in die Stadt vor allem dem Güterverkehr vorbehalten, und nur gelegentlich rollten Sonderzüge bis Einbeck Mitte.

Anfang der 2000er Jahre ging der Abschnitt zwischen Salzderhelden und Einbeck Mitte von der Deutschen Bahn an die Ilmebahn über, die inzwischen eine GmbH geworden war.

Auf dem Weg nach Dassel wurden die Gleise dagegen schrittweise stillgelegt, 2002 der Abschnitt von Dassel nach Markoldendorf und 2004 das Stück zwischen Juliusmühle und Markoldendorf.

Einbeck Brodhaus, 1540 1600 Fachwerk, mit Brunnen02
Foto: Franzfoto, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Rückkehr im Dezember 2018

Im Jahr 2015 zählten Gutachter die Strecke zu den drei Verbindungen in Niedersachsen, deren Reaktivierung einen deutlichen volkswirtschaftlichen Nutzen verspricht.

Für rund acht Millionen Euro bekam sie elektronische Stellwerkstechnik, neue Sicherungen an den Bahnübergängen und in Einbeck Mitte einen neuen Hausbahnsteig mit 55 Zentimetern Höhe.

Als im August 2017 die Instandsetzung der Ilmebrücke begann, fanden die Fachleute irreparable Schäden an der Stahlkonstruktion, und die Brücke musste neu gebaut werden.

Deshalb fuhren die ersten regulären Personenzüge erst mit einem Jahr Verzögerung zum Fahrplanwechsel im Dezember 2018 wieder bis in die Innenstadt.

Einbeck Brodhaus, 1540 1600 Fachwerk, mit Brunnen
Foto: Franzfoto, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Neue Halte und neue Fahrgäste

Schon im Juli 2019 wurde bekannt, dass täglich rund 340 Fahrgäste die Züge nutzen, während ein Gutachten langfristig ein Potenzial von 600 Fahrgästen gesehen hatte.

Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2019 kam ein weiterer Halt an der Otto-Hahn-Straße hinzu, und einige Züge fahren direkt von und nach Göttingen.

Im November 2022 begann zudem ein dreijähriger Probebetrieb zum Haltepunkt Einbeck BBS/PS-Speicher, der montags bis freitags in der Hauptverkehrszeit angefahren wurde.

Die Ilmebahn selbst hat ihren Sitz in Einbeck, führt auf ihrer Strecke Güterverkehr durch und betreibt dazu Stadt-, Schul- und Regionalbusse.

Eickesches Haus Spes Einbeck
Foto: Dirk Godlinski, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Bockbier und Hanse

Einbecker Bier ist seit 1351 als Exportware belegt, und das starke Bockbier trägt den Namen der Stadt bis heute in sich.

Nach dem Beitritt zur Hanse im Jahr 1368 reichte das Absatzgebiet des Bieres von Antwerpen bis Riga und von Stockholm bis München.

Mehr als die Hälfte aller Häuser besaß früher das Braurecht, und durch die hohen Toreinfahrten konnten die Wagen der Brauer in die Höfe fahren.

Im Jahr 1540 zerstörte ein Stadtbrand Einbeck fast vollständig, danach wurde die Stadt in einem einheitlichen Baustil neu aufgebaut, und die Häuser entstanden an ihren alten Plätzen über viel älteren Gewölbekellern.

Eickesches Haus Pax Temperantia
Foto: Dirk Godlinski, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Fachwerk und ein schiefer Turm

Der Marktplatz gilt als Keimzelle der Stadt, und an ihm stehen das Brodhaus von 1552, der Sitz der Einbecker Bäckerinnung, und die Ratsapotheke von 1590.

Das Eickesche Haus mit seinen reichen Schnitzereien aus der Renaissance ist als Baudenkmal von besonderer nationaler und kultureller Bedeutung eingestuft.

Die Marktkirche St. Jacobi besitzt einen 65 Meter hohen Turm, der sich deutlich nach Westen neigt und trotz einer barocken Stützfassade von 1741 noch etwa 1,50 Meter aus dem Lot steht.

Die Münsterkirche St. Alexandri gehört zu den größten gotischen Hallenkirchen Norddeutschlands und geht auf ein Stift zurück, das im Mittelalter ein bedeutender Wallfahrtsort wurde.

Kornhaus PS Speicher Einbeck
Foto: Dirk Godlinski, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ankommen in Einbeck

Vom innenstadtnahen Bahnhof Einbeck Mitte ist es nicht weit bis in die Altstadt, die zur Deutschen Fachwerkstraße gehört.

Die Nordseite der Tiedexer Straße gilt als schönstes Ensemble der Stadt, und 1958 entstanden dort Szenen des Films „Vater, Mutter und neun Kinder“ mit Heinz Erhardt.

Im PS-Speicher, einem sanierten Kornspeicher von 1898, führt seit Juli 2014 eine Ausstellung auf sechs Etagen durch die Geschichte von Fahrrädern, Motorrädern und Autos.

Wer danach noch Zeit hat, fährt zurück nach Salzderhelden, wo die Ruine der Heldenburg steht, zwischen 1291 und 1596 Residenz der Herzöge von Grubenhagen.

Burgruine Salzderhelden
Foto: Anaconda74, CC0, via Wikimedia Commons

Häufige Fragen

Welche Bahnhöfe hat Einbeck?
Die beiden wichtigsten sind Einbeck-Salzderhelden an der Hauptstrecke zwischen Hannover und Göttingen und Einbeck Mitte nahe der Innenstadt.
Seit wann fahren wieder Personenzüge nach Einbeck Mitte?
Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2018, nach 34 Jahren ohne regulären Personenverkehr.
Wer hat das Bahnhofsgebäude in Salzderhelden entworfen?
Der Architekt Conrad Wilhelm Hase, der 1818 in Einbeck geboren wurde und als bedeutender Vertreter der Neugotik gilt.
Warum steht der Turm der Marktkirche schief?
Schon im 15. Jahrhundert machten unzureichende Fundamente im Turmbereich Probleme, und trotz einer Stützfassade von 1741 steht der Turm noch etwa 1,50 Meter aus dem Lot.
Was zeigt der PS-Speicher?
Das Museum in einem Kornspeicher von 1898 zeigt historische Fahrräder, Motorräder und Autos und wurde am 23. Juli 2014 eröffnet.

Weiterfahrt

→ Ortstermin: Der Bahnhof Northeim – die Nachbarstadt weiter südlich an der Südbahn

→ Ortstermin: Göttingen Hauptbahnhof – die Universitätsstadt, mit dem RE 2 direkt erreichbar

→ Zurück zum Finder

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →