Stimmt es, dass Rückwärtsfahren im Zug übel macht?

Stimmt es, dass …?

„Achtung an Gleis 4: Der Zug verkehrt heute in umgekehrter Wagenreihung, viele Plätze zeigen nun gegen die Fahrtrichtung.“

Stimmt es, dass Rückwärtsfahren im Zug übel macht?

→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.

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Kurz gesagt

Nur zum Teil. Rückwärtsfahren macht nicht grundsätzlich übel, doch wer zur Reisekrankheit neigt, bekommt gegen die Fahrtrichtung leichter ein flaues Gefühl, weil der Blick auf das Kommende fehlt.

Bei der Platzwahl greifen viele Fahrgäste zuerst zu einem Sitz in Fahrtrichtung, weil sie fürchten, dass ihnen rückwärts schlecht wird.

Andere lesen gegen die Fahrtrichtung stundenlang, ohne auch nur das kleinste Unwohlsein zu spüren.

Was hinter dem flauen Gefühl steckt und wie viel die Sitzrichtung wirklich ausmacht, zeigt dieser Mythos-Check.

Doppelstock Steuerwagen Innen Obergeschoss
Foto: MdE, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Die Fakten in Zahlen

1970

Sinneskonflikt-Theorie

entwickelt von Guedry und Reason

12 Jahre

höchste Anfälligkeit

danach sinkt die Neigung wieder

1914

Nobelpreis

für Robert Báránys Gleichgewichtsforschung

Die Werte stammen aus der Forschung zur Reisekrankheit und gelten nicht nur für das Rückwärtsfahren.

Woher das flaue Gefühl kommt

Fachleute nennen die Reisekrankheit auch Kinetose, abgeleitet vom griechischen Wort für bewegen.

Typische Anzeichen sind Blässe, Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit und im schlimmsten Fall Erbrechen.

Ausgelöst wird sie durch ungewohnte passive Bewegungen, also durch Bewegungen, die man nicht selbst steuert.

Das ist in jedem Verkehrsmittel der Fall, ob im Reisebus, auf dem Schiff, im Flugzeug oder im Zug.

PZB Doppelstock Gleis
Foto: MdE, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Wenn Augen und Innenohr sich widersprechen

Nach der herrschenden Meinung entsteht die Reisekrankheit, wenn die Sinnesorgane widersprüchliche Angaben zur Lage und Bewegung des Körpers liefern.

Die Signale stammen von den Augen, vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr und von Sinneszellen in Muskeln und Gelenken.

Diese Erklärung wurde 1970 von den Forschern Guedry und Reason entwickelt und seither vielfach überprüft.

Wie fein das Gleichgewichtsorgan arbeitet, erforschte schon der Wiener Arzt Robert Bárány, der dafür den Nobelpreis des Jahres 1914 erhielt.

Gut zu wissen

Die Anfälligkeit für Reisekrankheit hängt stark vom Alter ab. Kinder unter zwei Jahren sind kaum empfindlich, um das zwölfte Lebensjahr ist sie am höchsten, danach sinkt sie wieder.

In einem Kopfbahnhof enden alle Hauptgleise, sodass Züge ihn nach einem Fahrtrichtungswechsel verlassen. Wer vorher in Fahrtrichtung saß, fährt danach rückwärts, ohne den Platz gewechselt zu haben.

Was sich beim Rückwärtsfahren ändert

Wer gegen die Fahrtrichtung sitzt, sieht die Landschaft erst, wenn sie bereits an ihm vorbeigezogen ist.

Kurven, Bremsungen und Anfahrten kündigen sich deshalb nicht durch einen Blick nach vorn an.

Der Körper spürt die Bewegung also, bevor die Augen sie richtig einordnen können.

Für empfindliche Menschen kann dieser kleine Vorsprung des Gleichgewichtssinns genügen, um ein flaues Gefühl zu begünstigen.

Warum der Lokführer fast nie betroffen ist

Ein aufschlussreicher Befund lautet, dass die Fahrer eines Fahrzeugs fast nie reisekrank werden.

Auf einem Schiff ist der Rudergänger seltener betroffen, und im Auto bleibt auf kurvigen Strecken oft nur der Fahrer verschont.

Eine naheliegende Erklärung ist, dass der Steuernde jede Bewegung vorausahnt und sein Körper sich darauf einstellen kann.

Beim Rückwärtsfahren fehlt genau diese Vorschau, und für manche Fahrgäste macht das den entscheidenden Unterschied.

Der Zug ist kein Schiff

Im Vergleich zu Schiff oder Reisebus fährt ein Zug auf den meisten Strecken erstaunlich gleichmäßig.

Die Schienen führen ihn in sanften Bögen, und starke Schaukelbewegungen wie auf hoher See bleiben aus.

Studien zufolge werden senkrechte Bewegungen schlechter vertragen als waagerechte, und ein Zug bewegt sich überwiegend waagerecht.

Das erklärt, warum viele Menschen im Zug auch rückwärts entspannt reisen, während ihnen auf einer Fähre schnell übel wird.

Lesen verstärkt den Effekt

Tätigkeiten mit konzentriertem Sehen wie Lesen oder Fernsehen gelten als ungünstig, wenn man zur Reisekrankheit neigt.

Der Blick ruht dann auf einer stillstehenden Seite, während der Körper Kurven und Bremsungen deutlich spürt.

Das gilt in jeder Sitzrichtung, doch rückwärts fehlt zusätzlich der Blick auf das, was als Nächstes kommt.

Wer empfindlich ist, legt Buch oder Handy deshalb besser zur Seite, sobald sich das erste Unwohlsein meldet.

Der Blick aus dem Fenster

Wer aus dem Zugfenster auf die vorbeiziehende Landschaft schaut, bewegt die Augen unbewusst in einem gleichmäßigen Rhythmus.

Sie folgen einem Punkt draußen, springen dann zurück und greifen sich den nächsten Punkt.

Dieser Reflex heißt optokinetischer Nystagmus und wird wegen dieses typischen Beispiels auch Eisenbahnnystagmus genannt.

Gegen Übelkeit hilft eher ein ruhiger Blick in die Ferne, am besten auf den Horizont, damit Augen und Gleichgewichtssinn zusammenpassen.

Was empfindlichen Fahrgästen hilft

Für Züge mit Neigetechnik lautet eine gängige Empfehlung, dass anfällige Personen in Fahrtrichtung und nicht am Fenster sitzen sollten.

Beim Auftreten erster Anzeichen kann es helfen, den Kopf ruhig zu halten und die Augen zu schließen.

Ingwer gilt als mildes Hausmittel, denn in einer kleinen Studie mit Seekadetten verringerte er das Erbrechen deutlich.

Rezeptfreie Mittel gegen Reisekrankheit enthalten meist den Wirkstoff Dimenhydrinat und gehören wegen möglicher Nebenwirkungen in ein Gespräch in der Apotheke.

Das Fazit

Der Mythos stimmt teilweise, denn Rückwärtsfahren macht nicht grundsätzlich übel.

Viele Menschen reisen in beide Richtungen beschwerdefrei, weil ein Zug vergleichsweise ruhig und gleichmäßig fährt.

Wer zur Reisekrankheit neigt, bekommt gegen die Fahrtrichtung aber leichter ein flaues Gefühl, weil die Vorschau auf Kurven und Bremsungen fehlt.

Ein Platz in Fahrtrichtung, ein Blick in die Ferne und eine Lesepause sind dann die einfachsten Gegenmittel.

Von der Dampflok bis heute

Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.

Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.

Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.

Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.

Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.

Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.

Warum die Bahn für das ganze Land zählt

Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.

Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.

Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.

Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.

Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.

So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.

Häufige Fragen

Wird jedem Menschen rückwärts im Zug übel?
Nein. Die Neigung zur Reisekrankheit ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden, und viele Fahrgäste spüren in keiner Sitzrichtung etwas.
Warum wird dem Lokführer nicht schlecht?
Wer ein Fahrzeug selbst lenkt, wird fast nie reisekrank. Er sieht jede Kurve und jede Bremsung kommen und kann sich darauf einstellen.
Hilft es, aus dem Fenster zu schauen?
Ein ruhiger Blick in die Ferne oder auf den Horizont kann helfen, weil die Augen dann besser zu den gespürten Bewegungen passen. Konzentriertes Lesen gilt dagegen als ungünstig.
Sind Kinder besonders anfällig?
Kinder unter zwei Jahren sind kaum empfindlich. Am höchsten ist die Anfälligkeit um das zwölfte Lebensjahr, danach nimmt sie wieder ab.
Was kann man gegen die Übelkeit tun?
Den Kopf ruhig halten, die Augen schließen oder in die Ferne schauen kann Linderung bringen. Rezeptfreie Mittel mit Dimenhydrinat gibt es in der Apotheke, wo man sich auch zu Nebenwirkungen beraten lassen kann.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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