Stimmt es, dass man im Zug seekrank werden kann?

Stimmt es, dass …?

„Wir durchfahren nun eine kurvenreiche Strecke, der Wagenkasten neigt sich dabei spürbar zur Seite.“

Stimmt es, dass man im Zug seekrank werden kann?

→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.

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Kurz gesagt

Ja, das ist möglich. Streng genommen ist es keine Seekrankheit, sondern dieselbe Reisekrankheit, und im Zug gelten besonders Fahrzeuge mit Neigetechnik als möglicher Auslöser.

Wer an Seekrankheit denkt, hat schwankende Schiffsdecks und graue Wellen vor Augen, aber sicher keinen Regionalzug.

Trotzdem klagen manche Fahrgäste nach einer kurvigen Bahnfahrt über Schwindel und einen flauen Magen.

Ob man im Zug wirklich seekrank werden kann und welche Züge dafür besonders in Frage kommen, klärt dieser Mythos-Check.

DBAG Baureihe 612 Neigebetrieb (612 009 1)
Foto: A. Gutwein, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Fakten in Zahlen

bis 30 %

gemeldete Häufigkeit

von Übelkeit in Neigetechnik-Zügen

8,6°

größte Neigung

bei aktiver Neigetechnik

+40 km/h

mehr Tempo im Bogen

ausgehend von bis zu 120 km/h

Die Angaben zur Häufigkeit der Übelkeit schwanken je nach Strecke, Fahrzeug und Studie stark.

Seekrank ohne Wasser

Die Seekrankheit ist nur eine Spielart der allgemeinen Reise- oder Bewegungskrankheit, die Fachleute Kinetose nennen.

Zu ihren bekannten Varianten zählen auch die Luftkrankheit, die Raumkrankheit und die Landkrankheit von Seeleuten auf Landgang.

Ausgelöst wird sie durch ungewohnte passive Bewegungen, wie sie in Autos, Bussen, Flugzeugen oder eben Zügen auftreten.

Im Zug spricht man also besser von Reisekrankheit, auch wenn sich die Übelkeit ganz ähnlich anfühlen kann.

Baureihe 612 () (3)
Foto: Lars Steffens, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Was im Körper passiert

Nach der gängigen Erklärung entsteht die Übelkeit, wenn Augen, Innenohr und Sinneszellen in Muskeln und Gelenken widersprüchliche Meldungen liefern.

Das Gleichgewichtsorgan spürt dann etwa eine Bewegung, die das Auge im Inneren des Wagens nicht wahrnimmt.

Typische Folgen sind Blässe, Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit und im schlimmsten Fall Erbrechen.

Unter entsprechend harten Bedingungen lassen sich solche Beschwerden bei jedem Menschen mit gesundem Gleichgewichtsorgan auslösen.

Gut zu wissen

Die Neigetechnik wurde in Italien und Schweden zur Reife gebracht. Erstmals kommerziell eingesetzt wurde sie in den von Fiat gebauten Pendolino-Zügen und im schwedischen X2.

In Deutschland gibt die Geschwindigkeitsüberwachung Neigetechnik, kurz GNT, das höhere Kurventempo nur frei, wenn es sicher gefahren werden kann. Sie ergänzt die normale Zugbeeinflussung.

Warum der gewöhnliche Zug meist harmlos ist

Ein gewöhnlicher Zug fährt auf den meisten Strecken ruhig und gleichmäßig durch weite Bögen.

Studien zufolge werden senkrechte Bewegungen schlechter vertragen als waagerechte, wie sie im Zug überwiegen.

Auf Schiffen gelten dagegen gerade langsame Stampfbewegungen im Bereich von 0,1 bis 0,3 Hertz als besonders kritisch.

Deshalb kommt ein Zug an das Schaukeln eines Schiffes bei Wellengang in aller Regel nicht heran.

Die Ausnahme: Züge, die sich in die Kurve legen

Anders sieht es bei Zügen mit Neigetechnik aus, die in Übersichten zur Reisekrankheit ausdrücklich als möglicher Auslöser genannt werden.

Diese Züge neigen ihre Wagenkästen in Kurven nach innen, damit die Fahrgäste die Seitenbeschleunigung weniger spüren.

So kann die zulässige Geschwindigkeit in Bögen, ausgehend von bis zu 120 Kilometern pro Stunde, um bis zu 40 Kilometer pro Stunde steigen.

Unter sehr günstigen Bedingungen lassen sich so bis zu 20 Prozent Fahrzeit sparen, in vielen Fällen sind es allerdings eher 10 Prozent.

Aktiv oder passiv geneigt

Bei der passiven Neigetechnik hängt der Wagenkasten oberhalb seines Schwerpunkts und pendelt von selbst, allerdings nur bis zu 3,5 Grad.

Bei der aktiven Neigetechnik drücken hydraulische Zylinder oder Elektromotoren den Wagenkasten in die Schräglage, wobei bis zu 8,6 Grad möglich sind.

Gesteuert wird die Neigung über Sensoren, die unter anderem die Seitenbeschleunigung messen.

Wie angenehm das für die Fahrgäste ist, hängt stark von der Abstimmung zwischen Fahrzeug und Strecke ab, etwa von der Länge der Übergangsbögen und der Zahl der Kurven.

Wie häufig die Übelkeit auftritt

Bei der Einführung der Neigetechnik wurde vielfach diskutiert, ob die Neigebewegungen Übelkeit und Reisekrankheit auslösen können.

Die Angaben zur Häufigkeit schwanken stark, gemeldet wurden Werte von bis zu 30 Prozent.

In einer Studie sank die Häufigkeit um 25 bis 40 Prozent, als die Neigung nur noch 55 statt 70 Prozent der Querbeschleunigung ausglich.

In Untersuchungen zu Neigezügen wurden bei Frauen zudem häufiger Beschwerden beobachtet als bei Männern.

Erfahrungen aus Deutschland

In Deutschland wurde bereits 1968 ein Dieseltriebwagen der Baureihe VT 24 mit Neigetechnik zwischen Ingolstadt und Treuchtlingen erprobt.

Beim Schnelltriebwagen der Baureihe 403 litt der Fahrkomfort durch die Neigetechnik so stark, dass sie im Regelbetrieb vollständig abgeschaltet wurde.

Heute fahren unter anderem Dieseltriebzüge der Baureihe 612 mit Neigetechnik, vor allem als Regional-Express auf kurvenreichen Strecken.

Ihr Wagenkasten lässt sich elektrisch um 8 Grad zu jeder Seite neigen, was auf passend ausgebauten Strecken bis zu 30 Prozent mehr Tempo erlaubt.

Tipps gegen die Übelkeit im Zug

Anfälligen Fahrgästen wird für Neigezüge empfohlen, in Fahrtrichtung und nicht am Fenster zu sitzen.

Auch ein ruhig gehaltener Kopf hilft, bei Soldaten in Transportflugzeugen verringerte sogar das Festschnallen des Kopfes am Sitz die Beschwerden.

Ein Gewöhnungstraining, bei dem man sich vorab ähnlichen Bewegungen aussetzt, kann das Risiko ebenfalls senken.

Wer regelmäßig betroffen ist, kann sich in der Apotheke zu rezeptfreien Mitteln mit dem Wirkstoff Dimenhydrinat beraten lassen.

Das Fazit

Der Mythos stimmt, allerdings mit einer kleinen Korrektur beim Namen.

Im Zug wird man nicht im eigentlichen Sinn seekrank, sondern reisekrank, auch wenn sich beides gleich anfühlt.

Gewöhnliche Züge fahren so gleichmäßig, dass viele Fahrgäste davon nie etwas merken.

In Zügen mit Neigetechnik kann die Übelkeit dagegen spürbar häufiger auftreten, weshalb gerade dort ein Platz in Fahrtrichtung empfehlenswert ist.

Zwischen Technik und Menschen

Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.

Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.

Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.

Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.

Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.

Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.

Warum die Bahn für das ganze Land zählt

Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.

Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.

Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.

Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.

Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.

So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.

Häufige Fragen

Ist Seekrankheit im Zug dasselbe wie auf dem Schiff?
Beides ist eine Form der Reise- oder Bewegungskrankheit. Die Ursache ist jeweils ein Widerspruch zwischen dem, was die Augen sehen, und dem, was das Gleichgewichtsorgan spürt.
Welche Züge lösen am ehesten Übelkeit aus?
Als möglicher Auslöser werden vor allem Züge mit Neigetechnik genannt. Dort wurden Häufigkeiten von bis zu 30 Prozent gemeldet, wobei die Angaben stark schwanken.
Hilft ein bestimmter Sitzplatz?
Für Neigezüge wird anfälligen Personen empfohlen, in Fahrtrichtung und nicht am Fenster zu sitzen. Ein Blick in die Ferne kann zusätzlich helfen.
Warum neigen sich manche Züge überhaupt?
Durch die Neigung spüren die Fahrgäste die Seitenbeschleunigung in Kurven weniger. Dadurch kann der Zug schneller durch Bögen fahren und Fahrzeit sparen.
Sind Frauen häufiger betroffen?
In Untersuchungen zu Neigezügen wurden bei Frauen häufiger Beschwerden beobachtet als bei Männern. Nach Erfahrungen der NASA unterscheidet sich die Empfindlichkeit dagegen nicht.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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