Stimmt es, dass …?
„Achtung auf Gleis 3: Dieser Wagen bleibt verschlossen, das Überschreiten des Kreidestrichs ist nicht gestattet.“
Stimmt es, dass Lenin in einem plombierten Zug nach Russland reiste?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Zum Teil. Lenin reiste im April 1917 in einem sogenannten plombierten Wagen durch Deutschland, doch es war kein ganzer Zug, und die Plombierung bestand darin, dass drei von vier Außentüren verschlossen waren.
Kaum eine Bahnreise ist so berühmt wie die Fahrt, die Lenin im Frühjahr 1917 aus dem Schweizer Exil nach Russland unternahm.
Bekannt ist sie als Reise im plombierten Wagen, oft ist sogar von einem plombierten Zug die Rede.
Was an diesem Bild stimmt und wie die Fahrt tatsächlich ablief, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
9.–16. April
Reisezeit 1917
von Zürich bis Petrograd
32
Reisende
in der Gruppe um Lenin
3 von 4
Außentüren
verschlossen, das war die Plombierung
Der plombierte Wagen wurde nur auf dem deutschen Streckenabschnitt benutzt.
Ein Revolutionär im Exil
Lenin lebte seit 1914 in der neutralen Schweiz, die von kriegführenden Mächten umgeben war.
Nach dem Sturz des Zaren in der Februarrevolution 1917 wollte er so schnell wie möglich nach Russland zurückkehren.
Der Weg über Frankreich und Großbritannien blieb ihm verschlossen, weil diese Länder ihm kein Visum ausstellten.
Übrig blieb nur die Fahrt durch Deutschland, also durch das Land des Kriegsgegners.

Ein Wagen mit Sonderstatus
Über den Schweizer Sozialisten Fritz Platten ließ Lenin Bedingungen für die Durchreise übermitteln.
Kernpunkt war, dass der Eisenbahnwagen der Gruppe als staatsrechtlich neutral galt.
Solange die Reisenden im Wagen blieben, betraten sie also nicht den Boden des feindlichen Auslands.
Direkten Kontakt zwischen Deutschen und Russen sollte es nicht geben, Platten überbrachte die Nachrichten als neutraler Vermittler.
Gut zu wissen
Die Lokomotive H2 293, die heute am Finnländischen Bahnhof ausgestellt ist, hat mit der Fahrt im April 1917 nichts zu tun. Mit ihr floh Lenin im August 1917 nach Finnland und kehrte im Oktober zurück.
Auch der Wagen, der zu DDR-Zeiten im Lenin-Museum in Sassnitz gezeigt wurde, war nicht der Originalwagen. Er war 1912 für den Hofzug der deutschen Kaiserin gebaut worden.
Die Abfahrt in Zürich
Am Ostermontag, dem 9. April 1917, versammelte sich die Reisegruppe im Gasthaus Zähringerhof am Zürcher Hauptbahnhof.
Zur Gruppe gehörten 32 Personen, darunter Lenins Ehefrau Nadeschda Krupskaja.
Der erste Zug war ein ganz gewöhnlicher Planzug, und seine Abfahrt verzögerte sich um etwa eine Viertelstunde.
Bei der Zollkontrolle in Schaffhausen wurde ein großer Teil der mitgebrachten Lebensmittel beschlagnahmt, vor allem Schokolade und Zucker.
Was plombiert wirklich hieß
In Gottmadingen, dem ersten Bahnhof auf deutschem Gebiet, stieg die Gruppe in ihren Sonderzug um.
Dieser bestand nur aus einem Personenwagen der 2. und 3. Klasse und einem Gepäckwagen.
Die berühmte Plombierung bestand darin, dass drei von vier Außentüren abgeschlossen waren.
Auf dem Gang trennte ein Kreidestrich den russischen vom deutschen Teil, und nur Fritz Platten durfte ihn überschreiten.
Quer durch Deutschland
Ab Singen wurde der Wagen wie ein Kurswagen behandelt und an wechselnde planmäßige Züge angehängt.
Die Fahrt führte über Stuttgart und Karlsruhe nach Frankfurt am Main, wo der Wagen über Nacht auf einem Abstellgleis stand.
Weil am nächsten Tag ein Anschluss verpasst wurde, war die nur einmal täglich fahrende Fähre nach Schweden nicht mehr rechtzeitig zu erreichen.
In Berlin verbrachten die Reisenden deshalb etwa 20 Stunden in ihrem abgestellten Wagen.
Mit der Fähre nach Schweden
Am 12. April 1917 ging es von Berlin nach Stralsund und mit dem Trajekt hinüber auf die Insel Rügen.
Im Fährhafen Sassnitz verließen die Reisenden ihren Wagen und stiegen auf die Fähre ins schwedische Trelleborg um.
Die meisten Mitglieder der Gruppe wurden bei der vierstündigen Überfahrt seekrank, Lenin jedoch nicht.
Damit endete die Zeit im plombierten Wagen, der nur auf dem deutschen Abschnitt genutzt wurde.
Durch Schweden und Finnland
In Schweden reiste die Gruppe mit gewöhnlichen Zügen über Malmö und Stockholm weiter nach Norden bis zum Grenzbahnhof Haparanda.
In Stockholm kaufte Lenin Anzug und Schuhe, die er später bei seinen ersten Auftritten in Petrograd trug.
Beim Übertritt nach Finnland wechselten die Reisenden nicht nur den Zug, sondern auch das Datum, weil in Russland noch der Julianische Kalender galt.
Fritz Platten wurde an der Grenze in Tornio die Einreise verweigert.
Ankunft am Finnländischen Bahnhof
Am 16. April 1917 erreichte der Zug kurz vor Mitternacht und mit Verspätung den Finnländischen Bahnhof in Petrograd.
Dort erwarteten ihn Tausende Arbeiter, und Soldaten aus Kronstadt bildeten eine Ehrenformation.
Noch im Bahnhof skizzierte Lenin erstmals die Ideen, die später als Aprilthesen bekannt wurden.
Anschließend sprach er von einem Panzerwagen vor dem Empfangsgebäude zu den Versammelten.
Das Fazit
Der Mythos stimmt teilweise, denn Lenin reiste tatsächlich in einem sogenannten plombierten Wagen durch Deutschland.
Es war jedoch kein ganzer Zug, sondern ein einzelner Personenwagen, der an planmäßige Züge angehängt wurde.
Plombiert bedeutete dabei, dass drei von vier Außentüren abgeschlossen waren, und ein Kreidestrich teilte den Gang.
Vor und nach dem deutschen Abschnitt fuhr die Gruppe mit gewöhnlichen Zügen und einer Fähre.
Warum sich der Blick aufs Detail lohnt
Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.
Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.
Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.
Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.
Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.
Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.
Ein Blick in die Zukunft
Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.
Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.
Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.
Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.
Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.
So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.
