Stimmt es, dass in Frankreich ein Zug auf einem Luftkissen über eine Schiene schwebte?
Kein Rad berührte die Bahn: Angetrieben von Propellern raste ein französischer Versuchszug auf einem Luftpolster über eine schmale Betonschiene – schneller als fast alles auf Schienen zuvor.
In den 1960er und 1970er Jahren suchten Ingenieure weltweit nach dem schnellsten Zug der Zukunft.
In Frankreich entstand dabei eine besonders kühne Idee, die mit allem Gewohnten brach.
Der sogenannte Aérotrain sollte nicht mehr auf Rädern rollen, sondern auf einem Luftkissen schweben.
Angetrieben von Propellern raste er über eine schmale Betonschiene dahin.

Die Idee des Jean Bertin
Hinter dem Aérotrain stand der französische Ingenieur Jean Bertin.
Er war überzeugt, dass Räder bei sehr hohen Geschwindigkeiten zum Problem werden.
Seine Lösung bestand darin, das Fahrzeug ganz vom festen Kontakt mit der Schiene zu lösen.
Statt zu rollen, sollte es auf einem dünnen Polster aus Luft gleiten.
Damit übertrug er das Prinzip des Luftkissenboots auf die Schiene.
Wie das Schweben funktionierte
Unter dem Fahrzeug bliesen starke Gebläse ständig Luft nach unten.
Diese Luft bildete ein dünnes Polster zwischen Fahrzeug und Fahrbahn.
Dadurch schwebte der Aérotrain wenige Millimeter über der Betonschiene.
Weil keine Räder mehr auf der Bahn liefen, gab es an dieser Stelle fast keine Reibung.
Das Fahrzeug konnte so theoretisch extrem schnell werden.
Die T-förmige Schiene
Der Aérotrain brauchte eine ganz eigene, speziell gebaute Fahrbahn.
Diese bestand aus einem erhöhten Betonträger in Form eines liegenden T.
Das Fahrzeug umschloss diesen Träger und wurde dadurch sicher in der Spur gehalten.
Auf einer normalen Eisenbahnschiene konnte der Aérotrain also nicht fahren.
Er benötigte überall eine komplett neue, eigene Strecke.
Angetrieben von Propellern
Da keine Räder mehr Kraft auf die Schiene übertrugen, musste der Antrieb anders gelöst werden.
Der Aérotrain wurde deshalb von großen Propellern oder von Turbinen nach vorn geschoben.
Das erinnerte mehr an ein Flugzeug als an einen klassischen Zug.
Hinten am Fahrzeug drehte sich ein mächtiger Propeller in einem Ring.
Dieses ungewöhnliche Bild prägte sich bei jedem Betrachter sofort ein.
Rekorde auf der Teststrecke
Für die Versuche baute man nördlich von Orléans eine lange, aufgeständerte Teststrecke.
Dort jagte der Aérotrain über die Betonbahn und stellte beeindruckende Rekorde auf.
In Spitzen erreichte das Fahrzeug weit über vierhundert Stundenkilometer.
Damit war es eines der schnellsten spurgeführten Fahrzeuge seiner Zeit.
Die Fahrten galten als spektakulärer Beweis für die Leistungsfähigkeit der Idee.

Große Pläne
Man träumte davon, ganze Städte mit solchen Luftkissenstrecken zu verbinden.
Geplant waren Verbindungen in Ballungsräumen und zwischen großen Zentren.
Der Aérotrain sollte den Verkehr der Zukunft schneller und moderner machen.
Für kurze Zeit schien eine völlig neue Art des Reisens zum Greifen nah.
Die Begeisterung für das Projekt war entsprechend groß.
Das Rennen gegen den TGV
Zur gleichen Zeit arbeitete Frankreich aber auch am klassischen Rad-Schiene-System weiter.
Aus diesen Bemühungen ging schließlich der berühmte TGV hervor.
Der TGV war ebenfalls sehr schnell, konnte aber das bestehende Schienennetz mitnutzen.
Er brauchte keine völlig neue, teure Spezialstrecke für jede Verbindung.
Genau dieser Vorteil wurde für die Entscheidung ausschlaggebend.
Das Aus für den Aérotrain
Am Ende entschied sich Frankreich klar für den TGV und gegen den Aérotrain.
Das Luftkissenprojekt wurde Mitte der 1970er Jahre eingestellt.
Die teure Spezialtechnik und der hohe Lärm hatten den Ausschlag gegeben.
Jean Bertins kühne Vision blieb damit unverwirklicht.
Ein faszinierender Irrweg der Verkehrsgeschichte war zu Ende.
Was von der Idee blieb
Die lange Teststrecke bei Orléans steht teilweise bis heute in der Landschaft.
Wie ein steinernes Band zieht sich der alte Betonträger durch Felder.
Für viele ist er ein stilles Denkmal einer gescheiterten Zukunftsidee.
Erhaltene Fahrzeuge erinnern in Sammlungen an das ehrgeizige Projekt.
Sie zeigen, wie mutig damals gedacht wurde.
Ein schöner Irrweg
Der Aérotrain beweist, dass nicht jede geniale Idee sich am Ende durchsetzt.
Manchmal gewinnt die Lösung, die sich besser in das Bestehende einfügt.
Der TGV nutzte das vorhandene Netz, der Aérotrain hätte alles neu gebraucht.
Trotzdem bleibt das Luftkissenfahrzeug ein faszinierendes Stück Technikgeschichte.
Warum Luftkissen so verlockend war
Der größte Feind eines sehr schnellen Fahrzeugs ist die Reibung zwischen seinen Rädern und der Fahrbahn.
Je schneller ein Rad dreht, desto stärker machen sich Verschleiß, Lärm und Erschütterungen bemerkbar.
Ein auf Luft schwebendes Fahrzeug umgeht dieses Problem, weil es die Fahrbahn gar nicht mehr berührt.
Genau darin lag die große Verlockung der Luftkissentechnik für die Ingenieure jener Jahre.
Sie versprach Geschwindigkeiten, die mit klassischen Rädern damals kaum erreichbar schienen.
Warum sich das Rad doch behauptete
Am Ende zeigte sich jedoch, dass das klassische Rad auf der Schiene erstaunlich leistungsfähig blieb.
Mit glatten, lückenlos verschweißten Gleisen und ausgefeilter Technik wurden auch Räder sehr schnell.
Der entscheidende Vorteil war, dass ein Rad-Schiene-Zug das riesige bestehende Netz weiter nutzen konnte.
Ein Luftkissenzug hätte dagegen jede Strecke komplett neu und teuer errichten müssen.
So gewann am Ende die Technik, die sich am klügsten in die vorhandene Welt einfügte.
Ein Denkmal in der Landschaft
Die lange Betonschiene der Teststrecke ist bis heute in Teilen erhalten geblieben.
Wie ein stilles Mahnmal zieht sie sich durch die Felder nördlich von Orléans.
Spaziergänger und Technikfreunde besuchen die Reste des einst so kühnen Projekts.
Sie erinnern daran, wie nah Frankreich einst an einer ganz anderen Zukunft des Reisens war.
Der Aérotrain lebt so wenigstens als Erinnerung weiter.
Merke: Ja, in Frankreich schwebte mit dem Aérotrain ein Zug auf einem Luftkissen über eine Betonschiene – über 400 km/h schnell, aber am Ende dem TGV unterlegen.
