Stimmt es, dass es Züge mit einer Gasturbine als Antrieb gab?
Eine Turbine wie im Flugzeug, nur auf Schienen: Für kurze Zeit jagten solche Züge erstaunlich schnell übers Land, bis die Ölkrise ihren Durst bestrafte.
Die meisten Menschen kennen Züge entweder mit Dieselmotor oder mit elektrischem Antrieb über die Oberleitung.
Für eine kurze, faszinierende Zeit gab es jedoch eine ganz andere Lösung auf der Schiene.
In den 1960er und 1970er Jahren fuhren tatsächlich Züge, die von einer Gasturbine angetrieben wurden.
Es war dieselbe Art von Triebwerk, wie man sie aus Flugzeugen und Hubschraubern kennt.

Ja. In den 1960er und 1970er Jahren fuhren Züge mit einer Gasturbine, wie man sie sonst aus Flugzeugen und Hubschraubern kennt. Sie waren schnell und kräftig, aber durstig und laut – die Ölkrise beendete ihre kurze Blütezeit.
Was eine Gasturbine ist
Eine Gasturbine verbrennt Treibstoff in einer Brennkammer und treibt damit ein schnell drehendes Schaufelrad an.
Dieses Prinzip steckt auch in den Triebwerken von Verkehrsflugzeugen und in vielen Hubschraubern.
Eine solche Turbine ist im Verhältnis zu ihrer Größe erstaunlich leicht und zugleich sehr kräftig.
Genau diese Eigenschaften machten sie für den Einsatz in schnellen Zügen interessant.
Man übertrug also eine Technik aus der Luftfahrt auf die Schiene.
Wie die Kraft auf die Räder kam
Die Turbine selbst dreht sehr schnell, aber ihre Kraft muss erst nutzbar gemacht werden.
Oft trieb sie deshalb einen Generator an, der Strom für Elektromotoren an den Achsen erzeugte.
In anderen Bauarten wurde die Drehkraft über ein Getriebe direkt auf die Räder übertragen.
So verband der Zug ein Flugzeugtriebwerk mit der klassischen Technik der Eisenbahn.
Für die Fahrgäste blieb davon nur ein ungewohntes, helles Heulen hörbar.
Schnell und kräftig
Der große Vorteil der Gasturbine war ihre hohe Leistung bei geringem Gewicht.
Damit ließen sich Züge bauen, die zügig beschleunigten und hohe Geschwindigkeiten erreichten.
Auf nicht elektrifizierten Strecken konnten sie so fast mit modernen Schnellzügen mithalten.
Gerade dort, wo keine Oberleitung vorhanden war, schien die Turbine ideal.
Für einen Moment galt sie als Antrieb der Zukunft.
Der französische Vorreiter
Besonders in Frankreich setzte man große Hoffnungen in den Turbinenantrieb.
Dort entstanden ganze Baureihen schneller Turbinenzüge für den Fernverkehr.
Sogar ein früher Vorläufer des berühmten TGV fuhr zunächst mit einer Gasturbine.
Dieser Versuchszug stellte mit Turbine beachtliche Geschwindigkeitsrekorde auf.
Frankreich war damit das Land der Turbinenzüge schlechthin.
Auch anderswo im Einsatz
Nicht nur Frankreich experimentierte mit der neuen Technik auf der Schiene.
In Nordamerika fuhren schnelle Turbinenzüge zwischen großen Städten.
Auch in Großbritannien entstand ein berühmter Versuchszug mit Turbinenantrieb.
In mehreren Ländern hoffte man, damit den Verkehr zu beschleunigen.
Die Idee hatte also international ihren Reiz.

Der große Durst
So schnell die Turbinenzüge waren, sie hatten einen entscheidenden Nachteil.
Eine Gasturbine verbraucht im Betrieb sehr viel Treibstoff, besonders bei niedrigem Tempo.
Im langsamen Verkehr und beim häufigen Halten war sie damit ausgesprochen unwirtschaftlich.
Jeder Kilometer kostete deutlich mehr als bei einem sparsamen Dieselzug.
Dieser Durst wurde der Technik am Ende zum Verhängnis.
Die Ölkrise als Wendepunkt
In den 1970er Jahren stieg der Ölpreis infolge der Ölkrise drastisch an.
Damit wurde der hohe Treibstoffverbrauch der Turbinen plötzlich unbezahlbar.
Was zuvor als modern galt, erschien nun als teurer Luxus.
Die Länder überdachten ihre Pläne für den schnellen Verkehr grundlegend.
Die Zukunft sollte einem anderen, sparsameren Antrieb gehören.
Der Sieg des elektrischen Zugs
Statt auf Turbinen setzte man nun verstärkt auf den elektrischen Antrieb.
Der berühmte französische TGV fuhr in seiner Serienform schließlich rein elektrisch.
Elektrische Züge waren leiser, sauberer und im Betrieb viel günstiger.
Die Turbine wurde damit auf der Schiene rasch wieder verdrängt.
Ihre große Zeit war nach nur wenigen Jahren vorbei.
Laut und ungewohnt
Wer je in einem Turbinenzug saß, erinnert sich oft an das besondere Geräusch.
Statt des vertrauten Brummens eines Dieselmotors hörte man ein hohes, flugzeugartiges Heulen.
Dieses Geräusch machte die Fahrt zu einem ungewohnten, fast exotischen Erlebnis.
Für manche war es faszinierend, für andere schlicht zu laut.
Der Klang gehörte jedenfalls untrennbar zu diesen Zügen.
Ein kurzes, glänzendes Kapitel
Insgesamt war die Zeit der Turbinenzüge nur eine kurze Episode der Bahngeschichte.
Sie zeigte, wie kühn man damals über neue Antriebe nachdachte.
Zugleich lehrte sie, dass hohe Geschwindigkeit allein nicht genügt.
Am Ende entscheiden auch Verbrauch und Kosten über den Erfolg.
Die Turbine verlor dieses Rennen gegen den elektrischen Antrieb.
Bewahrte Exemplare
Einige wenige Turbinenzüge sind bis heute erhalten geblieben.
In Museen und Sammlungen erinnern sie an diese besondere Phase.
Für Technikfreunde sind sie seltene und begehrte Zeitzeugen.
Sie führen vor Augen, wie viele Wege die Eisenbahn ausprobiert hat.
Warum die Idee zurückkam und ging
Die Turbinenzüge entstanden in einer Zeit, in der billiges Öl den Treibstoffverbrauch zur Nebensache machte.
Solange der Sprit wenig kostete, wog die enorme Leistung der Turbine schwerer als ihr Durst.
Als sich dieses Verhältnis mit der Ölkrise schlagartig umkehrte, verlor die Technik ihren wichtigsten Vorteil.
So hing der Erfolg dieser Züge letztlich weniger an der Technik als am Preis des Öls.
Das macht ihre Geschichte zu einem schönen Beispiel dafür, wie äußere Umstände über Erfindungen entscheiden.
Ein Erbe für den schnellen Verkehr
Auch wenn die Turbine verschwand, war die Arbeit an diesen Zügen keineswegs vergeblich.
Beim Bau der schnellen Turbinenzüge sammelten die Ingenieure wertvolle Erfahrung mit hohen Geschwindigkeiten.
Dieses Wissen über Aerodynamik, Fahrwerk und Komfort floss später direkt in die elektrischen Schnellzüge ein.
Der Umweg über die Turbine ebnete damit indirekt den Weg für den modernen Hochgeschwindigkeitsverkehr.
Manche Sackgasse der Technik bringt also trotzdem die ganze Entwicklung voran.
Merke: Ja, es gab Züge mit einer Gasturbine als Antrieb – schnell und kräftig, aber so durstig, dass die Ölkrise ihr kurzes, glänzendes Kapitel beendete.
