Stimmt es, dass …?
„Nächster Halt Albrechtshof, Endstation vor der Grenze, bitte alle aussteigen.“
Stimmt es, dass ein Lokführer mit einem ganzen Zug in den Westen floh?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt. Am 5. Dezember 1961 fuhr der Reichsbahn-Lokführer Harry Deterling mit einem Personenzug durch den Grenzbahnhof Albrechtshof und durchbrach die Sperren nach West-Berlin, an Bord seine Familie und weitere Fluchtwillige.
Nach dem Mauerbau im August 1961 suchten viele Menschen in der DDR nach Wegen in den Westen.
Eine der spektakulärsten Fluchten gelang mit einem Mittel, das eigentlich fest in der Hand des Staates war, nämlich mit einem Zug der Reichsbahn.
Dieser Mythos-Check zeigt, wie ein Lokführer seinen Zug über die Grenze nach West-Berlin steuerte und warum das nur kurz nach dem Mauerbau möglich war.

Die Fakten in Zahlen
05.12.1961
Flucht
mit einem Personenzug nach West-Berlin
25
Eingeweihte
aus Familie, Verwandtschaft und Freundeskreis
500 m
hinter der Grenze
kam der Zug zum Stehen
Gezogen wurde der Zug von der Tenderlokomotive 78 079, einer Lok der Baureihe 78.
Ein Lokführer aus Pankow
Harry Deterling war Lokführer bei der Deutschen Reichsbahn und arbeitete 1961 im Bahnbetriebswerk Pankow.
Nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 dachte er erstmals an eine Flucht.
Er weigerte sich, seine Zustimmung zu den Absperrmaßnahmen schriftlich zu erklären, und daraufhin drohte man ihm mit der Entlassung aus dem Lokführerdienst.
Er wollte seinen Kindern ein Leben in der DDR ersparen.
Mit einem befreundeten Heizer entwickelte er einen Plan, bei dem seine eigene Lok die entscheidende Rolle spielte.

Die Lücke bei Albrechtshof
Nach dem Mauerbau war der Bahnhof Albrechtshof ein Grenzbahnhof an der Strecke von Berlin nach Hamburg.
Er lag damals auf DDR-Gebiet im Bezirk Potsdam und gehörte nicht zu Berlin.
Weil über diese Strecke noch Transitzüge nach West-Berlin fuhren, hatte der Bahnhof keine zusätzlichen technischen Sperren gegen einen Durchbruch erhalten.
Deterling fuhr seit dem Mauerbau auch Personenzüge, die als Ersatz für die unterbrochenen S-Bahn-Verbindungen die Orte nördlich und westlich von Berlin anbanden.
Eines ihrer Ziele war genau dieser Bahnhof Albrechtshof.
Gut zu wissen
Albrechtshof lag von 1951 bis 1990 auf DDR-Gebiet. Kurz nach dem Mauerbau gab es dort noch für wenige Tage einen S-Bahn-Pendelbetrieb nach Falkensee.
Auf der Strecke von Berlin nach Hamburg gab es nach dem Zweiten Weltkrieg keine induktive Zugsicherung mehr. Ein rot zeigendes Signal löste deshalb keine automatische Bremsung aus.
Ein Plan unter Zeitdruck
Insgesamt weihte Deterling 25 Menschen ein, darunter seine Familie, Verwandte und Freunde.
Er meldete sich freiwillig für unbezahlte Zusatzschichten und wurde so für Züge nach Albrechtshof eingeteilt.
Eigentlich war die Flucht für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr geplant.
Dann erfuhr er, dass der Transitverkehr im Dezember über Griebnitzsee umgeleitet und die Strecke gesperrt werden sollte.
Deshalb zog er den Termin vor.
Abfahrt in Oranienburg
Am Abend des 5. Dezember 1961 übernahm Deterling in Oranienburg einen Personenzug nach Albrechtshof.
Gezogen wurde der Zug von der Tenderlokomotive 78 079 der Baureihe 78.
Dem eigentlich eingeteilten Heizer sagte er, er habe frei, sodass sein eingeweihter Freund den Dienst übernehmen konnte.
Vorher hatte er geprüft, dass auf der eingleisigen Strecke zum geplanten Zeitpunkt kein Gegenzug kommen sollte.
Seine Familie und die anderen Eingeweihten stiegen getrennt voneinander an verschiedenen Bahnhöfen zu.
Volle Fahrt durch den Grenzbahnhof
In Oranienburg hatte Deterling die Bremsluft so verändert, dass die Notbremsen in den Wagen wirkungslos waren.
Nachdem in Falkensee die letzten Fluchtwilligen eingestiegen waren, beschleunigte er auf die höchste zulässige Streckengeschwindigkeit.
Die Signale in Albrechtshof hatten keine induktive Zugsicherung, weil diese nach dem Krieg als Reparationsleistung abgebaut worden war.
So konnte Deterling den Bahnhof auf dem eingestellten Nebengleis durchfahren und das rote Signal in Richtung Spandau überfahren.
Der nicht eingeweihte Zugführer und mitfahrende Transportpolizisten zogen zwar die Notbremse, doch ohne Erfolg.
Durch das Gittertor
Um sich vor möglichen Schüssen zu schützen, legten sich die eingeweihten Mitreisenden auf den Boden.
Deterling und der Heizer versteckten sich im Kohlenbunker der Tenderlok.
Der Zug durchbrach das Gittertor im Grenzstreifen, und die überraschten Grenzpolizisten schossen nicht.
Etwa 500 Meter hinter der Grenze brachte Deterling den Zug auf West-Berliner Gebiet mit der Lokbremse zum Stehen.
Außer den Eingeweihten blieben auch einige weitere Fahrgäste im Westen, während der Zugführer und die Transportpolizisten entlang der Strecke zurück in die DDR liefen.
Die Strecke wird abgebaut
Die Reichsbahn reagierte schnell.
Eine Lokomotive holte den Fluchtzug nach Albrechtshof zurück, und in den folgenden Tagen wurde der Streckenabschnitt an der Grenze abgebaut.
Die Strecke über Albrechtshof blieb danach gesperrt.
In der DDR wurde die Flucht als verbrecherischer Anschlag auf den Interzonenzug aus Hamburg bezeichnet.
Dieser Zug hätte Albrechtshof etwa eine Stunde nach der planmäßigen Ankunft von Deterlings Zug passieren sollen.
Ein neues Leben im Westen
Die Geflüchteten kamen zunächst in das Notaufnahmelager Marienfelde.
Schon am 9. Dezember wurden Deterling und seine Familie aus Sicherheitsgründen nach Frankfurt am Main ausgeflogen.
Auch im Westen versuchte die Staatssicherheit mehrfach, Kontakt aufzunehmen, und er erhielt Drohbriefe.
Nach mehreren Umzügen fand er in Radolfzell am Bodensee eine neue Heimat und arbeitete wieder als Lokführer, nun bei der Deutschen Bundesbahn.
1989 ging er in den Ruhestand, und im Mai 1990 betrat er erstmals wieder den Boden der DDR.
Die Flucht im Kino
Die Flucht mit einem ganzen Zug sorgte in westlichen Medien für viele Berichte, auch im Ausland.
1963 entstand in der Bundesrepublik der Spielfilm Durchbruch Lok 234, der das Ereignis darstellt.
Regie führte Frank Wisbar, und die Erstaufführung war am 24. Oktober 1963.
Deterling starb im Jahr 2010 am Bodensee.
Der Bahnhof Albrechtshof liegt heute im Berliner Ortsteil Staaken und ist ein Regionalbahnhof an der Strecke nach Hamburg.
Das Fazit
Der Mythos stimmt.
Am 5. Dezember 1961 steuerte der Lokführer Harry Deterling einen Personenzug durch den Grenzbahnhof Albrechtshof nach West-Berlin.
An Bord waren seine Familie und weitere Eingeweihte, dazu einige Fahrgäste, die spontan im Westen blieben.
Möglich war das nur, weil die Strecke kurz nach dem Mauerbau noch für den Transitverkehr offen war und die Signale keine Zugsicherung hatten.
Unmittelbar danach wurde die Strecke gesperrt und an der Grenze abgebaut.
Warum sich der Blick aufs Detail lohnt
Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.
Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.
Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.
Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.
Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.
Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.
Der Zug als umweltfreundliche Wahl
Wer mit dem Zug fährt, entscheidet sich fast immer für die grünere Variante.
Die Schiene führt viele Menschen gleichzeitig mit wenig Energie ans Ziel.
Sie braucht weniger Fläche als eine Autobahn und zerschneidet die Landschaft weniger.
Auch in der Stadt hält die Bahn die Luft sauberer und die Straßen freier.
Jeder Umstieg vom Auto in den Zug ist ein Gewinn für die Umwelt.
So verbindet die Bahn das Reisen mit einem guten Gewissen.
