Stimmt es, dass …?
„In der Bahnhofsgaststätte der Mitropa ist noch ein Tisch frei, der Zug nach Dresden hat zehn Minuten Verspätung.“
Stimmt es, dass die Mitropa in der DDR die Bahnhofsgaststätten betrieb?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt. In der DDR führte die Deutsche Reichsbahn die Mitropa weiter, und diese betrieb neben Speise- und Schlafwagen auch die Bahnhofsgaststätten, im Jahr 1991 waren es 264.
Für viele Menschen aus dem Osten gehört der Name Mitropa zur Bahnreise dazu.
Manche verbinden ihn vor allem mit dem Speisewagen, andere mit der Gaststätte im Bahnhof.
Dieser Mythos-Check zeigt, was die Mitropa in der DDR tatsächlich alles betrieb und woher ihr Name stammt.

Die Fakten in Zahlen
264
Bahnhofsgaststätten
betrieb die Mitropa im Jahr 1991
1916
Gründung
am 24. November, mitten im Ersten Weltkrieg
28
Autobahnraststätten
gehörten 1991 ebenfalls dazu
Der Name Mitropa ist aus der ursprünglichen Firma Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktien-Gesellschaft abgeleitet.
Ein Name aus Mitteleuropa
Die Mitropa war ein deutsches Unternehmen für Schlafwagen und Speisewagen, später auch für Bahnhofsgaststätten und Autobahnraststätten.
Ihr Name ist eine Kurzform der ursprünglichen Firma Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktien-Gesellschaft.
Gegründet wurde sie am 24. November 1916, mitten im Ersten Weltkrieg.
Sie sollte die weitgehende Monopolstellung der französisch kontrollierten Internationalen Schlafwagengesellschaft brechen.
Zu den Mitbegründern gehörten die Eisenbahnverwaltungen aus Deutschland, Österreich und Ungarn.

Vom Balkanzug zum Rheingold
Mit dem Geschäftsbetrieb ab dem 1. Januar 1917 erhielt die Mitropa das Monopol für Speise- und Schlafwagen in Deutschland und Österreich-Ungarn.
Anfang 1917 übernahm sie auch die Bewirtschaftung des Balkanzugs von Berlin nach Konstantinopel.
Nach dem Krieg musste sie sich infolge des Versailler Vertrags weitgehend auf das Deutsche Reich beschränken.
In den 1920er Jahren gingen ihre Anteile fast vollständig auf die Deutsche Reichsbahn über.
Sie bewirtschaftete auch den Fernschnellzug Rheingold, und ab 1927/1928 erhielten ihre Wagen den bordeauxroten Anstrich mit dem typischen Mitropa-Zeichen.
Gut zu wissen
Ab 1950 stand in Berlin am Stettiner Bahnhof ein Schlafwagen-Hotel der Mitropa mit 42 Schlafabteilen zur Verfügung. Im Jahr 1954 regelte zudem eine Vereinbarung zwischen Bundesbahn, Reichsbahn, Mitropa und DSG den Interzonenverkehr.
Die Mitropa war Mitglied der Europäischen Reisezugfahrplankonferenz. Sie schloss mit vielen Bahnen Vereinbarungen über den Lauf von Speise- und Schlafwagen, unter anderem mit Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland und Bulgarien.
Nach 1945 geteilt
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Mitropa zwischen Ost und West aufgeteilt.
In der Bundesrepublik entstand am 1. April 1950 die Deutsche Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft, kurz DSG, für die Wagen der Bundesbahn.
Die DSG benutzte noch bis etwa 1974 das alte Mitropa-Zeichen an ihren Wagen und auf ihren Speisekarten.
In der DDR führte die Deutsche Reichsbahn die Mitropa unter dem alten Namen weiter.
Die Mitropa AG in Ost-Berlin war eine der wenigen Aktiengesellschaften, die die DDR überlebten.
Gaststätten in den Bahnhöfen
In der DDR wuchs das Aufgabenfeld der Mitropa weit über die Züge hinaus.
Sie bewirtschaftete nicht nur Speise-, Buffet- und Schlafwagen, sondern vor allem in den größeren Bahnhöfen eine Vielzahl gastronomischer Einrichtungen.
Dazu gehörten die Bahnhofsgaststätten, von denen es im Jahr 1991 genau 264 gab.
Auf vielen Bahnhöfen gab es außerdem Friseursalons der Mitropa.
Zeitweise war die Mitropa sogar für die Intershop-Läden verantwortlich.
Von der Autobahn bis aufs Wasser
Ab 1954 übernahm die Mitropa die Versorgung auf den Schiffen der Weißen Flotte in Berlin, der Sächsischen Dampfschiffahrt in Dresden und auf den Eisenbahnfähren auf der Ostsee.
Zum 1. Januar 1961 wurden ihr auch die Autobahnraststätten übertragen.
Im Jahr 1971 eröffnete sie in Usadel bei Neubrandenburg ihr erstes Motel.
Auch das Hotel im Bahnhof Meißen und das Flughafen-Hotel beim Flughafen Berlin-Schönefeld gehörten zum Unternehmen.
Aus der einstigen Speisewagengesellschaft war damit ein großer Gastronomiebetrieb geworden.
Der Tourex nach Bulgarien
Eine Besonderheit war der Touristenexpress, kurz Tourex.
Er fuhr von den 1960er Jahren bis 1989 als fahrendes Hotel auf der Strecke von Dresden nach Warna.
Der Ferienzug war jedes Jahr von Mai bis Oktober im Einsatz.
Er bestand aus bis zu 17 Wagen und bot bis zu 360 Reisenden ein Bett.
Betreut wurden die Gäste auf der Fahrt nach Bulgarien von 28 Mitarbeitern der Mitropa.
Die Bilanz von 1991
Wie groß das Unternehmen war, zeigt ein Blick auf das Jahr 1991.
Damals bewirtschaftete die Mitropa 81 Schlafwagen, 109 Liegewagen, 82 Speisewagen und 42 Buffetwagen mit rund 700 Köchen, Kellnern und Schlafwagenschaffnern.
Außerdem betrieb sie 264 Bahnhofsgaststätten, sechs Hotels und 28 Autobahnraststätten.
Dazu kamen zehn Flughafen-Restaurants sowie 82 Restaurants auf Fahrgastschiffen und drei Fährschiffen.
Selbst 13 Friseursalons, drei Wäschereien und mehr als 270 Kioske, Verkaufsstellen und Kaufhallen gehörten dazu.
Ein neues Zeichen und eigenes Geschirr
Zum Erscheinungsbild der Mitropa gehörte ein Zeichen, das an einen Reichsadler erinnerte.
In der DDR wurde es abgewandelt, denn der Adlerkopf über dem M entfiel.
Das vormals vierspeichige Rad, das zusammen mit dem Adler an ein Hakenkreuz erinnerte, erhielt zwei weitere Speichen.
Ab 1972 war zudem das vom VEB Colditzer Porzellanwerk hergestellte Geschirr „Rationell“ ein wichtiger Werbeträger.
Mit diesem Geschirr waren Speisewagen, Bahnhofsrestaurants und Bistros ausgestattet.
Das Ende einer Marke
Nach der Wiedervereinigung bestanden Bundesbahn und Reichsbahn samt ihren Gastronomietöchtern zunächst nebeneinander.
1994 wurden die beiden Bahnen zur Deutschen Bahn AG und ebenso Mitropa und DSG zur Mitropa AG zusammengeführt.
2002 musste die Mitropa den Schlaf- und Speisewagenbetrieb in den Zügen der Deutschen Bahn an DB Fernverkehr abgeben.
Im Jahr 2004 wurde die Mitropa verkauft, die zu diesem Zeitpunkt 1950 Mitarbeiter hatte.
Seit 2006 firmiert der Rest der Gesellschaft als SSP Deutschland GmbH.
Das Fazit
Der Mythos stimmt.
In der DDR betrieb die Mitropa die Bahnhofsgaststätten, im Jahr 1991 waren es 264.
Dazu kamen Speise- und Schlafwagen, Autobahnraststätten, Hotels, Schiffsrestaurants und sogar Friseursalons.
Die Mitropa war dabei älter als die DDR, denn gegründet wurde sie schon 1916.
Seit 2006 heißt der Rest des Unternehmens SSP Deutschland, und der alte Name steht nur noch für ein Stück Bahngeschichte.
Was die Fahrgäste davon haben
Am Ende zählt für den Fahrgast vor allem eines: sicher und pünktlich anzukommen.
Jede kleine Verbesserung im Betrieb macht seine Reise ein wenig angenehmer.
Ein sauberer Zug und eine klare Anzeige nehmen ihm Sorge und Hektik.
Ein freundlicher Halt bleibt oft länger in Erinnerung als die Fahrt selbst.
So entsteht aus vielen Einzelheiten am Ende ein rundes Reiseerlebnis.
Und wer sich gut aufgehoben fühlt, steigt beim nächsten Mal gern wieder ein.
Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet
Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.
Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.
Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.
Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.
Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.
So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.
