Stimmt es, dass …?
„Der Panorama Express nach Zermatt erreicht sein Ziel in etwa acht Stunden, Eile ist in diesem Zug ausdrücklich nicht vorgesehen.“
Stimmt es, dass der Glacier Express der langsamste Schnellzug der Welt ist?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Stimmt es, dass …?
Kurz gesagt
Das stimmt teilweise. Der Glacier Express wird oft als langsamster Schnellzug der Welt bezeichnet, doch das ist ein augenzwinkernder Spitzname und kein gemessener Rekord, zumal der Zug offiziell längst nicht mehr als Schnellzug fährt.
Ein Schnellzug, der für eine Strecke quer durch die Schweizer Alpen rund acht Stunden braucht, klingt nach einem Widerspruch.
Genau damit wirbt der Glacier Express seit Jahrzehnten, denn er gilt als langsamster Schnellzug der Welt.
Ob dieser Titel stimmt und woher er kommt, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
ca. 8 Stunden
Fahrzeit
zwischen St. Moritz und Zermatt
291
Brücken
dazu 91 Tunnel
2033 m
Oberalppass
nahe der Quelle des Rheins
Die erste Fahrt am 25. Juni 1930 dauerte knapp elf Stunden.
Ein Spitzname mit Augenzwinkern
Der Glacier Express wird oft als langsamster Schnellzug der Welt bezeichnet.
Tatsächlich verkehrte er ursprünglich als Schnellzug, seine offizielle Zugkategorie lautet heute aber Panorama Express.
Seit Dezember 2019 tragen alle Schweizer Panoramazüge diese Bezeichnung.
Der berühmte Titel ist also eher ein liebevoller Werbespruch als eine amtliche Einordnung.
Eine offizielle Rangliste der langsamsten Schnellzüge gibt es ohnehin nicht.

Von St. Moritz nach Zermatt
Der Glacier Express ist ein Angebot der Rhätischen Bahn und der Matterhorn-Gotthard-Bahn.
Seit 1930 verbindet er den Engadiner Ort St. Moritz über Chur, Disentis/Mustér, Andermatt, Brig und Visp mit Zermatt.
Die gesamte Strecke ist meterspurig, also schmaler als die Normalspur der großen Bahnen.
Unterwegs durchquert der Zug die Kantone Graubünden, Uri und Wallis.
Seit 2006 fährt im Sommer zusätzlich ein Zugpaar zwischen Zermatt und Davos Platz.
Gut zu wissen
Von Beginn an führte der Zug auch Wagen der dritten Klasse, ab 1956 der zweiten Klasse. Er war also nie ein reiner Luxuszug.
Die Oberalpstrecke überquert den Pass in einem knapp 900 Meter langen Tunnel und mehreren Galerien. Sie wurde 1942 elektrifiziert und gehört seit 2003 zur Matterhorn-Gotthard-Bahn.
Acht Stunden für ein Panorama
Für die ganze Strecke braucht der Zug ungefähr acht Stunden.
Dabei fährt er über 291 Brücken und durch 91 Tunnel.
Er überquert den 2033 Meter hohen Oberalppass nahe der Quelle des Rheins und durchfährt weiter rheinabwärts die Rheinschlucht.
Zwischen Thusis und St. Moritz nutzt er die Albulabahn, die zum UNESCO-Welterbe gehört.
Wer diese Landschaft sehen will, hat es in der Regel ohnehin nicht eilig.
Warum der Zug so gemächlich ist
Die Strecke führt durch schwieriges Hochgebirge und enthält Abschnitte, auf denen eine Zahnstange zwischen den Schienen liegt.
Diese Zahnstangenrampen setzen den Fahrzeugen Grenzen, zum Beispiel beim Gewicht.
Der Salonwagen, den die Rhätische Bahn für die Jungfernfahrt eingesetzt hatte, war für den täglichen Betrieb über die Zahnstangenrampen zu schwer.
Stattdessen stellten die beiden anderen beteiligten Bahnen Wagen, die nur 14 Tonnen wogen.
Hinzu kommen Pässe, Schluchten und fast 400 Brücken und Tunnel auf einer Strecke quer durch das Hochgebirge.
Die erste Fahrt im Jahr 1930
Am 25. Juni 1930 um 7.30 Uhr startete der erste Glacier Express in Zermatt.
An Bord waren 70 geladene Gäste, und St. Moritz erreichte der Zug nach knapp elf Stunden.
Möglich wurde die durchgehende Reise erst durch die Verbindungsstrecke Visp–Brig, die am 6. Juni 1930 eröffnet worden war.
Die Strecke über den Furka- und den Oberalppass war schon am 4. Juli 1926 eröffnet worden.
Die drei beteiligten Bahngesellschaften wollten mit dem Zug an die Tradition der Luxuszüge anknüpfen, die der Erste Weltkrieg unterbrochen hatte.
Dampf, Krokodile und ein Speisewagen
Die Speisewagen, die Mitropa 1929 und 1930 in Betrieb nahm, konnten nur auf dem Abschnitt der Rhätischen Bahn eingesetzt werden.
Der Grund war, dass die Furka-Oberalp-Bahn bis 1942 noch mit Dampf fuhr, während die anderen beiden Bahnen bereits elektrisch unterwegs waren.
In den 1930er-Jahren zogen unter anderem die als Krokodile bekannten Lokomotiven der Rhätischen Bahn den Zug.
Von 1943 bis 1946 wurde der Glacier Express eingestellt, weil die ausländischen Touristen ausblieben.
Als er 1947 zurückkehrte, konnte er durchgehend elektrisch fahren.
Der Gletscher, der dem Zug den Namen gab
Bis 1981 fuhr der Zug durch den Furka-Scheiteltunnel auf 2162 Metern Höhe.
Diese Bergstrecke konnte nur während etwa vier Sommermonaten befahren werden, im Rest des Jahres ruhte der Verkehr.
Gerade dieser Abschnitt gab dem Zug aber seinen Namen, denn von hier aus sahen die Fahrgäste den Rhonegletscher, und glacier ist das französische Wort für Gletscher.
Seit der Eröffnung des Furka-Basistunnels im Jahr 1982 ist ein Betrieb das ganze Jahr über möglich.
Den Blick auf den namensgebenden Gletscher haben die Fahrgäste seitdem allerdings nicht mehr.
Die alte Bergstrecke lebt weiter
Die frühere Strecke über die Furka gehört heute der Dampfbahn Furka-Bergstrecke.
Sie nahm die Strecke etappenweise wieder in Betrieb.
Am 12. August 2010 befuhr sie sie nach einer 28-jährigen Pause erstmals wieder durchgehend.
Dort kommen ausschließlich historische Lokomotiven und Wagen zum Einsatz.
Wer die alte Passstrecke erleben will, kann sie also auf diesem Weg wieder befahren.
Vom Schnellzug zum Panoramazug
Im Jahr 1993 kam erstmals ein Zug zum Einsatz, der vollständig aus Panoramawagen bestand und nur die erste Klasse führte.
Ab 2006 gab es Panoramawagen in der ersten und in der zweiten Klasse, und das Mittagessen wird seither am Sitzplatz serviert.
Über Kopfhörer erfahren die Fahrgäste in sechs Sprachen Wissenswertes über die Strecke.
Im Dezember 2012 wurde das Kürzel GEX als eigene Zugkategorie ins offizielle Schweizer Kursbuch aufgenommen, bevor 2019 der Panorama Express folgte.
Ab 2019 führte zudem ein Zugpaar zwischen Zermatt und St. Moritz von März bis Oktober einen Wagen der sogenannten Excellence Class mit.
Das Fazit
Der Mythos stimmt teilweise, denn der Glacier Express wird zwar oft als langsamster Schnellzug der Welt bezeichnet, einen gemessenen Weltrekord gibt es dafür aber nicht.
Ursprünglich fuhr er tatsächlich als Schnellzug, heute gehört er offiziell zur Kategorie Panorama Express.
Für die Strecke zwischen St. Moritz und Zermatt braucht er etwa acht Stunden und fährt dabei über 291 Brücken und durch 91 Tunnel.
Das gemächliche Tempo dürfte vor allem an der Gebirgsstrecke mit ihren Zahnstangenrampen, Pässen und unzähligen Brücken und Tunneln liegen.
Der Spitzname ist deshalb weniger ein Makel als ein Versprechen, dass hier die Aussicht wichtiger ist als die Ankunftszeit.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
Die Bahn und der Klimaschutz
Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.
Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.
Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.
Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.
Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.
Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.
