Ich verstehe nur Bahnhof · Das Wörterbuch · Begriff 092
„Wir bitten um Verständnis für die Bauarbeiten an der Strecke.“
Lärmschutz
→ Übersetzt: Der lauteste Teil eines Güterzugs war jahrzehntelang seine Bremse. Das hat kaum jemand geahnt.
Lesezeit: 7 Minuten · Das System Bahn
Die 30-Sekunden-Antwort
Bahnlärm entsteht vor allem dort, wo Rad und Schiene sich berühren. Der größte Sprung kam durch neue Bremsen: Alte Klotzbremsen aus Grauguss rauten die Radoberfläche auf und machten jede Fahrt laut. Kunststoffsohlen verhindern das. Dazu kommen Schallschutzwände, geschliffene Schienen und leisere Fahrzeuge.
Du wohnst an einer Bahnstrecke.
Tagsüber stört dich das kaum.
Nachts ist es etwas anderes.
Ein Güterzug rollt vorbei, und du bist wach.
Der Grund dafür saß jahrzehntelang an einer überraschenden Stelle.
Nämlich nicht am Motor und nicht an den Gleisen.

Woher der Lärm kommt
Bei niedrigem Tempo hörst du den Antrieb.
Ab etwa fünfzig Stundenkilometern übernimmt ein anderes Geräusch.
Es entsteht zwischen Rad und Schiene.
Fachleute nennen es Rollgeräusch.
Beide Oberflächen sind nie ganz glatt.
Winzige Unebenheiten bringen Rad und Schiene zum Schwingen.
Diese Schwingung hörst du als Rauschen und Dröhnen.
Je rauer die Oberfläche, desto lauter wird es.
Bei sehr hohem Tempo kommt noch der Fahrtwind dazu.
Der größte Hebel: die Bremse
Alte Güterwagen bremsten mit Klötzen aus Grauguss.
Diese Klötze drückten direkt auf die Lauffläche des Rades.
Dabei rauten sie das Rad auf, jedes Mal ein bisschen mehr.
Ein solcher Wagen fuhr danach dauerhaft laut.
Auch wenn er gerade gar nicht bremste.
Die Lösung waren Sohlen aus Verbundstoff.
Sie bremsen genauso gut, lassen das Rad aber glatt.
Umgangssprachlich heißen sie Flüsterbremsen.
Was die Umrüstung gebracht hat
ALTE KLOTZBREMSE
Raut das Rad auf. Der Wagen bleibt dauerhaft laut.
VERBUNDSTOFFSOHLE
Das Rad bleibt glatt. Etwa halb so laut empfunden.
DAZU SCHIENEN SCHLEIFEN
Auch die Schiene wird geglättet. Der Effekt verstärkt sich.
Eine Halbierung der empfundenen Lautstärke entspricht rund zehn Dezibel.
Seit Ende 2020 dürfen in Deutschland nur noch leise Güterwagen fahren.
Wer zu laut ist, darf entweder gar nicht oder nur langsamer.
Video: „Wie funktioniert eigentlich Lärmschutz bei der DB?“ vom Kanal Deutsche Bahn.
Was sonst noch hilft
Schallschutzwände sind das sichtbarste Mittel.
Sie wirken gut, wenn sie nah am Gleis stehen.
Je höher sie sind, desto mehr bringen sie.
Dafür versperren sie die Aussicht aus dem Zug.
Transparente Wände sind ein Kompromiss.
Sie sind teurer und müssen gegen Vogelschlag gesichert werden.
An manchen Stellen gibt es niedrige Wände direkt am Gleis.
Sie fangen den Schall dort ab, wo er entsteht.
Auch Schienenstegdämpfer werden eingesetzt.
Und regelmäßiges Schleifen der Schienen hält sie glatt.
„In diesem Bereich führen wir Schienenschleifarbeiten durch.“
→ Übersetzt: Wir polieren die Schiene, damit es leiser wird. Heute Nacht ist es dafür laut.
Wenn nichts anderes hilft: passiver Schutz
Manchmal lässt sich am Gleis nichts mehr machen.
Dann wird am Haus geschraubt statt an der Strecke.
Schallschutzfenster sind das häufigste Mittel.
Dazu kommen Lüfter, damit man nachts nicht kippen muss.
Wer an einer Bestandsstrecke wohnt, kann das beantragen.
Dafür gibt es ein eigenes Programm des Bundes.
Ob dein Haus dazugehört, hängt von berechneten Grenzwerten ab.
Gemessen wird dabei nicht, sondern gerechnet.
Das ist für Betroffene oft der größte Streitpunkt.
Was du daraus machen kannst
Wenn eine Strecke ausgebaut wird, gibt es ein Verfahren.
In diesem Verfahren kannst du Einwendungen einreichen.
Das ist der Moment, in dem über Lärmschutz entschieden wird.
Später ist es deutlich schwerer.
Bei Bestandsstrecken wendest du dich an das Lärmsanierungsprogramm.
Und wenn nachts geschliffen wird: Das ist die gute Nachricht.
Warum Nachtlärm anders bewertet wird
Ein Geräusch ist nicht immer gleich störend.
Am Tag geht vieles im Alltag unter.
Nachts ist es still, und jedes Geräusch fällt auf.
Deshalb gelten für die Nacht strengere Grenzwerte.
Meist liegen sie mehrere Dezibel unter den Tageswerten.
Das ist mehr, als es klingt.
Denn die Dezibelskala steigt nicht gleichmäßig, sondern logarithmisch.
Zehn Dezibel weniger empfindest du etwa als halb so laut.
Ausgerechnet nachts fährt aber der meiste Güterverkehr.
Tagsüber sind die Strecken voll mit Personenzügen.
Güterzüge bekommen deshalb die freien Nachtstunden.
Genau daraus entsteht der Konflikt an vielen Strecken.
Wo es besonders laut ist
Nicht jede Strecke ist gleich betroffen.
Am schlimmsten sind die großen Güterkorridore.
Das Mittelrheintal ist das bekannteste Beispiel.
Dort verlaufen zwei Strecken durch ein enges Tal.
Die Hänge werfen den Schall zurück.
Und die Häuser stehen teilweise direkt am Gleis.
Dort ist der Ausbau von Schutzmaßnahmen am weitesten.
Auch Kurven sind ein Sonderfall.
Dort quietschen die Spurkränze an der Schiene.
Dagegen helfen Schmieranlagen direkt im Gleis.
Was du tun kannst, wenn dich Bahnlärm stört
Es gibt einen geordneten Weg und er funktioniert oft besser als gedacht.
Melde dich zuerst bei DB InfraGO. Sie ist für Lärmschutz an der Strecke zuständig.
Prüfe, ob deine Strecke im Lärmsanierungsprogramm des Bundes steht. Die Listen sind öffentlich.
Für Neubau und Ausbau gilt die Lärmvorsorge. Dort sind Grenzwerte gesetzlich vorgeschrieben.
Und in vielen Fällen gibt es Zuschüsse für Schallschutzfenster. Der Antrag läuft ebenfalls über InfraGO.
Warum Güterzüge nachts so laut waren
Das Hauptgeräusch entsteht nicht am Motor, sondern zwischen Rad und Schiene.
Alte Güterwagen hatten Bremsklötze aus Grauguss. Sie rauten die Radlauffläche auf.
Ein aufgerautes Rad ist deutlich lauter, dauerhaft und auf der ganzen Strecke.
Seit der Umrüstung auf Verbundstoff-Bremssohlen ist das Rad glatt geblieben.
Der Unterschied liegt bei rund zehn Dezibel. Für das Ohr ist das etwa die halbe Lautstärke.
Alle Fragen zum Thema
Wie laut ist ein Zug?
Ein vorbeifahrender Güterzug erreicht in fünfundzwanzig Metern Abstand rund achtzig bis fünfundachtzig Dezibel. Ein moderner Personenzug liegt darunter. Zum Vergleich: Ein Staubsauger hat etwa siebzig Dezibel.
Was ist der Unterschied zwischen Lärmvorsorge und Lärmsanierung?
Lärmvorsorge gilt bei Neubau und wesentlicher Änderung einer Strecke. Dort sind Grenzwerte gesetzlich vorgeschrieben. Lärmsanierung gilt an bestehenden Strecken und ist eine freiwillige Leistung des Bundes.
Was ist eine Flüsterbremse?
Eine Bremssohle aus Verbundstoff statt Grauguss. Sie hält das Rad glatt und senkt das Rollgeräusch deutlich. Seit 2020 dürfen laute Wagen im deutschen Netz praktisch nicht mehr fahren.
Was bringt eine Schallschutzwand?
Je nach Höhe und Abstand fünf bis fünfzehn Dezibel. Sie wirkt am besten bei niedrigen Gebäuden in Gleisnähe. Für höhere Stockwerke bringt sie weniger.
Was ist ein Schienenstegdämpfer?
Ein Bauteil, das direkt an der Schiene befestigt wird. Es dämpft die Schwingung im Stahl. Der Effekt ist kleiner als bei einer Wand, dafür wirkt er ohne Sichtbarriere.
Bekomme ich Zuschüsse für Schallschutzfenster?
Wenn deine Strecke im Lärmsanierungsprogramm steht, ja. Der Bund übernimmt einen Großteil der Kosten. Der Antrag läuft über DB InfraGO.
Warum sind Kurven besonders laut?
Weil der Spurkranz an der Schiene reibt. Das erzeugt das typische Kurvenquietschen. Schmieranlagen im Gleis mindern es deutlich.
Gilt nachts ein Verbot?
Nein, es gibt kein Nachtfahrverbot auf der Schiene. Für die Beurteilung gelten aber niedrigere Nachtgrenzwerte. Deshalb wirken sich nachts fahrende Güterzüge stark auf die Bewertung aus.
Wird es leiser?
Ja, deutlich. Die Umrüstung der Güterwagen war der größte Sprung. Dazu kommen laufend neue Schallschutzmaßnahmen. Der Bund hat sich das Ziel gesetzt, den Schienenlärm gegenüber 2008 zu halbieren.
Der Chefübersetzer sagt
„Jahrzehntelang war der lauteste Teil des Güterzugs seine Bremse. Nicht die Lok, nicht das Gleis. Ein Stück Grauguss, das die Räder aufrieb. Manchmal ist die Lösung wirklich so klein.“
Das heißt für dich am Gleis
1. Beim Ausbau einer Strecke kannst du im Planfeststellungsverfahren Einwendungen einreichen. Danach nicht mehr.
2. Für alte Strecken gibt es das Lärmsanierungsprogramm des Bundes, unter anderem für Schallschutzfenster.
3. Schienenschleifen findet nachts statt und ist kurzzeitig laut. Danach wird es dauerhaft leiser.
Weiterfahrt
→ Güterverkehr – Begriff 050 im Wörterbuch
→ Schotterbett – Begriff 084
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Demnächst auf der Tafel: Elektrifizierung · Schlichtungsstelle · Fahrgastverband
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