Warum Bahnhöfe so wirre Gleisnummern haben — die große Übersicht

Bahn-Slam · Zahlenrätsel

„Ihr Zug fährt heute ausnahmsweise von Gleis 601.“

Warum manche Bahnhöfe Gleis 601 haben

→ Ein Bahnhof zählt seine Gleise wie ein altes Haus seine Zimmer: nicht der Reihe nach, sondern so, wie über hundert Jahre angebaut wurde.

Lesezeit: 11 Minuten · Kuriosum · Im Bahnhof

Kurz gesagt

Uelzen hat die Gleise 101–103 und 301–304, aber kein Gleis 1. Wissen im Westerwald hat ein Gleis 601. München beginnt bei 5. Der Grund ist fast immer derselbe: Die Bahn zählt nicht Bahnsteige, sondern jedes Gleis — auch die ohne Bahnsteig. Und eine Umnummerierung ist so teuer, dass die krummen Zahlen jahrzehntelang überleben. Hier ist die große Übersicht, nach Muster sortiert, mit dem jeweiligen Grund.

Du stehst am Bahnsteig und schaust auf die Schilder über dir.

Gleis 101, Gleis 102, Gleis 103. Dann, ein Stück weiter, Gleis 301. Ein Gleis 1 gibt es nirgends.

Woanders steht in einem verschlafenen Dorf plötzlich eine 601. Und in München fängt der ganze Hauptbahnhof bei Gleis 5 an, als hätte jemand die ersten vier vergessen.

Das sieht aus wie ein Fehler. Ist es aber nicht. Es ist eine Geschichte.

Und der Schlüssel dazu ist ein einziges Wort.

Der Trick: Es heißt nicht Bahnsteig, sondern Gleis

Bei der Bahn gibt es keine Bahnsteignummer. Es gibt nur die Gleisnummer.

Und gezählt wird jedes Gleis — ob mit Bahnsteig oder ohne.

Ein Durchfahrgleis, an dem nie jemand hält. Ein Abstellgleis hinter der Halle. Ein Stumpfgleis, das im Nichts endet. Alle bekommen eine Nummer.

Deshalb fehlen im sichtbaren Teil auf einmal Zahlen. Sie sind nicht weg — sie liegen unsichtbar daneben, an einem Gleis ohne Bahnsteig.

Aus einem Reisenden-Bahnsteig „1, 2, 3″ wird so für die Bahn schnell ein „2, 4, 7″.

Ehrlich gesagt

Eine amtliche Liste all dieser Kuriositäten gibt es nicht — die Bahn führt so etwas nirgends.

Diese Sammlung stammt aus offiziellen Bahnhofsplänen und aus Berichten von Eisenbahnern und Forenkennern (ein Drehscheibe-Online-Thread vom Januar 2025), nach Muster sortiert.

Die Angaben sind plausibel und meist von Betriebseisenbahnern — aber nicht in jedem Fall amtlich geprüft. Wer es ganz genau wissen will: Es gilt der Bahnhofsplan vor Ort.

Vier Muster, nach denen es krumm wird

Wenn man die Fälle sortiert, tauchen immer wieder dieselben vier Muster auf.

Hunderterblöcke, wenn zwei Bahnhöfe übereinander- oder nebeneinanderliegen. Zwei Nummernkreise bei Keil- und Turmbahnhöfen. Lücken, wo ein Gleis abgebaut wurde. Und eine verdrehte Reihenfolge, weil betrieblich anders gezählt wird als am Bahnsteig.

Klapp die Fragen unten auf — dahinter steht jeweils der Bahnhof und der Grund.

Muster 1: Hunderter- und Höherblöcke

Liegen zwei Bahnhöfe an einem Ort — oft übereinander als S-Bahn und Fernbahn —, bekommt jede Ebene ihren eigenen Hunderterblock. So kommen die 101er, 201er und 301er zustande.

Uelzen — 101 bis 103 und 301 bis 304, aber kein Gleis 1?
Hier trafen einst zwei Bahnhöfe zweier Gesellschaften aufeinander, die nie gemeinsam umnummeriert wurden. Jede Seite behielt ihren Hunderterblock — ein Gleis 1 gibt es schlicht nicht.
Frankfurt (Main) Hbf — oben 1 bis 24, unten 101 bis 104?
Oben der große Kopfbahnhof mit den Gleisen 1 bis 24 (samt Gleis 1a), tief darunter der S-Bahn-Bahnhof mit 101 bis 104. Die Hunderter halten die beiden Ebenen sauber auseinander.
Stuttgart Hbf — warum 101 und 102?
Oben der Kopfbahnhof, tief darunter die S-Bahn auf den Gleisen 101 und 102. Dieselbe Logik: eigene Ebene, eigener Hunderterblock.
Hanau Hbf — das volle Durcheinander?
Nordseite heute 7, 6, 5 (früher 1, 2, 3), dann die Überholgleise 4 und 3, dazu S-Bahn 1 und 2. Südseite 101 bis 104 und 106. Gleis 105 reichte früher nicht bis an den Bahnsteig und wurde abgebaut; als Ersatz für Gleis 9 kommt neu ein Stumpfgleis 100.
Bingen Hbf — warum 101 und 201?
Beim Umbau auf ein elektronisches Stellwerk in den 1990ern wurden die früher doppelten Nummern (Gleis 1 Nord und Gleis 1 Süd) in Hunderter sortiert: aus Gleis 1 Süd wurde 201, aus dem nördlichen 101.
Koblenz Hbf — Gleise 104, 105, 109?
Der Bahnhof ist durchgehend nummeriert. Nur die Stumpfgleise heißen 104, 105 und 109 und liegen bei Bahnsteig 1.
Kaiserslautern, Regensburg, Augsburg — was ist da los?
Alles Stumpfgleise mit Hunderter-Nummern. Kaiserslautern nach dem Koblenzer Prinzip, Regensburg mit 101, 108 und 109, Augsburg als 101, 501, 801 und 901 — hier also x01 statt 10x.
Fürth (Bay) Hbf — ein Gleis 101?
Ein nachträglich vorne angebautes Gleis bekam die Nummer 101, weil die niedrigen Zahlen schon vergeben waren.
Nürnberg Hbf — wohin führt Gleis 30?
Hinter den Gleisen 1 bis 23 liegt ein Zusatzgleis 30. Wer nach der 23 einfach weiterläuft, landet in der Botanik.
Würzburg Hbf — das versteckte Gleis 201?
Vorbildlich durchnummeriert — nur zwischen Bahnsteig 1 und 2 liegt ein Gleis 201 ganz ohne Bahnsteig.
Wissen (Sieg) — ein Dorf mit Gleis 601?
Ein kleiner Bahnhof mit einem Gleis 601 — weil hier die Stellwerksnummern einfach durchgeschrieben wurden. Die Zahl kommt nicht vom Bahnsteig, sondern aus der Technik.
Hochneukirch — 9 und 10 oder 1 und 2?
Am Bahnsteig heißen die beiden Gleise 9 und 10, bei DB Netz aber 1 und 2. Solche „Gleis 106″ an eingleisigen Halten entstehen, weil das Gleis zum Fernstellbezirk eines elektronischen Stellwerks gehört.

Muster 2: Keil- und Turmbahnhöfe

Wo sich zwei Strecken kreuzen oder gabeln, entstehen Keil- und Turmbahnhöfe — zwei Bahnhofsteile, jeder mit eigenem Nummernkreis.

Kreiensen — eine Seite 1–3, die andere ab 51?
Ein klassischer Keilbahnhof: die eine Seite zählt 1, 2, 3, die andere beginnt bei 51.
Northeim — 1, 2, 3 und gegenüber 11, 12, 13?
Zwei Streckenäste, zwei Zehnerblöcke — gegenüberliegend gespiegelt.
Ottbergen — 1, 2, 3 und 51, 52?
Derselbe Keil-Trick, inzwischen aber nicht mehr vollständig belegt.
Hürth-Kalscheuren — 51 und 53, wo ist die 52?
Drei normale Gleise, dann 51 und 53 — die 52 fehlt einfach.
Hervest-Dorsten — 50er-Nummern?
Ein Turmbahnhof: die obere Ebene bekam die 50er-Nummern.
Osnabrück Hbf — 1–4 und 11–14?
Zwei Bahnhöfe übereinander: untere Ebene 1 bis 4, obere Ebene 11 bis 14.
Köln Messe/Deutz — warum springt es?
Oben werden die bahnsteiglosen Durchfahrgleise 3 und 6 mitgezählt, tief liegen die Gleise 11 und 12.
Goldshöfe — zweimal Gleis 2?
Es gibt tatsächlich zweimal Gleis 2 — auf der Tafel als 2J und 2R unterschieden: J für die Richtung Jagst, R für die Rems.

Muster 3: Lücken durch abgebaute Gleise

Wird bei einem Umbau ein Gleis entfernt, rückt die Nummer meist nicht nach. Die Lücke bleibt — manchmal für immer.

Dortmund Hbf — 2/3, 4/5, 6/7, 8/10 …?
Die Nummern springen quer durch: 2/3, 4/5, 6/7, 8/10, 11/16, 18/20, 21/23, 26/31. Die fehlenden fielen bei Umbauten weg — Gleis 8 ist sogar wiederauferstanden.
Hamburg Hbf — wo sind 9 und 10?
Der Bahnhof zählt 1 bis 8, dann 11 bis 14. Die Gleise 9 und 10 gibt es nicht.
Berlin Hbf — 1–8 und 11–16?
Tief die Gleise 1 bis 8, oben 11 bis 16 — die beiden Ebenen des neuen Kreuzungsbahnhofs.
München Hbf — warum beginnt alles bei Gleis 5?
Die Gleise 1 und 2 sind die S-Bahn-Tiefgleise, deshalb startet die Halle oben bei 5. 1953 wurde alles neu geordnet: Holzkirchner Flügelbahnhof 1 bis 10, große Halle 11 bis 26, Starnberger Flügelbahnhof 27 bis 36.
Leipzig Hbf — 6 bis 23 und dann?
Oben die Gleise 6 bis 23, dazu ein Museumsgleis 24 und der City-Tunnel mit den Gleisen 1 und 2.
Nürnberg Hbf — die Lücke bei 10 und 11?
Die Gleise 10 und 11 haben keinen Bahnsteig, werden aber mitgezählt — daher die Lücke im sichtbaren Teil.
Mainz Hbf — kein Gleis 7, aber ein 3a?
Ein Bahnsteiggleis 7 gab es nie, dafür ein 3a. Beim Umbau kam Gleis 8 hinzu.
Mannheim Hbf — das unsichtbare Gleis 5?
Gleis 5 hat keinen Bahnsteig und taucht für Reisende nirgends auf — gezählt wird es trotzdem.
Münster (Westf) Hbf — welche Gleise gelten?
Nutzbar sind 2, 3, 4, 8, 9, 11, 12, 14, 17. Gleis 1 ist Umfahrungsgleis, 5/6/7/10/15/16 sind Stumpfgleise, 13 ein Durchfahrgleis. Bis 1985 gab es hier sogar Gleise 101, 105 und 113.
Brühl — warum fehlt Gleis 3?
Nach dem schweren Zugunglück von Brühl 2000 wurde Gleis 3 ersatzlos entfernt — die 4 rückte nicht auf. Die Lücke ist ein stilles Mahnmal.
Müllheim (Baden) — nur 3, 4 und 6?
Nur die Gleise 3, 4 und 6 haben Bahnsteige; der von Gleis 5 wurde zurückgebaut.
Freilassing — Gleise 96 und 97?
Neben den üblichen Gleisen tauchen die hohen Nummern 96 und 97 auf.
Singen (Hohentwiel) — Gleis 5a und „5 F“?
Ein halb verschollenes Gleis 5a, im Fahrplan als „5 F“ angegeben. Die Kopfgleise 6 und 8 teilen sich den Bahnsteig mit Gleis 1, während Gleis 5 auf der anderen Bahnhofsseite liegt.
Gifhorn — einfach durcheinander?
Selbst der offizielle Bahnhofsplan nennt die Nummerierung hier „etwas durcheinander“.

Muster 4: Reihenfolge verdreht

Manchmal stimmen die Nummern, nur die Reihenfolge nicht. Das passiert, wenn die Bahn betrieblich anders zählt als am Bahnsteig.

Potsdam Hbf — 4, 2, 1, 3, 6, 7?
Vom Haupteingang aus liegen die Gleise als 4, 2, 1, 3, 6, 7. Die 4 und 3 sind die durchgehenden Hauptgleise, 6 und 7 die S-Bahn — ein Gleis 5 gibt es nicht.
Leinefelde — 3, 1, 2, 6, 10?
Eine bunt gewürfelte Reihenfolge, gewachsen aus mehreren Umbauten.
Heiligenstadt — 2, 3, 1?
Die Gleise liegen als 2, 3, 1 — die 1 ganz am Rand.
Magdeburg Hbf — nach 7 kommt 9, dann 8?
Gleis 9 ist das einzige Kopfgleis und liegt am hintersten Ende des langen Bahnsteigs 7–9 — deshalb die verdrehte Zählung.
Weimar — 1, 2, 3 oder 3, 1, 2?
Betrieb und Kunde zählen verschieden: DB Netz führt die Gleise als 3, 1, 2 — am Bahnsteig steht 1, 2, 3.
Dresden Hbf — neu benummert und trotzdem uneins?
Vor einigen Jahren wurde der Bahnhof komplett neu benummert. Betrieblich und für Reisende heißen die Gleise aber weiterhin unterschiedlich.
Löhne (Westf) — mit dem Fahrdraht neu geordnet?
Mit der Elektrifizierung wurde neu sortiert — und seit kurzem sogar in der Unterführung erklärt.

Und in der Schweiz?

Auch die Nachbarn haben ihre Kuriositäten — und die Schweizer rechnen gern nach, was so ein Umbau kostet.

Aarau — ein Gleis 0?
Aarau hat seit Jahrzehnten ein Gleis 0 direkt neben Gleis 1.
Bellinzona — von Gleis 1 zu Gleis 809?
Der Weg von Gleis 1 zu Gleis 809 betrug rund zehn Meter — die hohe Nummer stammt aus einem anderen Nummernkreis.
Olten — wo sind 5 und 6?
Die Gleise 5 und 6 fehlen, weil zwei geplante Fernverkehrsgleise nie gebaut wurden.
Zürich HB — was kostet Umnummerieren?
Allein die Umbenennung der S-Bahn-Gleise in Zürich kostete rund eine halbe Million Franken — ein gutes Beispiel dafür, warum krumme Nummern so selten geändert werden.

Warum das so bleibt

Eine Nummer zu ändern klingt nach ein paar neuen Schildern. Tatsächlich hängt an jeder Gleisnummer viel mehr.

Sie steht an tausenden Anschriften: an Kabeln, an Leitungen, in Plänen, in der Stellwerkssoftware, in den Bahnhofsfahrordnungen, in jeder Veröffentlichung des Netzbetreibers.

Eine saubere Umnummerierung ist deshalb ein Großprojekt, kein Schilderwechsel.

Gemacht wird sie fast nur dann, wenn ohnehin ein neues elektronisches Stellwerk kommt — so wie in Bingen, Hanau oder Dresden.

Bis dahin bleibt die krumme Zahl. Sie ist kein Fehler, sondern ein Fossil: der versteinerte Abdruck von über hundert Jahren Umbau.

Wer das nächste Mal vor Gleis 601 steht, muss also nicht an einen Zahlendreher denken.

Die Zahl erzählt eine Geschichte — von zwei alten Gesellschaften, von einem abgerissenen Gleis, von einem Stellwerk, das die Nummern einfach durchschrieb.

Ein Bahnhof zählt seine Gleise eben nicht, wie es schön wäre. Sondern so, wie er gewachsen ist.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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