Stimmt es, dass …?
„Wir bitten um Entschuldigung: Der Shinkansen nach Osaka trifft heute mit einer Verspätung von einer Minute ein.“
Stimmt es, dass Züge in Japan nie zu spät kommen?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Nicht ganz. Japans Hochgeschwindigkeitszüge gehören zu den pünktlichsten der Welt, doch auch dort gibt es Verspätungen, etwa durch Taifune, Schnee oder Erdbeben.
Kaum ein Bahnmythos hält sich so hartnäckig wie der vom japanischen Zug, der auf die Sekunde genau ankommt.
Tatsächlich ist die Pünktlichkeit des Shinkansen international auf sehr hohem Niveau.
Ob Japans Züge aber wirklich nie zu spät kommen und wie die Zahlen dahinter aussehen, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
1 Minute
gilt als unpünktlich
bei den Japan Railways
54 s
Durchschnitt 2015
Verspätung auf dem Tōkaidō-Shinkansen
5:59 min
Toleranz bei der DB
erst danach gilt ein Zug als verspätet
Die Werte sind nur eingeschränkt vergleichbar, weil Verspätungen unterschiedlich gemessen werden.
Ein Mythos mit wahrem Kern
Der Shinkansen, Japans Netz für Hochgeschwindigkeitszüge, ging 1964 mit der Strecke zwischen Tokio und Osaka in Betrieb.
Seine Pünktlichkeit gilt international als außergewöhnlich hoch.
Bei den Japan Railways gilt ein Zug schon ab einer Minute Verspätung als unpünktlich.
Bei der Deutschen Bahn zählt ein Zug dagegen erst ab sechs Minuten Verspätung als verspätet.

Was die Statistik zeigt
Im Jahr 2004 erreichte JR Central auf dem Tōkaidō-Shinkansen eine durchschnittliche Verspätung von nur 0,1 Minuten pro Zug, Naturkatastrophen eingerechnet.
Das entspricht gerade einmal sechs Sekunden.
Im Jahr 2011 lag der Durchschnitt auf dieser Strecke bei 36 Sekunden und im Jahr 2015 bei 54 Sekunden.
Auch japanische Züge kommen also im Schnitt ein wenig später an, wenn auch meist nur um Sekunden.
Gut zu wissen
Die Tōkaidō-Shinkansen zwischen Tokio und Osaka wurde am 1. Oktober 1964 eröffnet, pünktlich zu den Olympischen Sommerspielen in Tokio. Sie gilt als weltweit älteste ausdrücklich für mehr als 200 Kilometer pro Stunde geplante Hochgeschwindigkeitsbahn.
Bei technischen Problemen wird beim Shinkansen nur die betroffene Antriebseinheit abgeschaltet und nicht der ganze Zug. Selbst mit einer abgeschalteten Einheit sind auf starker Steigung noch 160 Kilometer pro Stunde möglich.
Warum Vergleiche schwierig sind
Die einzelnen JR-Unternehmen erfassen Verspätungen getrennt voneinander und teilweise mit unterschiedlichen Methoden.
Eine einheitliche Statistik für das gesamte Shinkansen-Netz gibt es deshalb nicht.
Anders als etwa in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz werden in Japan Verspätungen durch höhere Gewalt wie Starkregen, Schnee oder Taifune in der Regel nicht gewertet.
Wer Zahlen aus Japan mit deutschen Werten vergleicht, vergleicht deshalb nicht ganz dasselbe.
Das Erfolgsrezept des Shinkansen
Ein wichtiger Grund für die Pünktlichkeit ist die Trennung des Hochgeschwindigkeitsnetzes vom Nah- und Güterverkehr.
Die Shinkansen-Strecken wurden in Normalspur neu angelegt, während sich im übrigen Fernbahnnetz die schmalere Kapspur durchgesetzt hat.
Hinzu kommen die fast durchgängige Einzäunung der Strecken, robuste Technik und eine gute Wartung.
Auf dem Tōkaidō-Shinkansen können Züge zudem Verspätungen aufholen, weil sie ihre Geschwindigkeit von 270 auf 300 Kilometer pro Stunde erhöhen können.
Wenn die Natur den Fahrplan bestimmt
Japan wird häufig von Erdbeben und Taifunen getroffen, und in manchen Regionen fällt sehr viel Schnee.
Seit 1998 verfügt der Shinkansen über ein Erdbebenfrühwarnsystem, das bei einem registrierten Beben automatisch den Fahrstrom abschaltet und eine Schnellbremsung auslöst.
Solche Sicherheitshalte kosten Zeit, und dann hilft auch der beste Fahrplan nichts.
Gegen starken Schnee setzen die Betreiber auf einigen Strecken Sprinkleranlagen und Schneeschutzbauten aus Beton ein.
Sicherheit geht vor Pünktlichkeit
Beim Erdbeben vom 23. Oktober 2004 entgleiste erstmals ein Shinkansen, acht von zehn Wagen sprangen aus den Schienen.
Der Zug kam dank des Frühwarnsystems schnell zum Stehen, und niemand wurde verletzt.
Seit der Eröffnung 1964 hat es auf dem Shinkansen trotz häufiger Erdbeben keine Todesfälle durch Zugunglücke gegeben.
In dieser Zeit wurden mehr als zehn Milliarden Fahrgäste befördert.
Pünktlich trotz dichtem Verkehr
Zum Start im Jahr 1964 fuhren 60 Züge pro Tag über die Strecke zwischen Tokio und Osaka.
Ende der 1980er Jahre waren es bereits 250 Züge pro Tag mit mehr als 100 Millionen Reisenden im Jahr.
Im Jahr 2002 nutzten 132 Millionen Fahrgäste den Tōkaidō-Shinkansen.
Die reguläre Reisezeit zwischen Tokio und Osaka liegt bei rund 155 Minuten.
Zahlen richtig lesen
Die genannten Durchschnittswerte stammen vom Tōkaidō-Shinkansen und lassen sich nicht einfach auf alle Züge in Japan übertragen.
Außerdem unterscheiden sich die Regeln, ab wann ein Zug als verspätet gilt, von Land zu Land deutlich.
In Japan zählt schon eine Minute, in Deutschland erst die sechste Minute.
Wer den Mythos prüft, sollte deshalb immer fragen, was genau gemessen wurde.
Das Fazit
Der Mythos stimmt teilweise, denn Japans Hochgeschwindigkeitszüge sind außergewöhnlich pünktlich, aber nicht unfehlbar.
Im Schnitt kommen sie nur um Sekunden zu spät, auf dem Tōkaidō-Shinkansen waren es 2015 durchschnittlich 54 Sekunden.
Bei Erdbeben, Taifunen oder starkem Schnee stehen aber auch in Japan Züge still, und solche Verspätungen werden in der Regel gar nicht gewertet.
Das Wort nie ist also übertrieben, doch der gute Ruf der japanischen Bahn ist nicht aus der Luft gegriffen.
Der Zug als umweltfreundliche Wahl
Wer mit dem Zug fährt, entscheidet sich fast immer für die grünere Variante.
Die Schiene führt viele Menschen gleichzeitig mit wenig Energie ans Ziel.
Sie braucht weniger Fläche als eine Autobahn und zerschneidet die Landschaft weniger.
Auch in der Stadt hält die Bahn die Luft sauberer und die Straßen freier.
Jeder Umstieg vom Auto in den Zug ist ein Gewinn für die Umwelt.
So verbindet die Bahn das Reisen mit einem guten Gewissen.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
