Stimmt es, dass Züge an der Grenze zwischen China und der Mongolei die Drehgestelle wechseln müssen?

Mythen · Bahnhofshalle

Stimmt es, dass Züge an der Grenze zwischen China und der Mongolei die Drehgestelle wechseln müssen?

Mitten in der Nacht wird ein ganzer Zug Wagen für Wagen angehoben, die Fahrwerke herausgerollt und neue daruntergeschoben – nur damit die Reise weitergehen kann.

Wer mit dem Zug von China in die Mongolei reist, erlebt an der Grenze etwas höchst Ungewöhnliches.

Dort steht nämlich ein aufwendiger und zeitraubender Vorgang bevor, bevor es weitergehen kann.

Die Wagen müssen komplett angehoben und auf andere Fahrwerke gesetzt werden.

Der Grund dafür liegt tief unter den Zügen, nämlich in der unterschiedlichen Spurweite.

Trans Mongolian Railway
Foto: User:Enzymes, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Kurz erklärt

Ja. China und die Mongolei nutzen unterschiedliche Spurweiten. An der Grenze werden die Wagen deshalb in einer Halle angehoben und auf andere Fahrwerke gesetzt, damit sie auf dem jeweils anderen Netz weiterfahren können.

  • Grenze: China – Mongolei
  • Problem: verschiedene Spurweiten
  • China: Normalspur 1435 mm
  • Mongolei: Breitspur 1520 mm
  • Lösung: Fahrwerke tauschen

Zwei verschiedene Spurweiten

China nutzt für seine Bahnen die weltweit verbreitete Normalspur.

Die Mongolei dagegen übernahm die breitere Spur, wie sie auch in Russland üblich ist.

Beide Spurweiten unterscheiden sich um einige Zentimeter voneinander.

Das klingt nach wenig, macht aber ein durchgehendes Fahren unmöglich.

Die Räder eines Zuges passen immer nur auf eine der beiden Spuren.

Warum die Mongolei breiter baute

Die Wahl der Spurweite hat oft historische und politische Gründe.

Die Mongolei war eng mit ihrem großen nördlichen Nachbarn verbunden.

Deshalb übernahm sie dessen breite Spur, um ein durchgehendes Netz zu haben.

Nach Süden hin, Richtung China, entstand dadurch aber eine Systemgrenze.

Genau an dieser Grenze treffen heute die beiden Welten aufeinander.

Das Problem am Übergang

An der Grenze kann ein Zug also nicht einfach weiterrollen.

Seine Räder passen auf der anderen Seite schlicht nicht mehr auf die Schienen.

Man müsste die Fahrgäste und die Fracht eigentlich komplett umladen.

Das wäre jedoch mühsam, langsam und für Reisende sehr unbequem.

Deshalb wählt man einen anderen, erstaunlichen Weg.

Die große Hebehalle

An der Grenze gibt es eine eigens gebaute, große Halle für diesen Zweck.

Dorthin werden die Wagen des Zuges hineingefahren und über besonderen Vorrichtungen abgestellt.

Mächtige Hebeböcke greifen dann unter die Wagenkästen.

Langsam und vorsichtig heben sie die schweren Wagen in die Höhe.

Die Fahrwerke bleiben dabei zunächst unten auf den Gleisen stehen.

Fahrwerke raus, Fahrwerke rein

Sind die Wagenkästen angehoben, werden die alten Drehgestelle darunter herausgerollt.

An ihre Stelle schiebt man neue Fahrwerke mit der passenden Spurweite.

Anschließend werden die Wagen wieder behutsam auf die neuen Drehgestelle abgesenkt.

Fest verbunden, kann der Wagen nun auf der anderen Spur weiterfahren.

Dieser Tausch wiederholt sich für jeden einzelnen Wagen des Zuges.

Erlian Railway Station
Foto: 慕尼黑啤酒, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eine Prozedur mit Geduld

Der ganze Vorgang dauert mehrere Stunden und verlangt viel Geduld.

Oft geschieht er nachts, während die Fahrgäste in ihren Abteilen warten.

Draußen hört man das Rumpeln der Hebeböcke und das Rollen der Fahrwerke.

Für viele Reisende ist dieses nächtliche Schauspiel ein unvergessliches Erlebnis.

Es gehört untrennbar zur Fahrt über diese Grenze.

Warum nicht einfach umsteigen?

Man könnte fragen, warum man die Menschen nicht einfach umsteigen lässt.

Tatsächlich wäre das in manchen Fällen schneller, aber auch viel unbequemer.

Durch den Fahrwerkwechsel bleiben die Reisenden in ihrem vertrauten Wagen sitzen.

Besonders bei Schlafwagen ist das ein großer Vorteil.

Man schläft gewissermaßen über die Systemgrenze hinweg.

Auch für die Fracht

Bei Güterwagen ist das Umladen oder Umsetzen ebenfalls ein großes Thema.

Teils werden auch hier Fahrwerke getauscht, teils die Waren direkt umgeladen.

Gerade im wachsenden Handel zwischen den Kontinenten spielt das eine große Rolle.

Die Grenze ist deshalb ein wichtiger Knotenpunkt für lange Güterzüge.

Viel Technik und Organisation stecken in diesem Übergang.

Ein weltweites Phänomen

Solche Spurweitenwechsel gibt es nicht nur zwischen China und der Mongolei.

Überall dort, wo verschiedene Spurweiten aufeinandertreffen, braucht es eine Lösung.

Mal tauscht man Fahrwerke, mal nutzt man Züge mit verstellbaren Radsätzen.

Die breite russische Spur trifft an vielen Grenzen auf die Normalspur.

Das Problem ist also ein altes und weit verbreitetes.

Technik gegen die Grenze

Der Fahrwerkwechsel zeigt, wie erfinderisch die Bahn mit Hindernissen umgeht.

Statt an der Spurweite zu scheitern, hebt man einfach die ganzen Wagen an.

So überwindet die Schiene sogar eine tückische technische Grenze.

Ein nächtliches Schauspiel

Oft findet der Fahrwerkwechsel mitten in der Nacht statt, während die Reisenden in ihren Abteilen ausharren.

Von draußen dringen das Rumpeln der Hebeböcke und das Rollen der Fahrwerke in die Wagen.

Für viele ist dieses ungewohnte Erlebnis ein heimlicher Höhepunkt der ganzen Reise.

Langsam heben und senken sich die Wagen, während unter ihnen die Technik arbeitet.

Wer einmal dabei war, erinnert sich meist lange an diese seltsame Nacht an der Grenze.

Hebeböcke und Fingerspitzengefühl

Das Anheben eines voll besetzten oder beladenen Wagens verlangt große Sorgfalt und erprobte Technik.

Kräftige Hebeböcke greifen gleichmäßig unter den Wagenkasten, um ihn sicher in der Schwebe zu halten.

Schon kleine Fehler könnten den schweren Wagen gefährlich ins Wanken bringen.

Erfahrene Arbeiter sorgen deshalb dafür, dass jeder Handgriff genau sitzt.

Routine und Vorsicht machen aus dem aufwendigen Vorgang eine sichere Sache.

Wenn Welten sich berühren

An dieser Grenze treffen nicht nur zwei Spurweiten, sondern auch zwei große Bahnwelten aufeinander.

Das Netz mit der breiten Spur reicht weit nach Norden, das mit der Normalspur weit nach Süden.

Der Fahrwerkwechsel ist die geduldige Brücke zwischen diesen beiden Systemen.

So bleibt eine durchgehende Reise über tausende Kilometer hinweg überhaupt möglich.

Die Technik überwindet damit eine Grenze, die sonst jede Fahrt jäh beenden würde.

Merke: Ja, an der Grenze zwischen China und der Mongolei wechseln die Züge die Drehgestelle – weil die Spurweiten verschieden sind, werden die Wagen angehoben und auf passende Fahrwerke gesetzt.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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