Stimmt es, dass Schwarzfahren eine Straftat ist? Paragraf 265a, 60 Euro und die Debatte um die Entkriminalisierung

STIMMT ES, DASS …?

„Nächster Halt: Paragraf 265a. Bitte den Fahrschein bereithalten.“

Stimmt es, dass Schwarzfahren eine Straftat ist? Paragraf 265a, 60 Euro und die Debatte um die Entkriminalisierung

→ Kurz gesagt: Ja – und genau darüber wird heftig gestritten

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Kurz gesagt

Ohne gültigen Fahrschein erwischt zu werden, kostet nicht nur 60 Euro. Es ist zugleich eine Straftat nach Paragraf 265a des Strafgesetzbuchs. Warum das so ist, was das für Betroffene bedeutet und warum viele die Regel abschaffen wollen.

Historische Bahnhofshalle in Brașov
Foto: Asurnipal, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die kurze Antwort

Ja.

Wer ohne gültigen Fahrschein Bus oder Bahn nutzt, begeht in Deutschland nicht nur einen Verstoß gegen die Beförderungsbedingungen, sondern eine Straftat.

Das Stichwort im Gesetz heißt „Erschleichen von Leistungen“ und steht in Paragraf 265a des Strafgesetzbuchs.

Neben der zivilrechtlichen Nachzahlung droht also grundsätzlich auch eine strafrechtliche Verfolgung.

In der Praxis bleibt es bei den allermeisten Fällen zunächst beim erhöhten Beförderungsentgelt.

Doch die rechtliche Grundlage ist eindeutig – und für Menschen, die immer wieder ohne Ticket fahren, kann sie ernste Folgen haben.

Schwarzfahren in Zahlen

§ 265a

Strafgesetzbuch

Erschleichen von Leistungen

60 €

erhöhtes Entgelt

zivilrechtliche Nachzahlung

bis 1 Jahr

Freiheitsstrafe

gesetzlicher Höchstrahmen

Der Regelfall ist eine Geldstrafe, nicht Gefängnis.

Quelle: Strafgesetzbuch, Paragraf 265a.

Was Paragraf 265a besagt

Der Paragraf stellt das „Erschleichen“ einer Beförderung unter Strafe – also die Nutzung von Bus und Bahn, ohne das dafür fällige Entgelt zu zahlen.

Vorgesehen ist eine Geldstrafe oder, im theoretischen Höchstfall, eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr.

In der Realität bewegt sich die Justiz fast immer im Bereich der Geldstrafe.

Interessant ist das Wort „erschleichen“

Ursprünglich dachte der Gesetzgeber an ein heimliches, trickreiches Vorgehen.

Kritiker weisen darauf hin, dass beim modernen Nahverkehr niemand etwas „erschleicht“: Man steigt schlicht ein, an offenen Türen, ohne Kontrolle.

Genau an diesem Punkt setzt die juristische Debatte an.

Die 60 Euro

Unabhängig vom Strafrecht verlangen die Verkehrsunternehmen ein erhöhtes Beförderungsentgelt.

Bundesweit einheitlich liegt es bei 60 Euro.

Diese Summe ist keine Strafe im juristischen Sinn, sondern eine zivilrechtliche Forderung – vergleichbar mit einer Vertragsstrafe dafür, dass man ohne gültigen Fahrschein gefahren ist.

Wer die 60 Euro zahlt und sich einen gültigen Fahrschein besorgt, hat den zivilrechtlichen Teil erledigt.

Das strafrechtliche Verfahren nach Paragraf 265a ist davon aber getrennt und kann zusätzlich in Gang kommen – vor allem bei Wiederholung.

Zwei Ebenen, ein Vorfall

Zivilrecht: 60 Euro erhöhtes Beförderungsentgelt, gefordert vom Verkehrsunternehmen.

Strafrecht: mögliche Verfolgung nach Paragraf 265a, meist als Geldstrafe.

Beides kann nebeneinander bestehen – die 60 Euro heilen die Straftat nicht automatisch.

Warum darüber gestritten wird

Seit Jahren fordern Juristen, Sozialverbände und Teile der Politik, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren – also aus der Straftat eine bloße Ordnungswidrigkeit zu machen, wie Falschparken.

Das Argument: Der Straftatbestand trifft vor allem arme Menschen, die sich das Ticket schlicht nicht leisten können.

Besonders umstritten ist die sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe.

Wer die verhängte Geldstrafe nicht bezahlen kann, muss sie im Gefängnis absitzen.

So landen immer wieder Menschen hinter Gittern, deren einziges Vergehen darin bestand, ohne Ticket gefahren zu sein – für den Staat teuer, für die Betroffenen einschneidend, und in den Augen vieler völlig unverhältnismäßig.

Was Betroffene wissen sollten

Wer ohne gültigen Fahrschein erwischt wird, sollte die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Das erhöhte Entgelt zeitnah zu begleichen und für die Zukunft ein gültiges Ticket zu lösen, ist der einfachste Weg, größeren Ärger zu vermeiden.

Wer in finanzieller Not ist, kann sich an Beratungsstellen wenden – gerade bei drohender Ersatzfreiheitsstrafe gibt es Hilfsangebote.

Baureihe 423 der S-Bahn München
Foto: Wilfredor, CC0, via Wikimedia Commons

Häufige Fragen

Wie andere Länder es handhaben

Deutschland ist mit der Einstufung als Straftat streng.

In vielen europäischen Ländern gilt Schwarzfahren als bloße Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld geahndet wird – ähnlich wie Falschparken.

Der Gang vor ein Strafgericht bleibt dort die absolute Ausnahme.

Genau dieser Vergleich befeuert die deutsche Debatte.

Wenn das Nachbarland mit einem Bußgeld auskommt, fragen Kritiker, warum hierzulande ein Strafverfahren nötig ist, das im schlimmsten Fall im Gefängnis endet.

Offener Zugang, stichprobenartige Kontrolle

Anders als am Flughafen gibt es im deutschen Nahverkehr keine Sperren, die den Zugang ohne Ticket verhindern.

Man vertraut auf Stichproben: Fahrscheinprüfer steigen unangekündigt zu und kontrollieren.

Wer ohne gültigen Fahrschein angetroffen wird, dessen Daten werden aufgenommen.

Dieses System aus offenem Zugang und stichprobenartiger Kontrolle ist günstig und bequem – es beruht aber darauf, dass die allermeisten Fahrgäste ehrlich zahlen.

Das erhöhte Entgelt und der Straftatbestand sollen genau diese Ehrlichkeit absichern.

Zwischen Recht und Realität

In der Praxis klafft eine Lücke zwischen dem strengen Gesetz und dem tatsächlichen Vorgehen.

Viele Verfahren werden eingestellt, gerade bei erstmaligem und geringfügigem Schwarzfahren.

Für Gelegenheitstäter bleibt es deshalb meist bei den 60 Euro und einer Ermahnung.

Zum echten Problem wird der Paragraf vor allem für Menschen, die immer wieder ohne Ticket fahren – oft, weil sie sich den Fahrschein schlicht nicht leisten können.

Bei ihnen summieren sich Verfahren und Geldstrafen, bis am Ende die Ersatzfreiheitsstrafe droht.

Genau diese Spirale wollen die Kritiker durchbrechen.

Ist einmaliges Schwarzfahren gleich eine Vorstrafe?
Nicht automatisch. Häufig wird ein Verfahren eingestellt oder mit einer Geldstrafe erledigt. Eine Eintragung ins Führungszeugnis erfolgt erst ab einer bestimmten Höhe der Strafe – wiederholtes Schwarzfahren erhöht das Risiko aber deutlich.
Reicht es, die 60 Euro zu zahlen?
Für den zivilrechtlichen Teil ja. Das strafrechtliche Verfahren nach Paragraf 265a ist davon aber unabhängig. In einfachen Fällen wird es oft eingestellt, garantiert ist das jedoch nicht.
Wird Schwarzfahren bald entkriminalisiert?
Darüber wird politisch gestritten. Vorschläge, den Tatbestand zur Ordnungswidrigkeit herabzustufen, liegen vor – entschieden ist bislang nichts.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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