Stimmt es, dass …?
„Reisende nach Reykjavík werden gebeten, auf den Bus umzusteigen, denn einen Zug gibt es auf der ganzen Insel nicht.“
Stimmt es, dass es in Island keine Eisenbahn gibt?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Stimmt es, dass …?
Kurz gesagt
Ja, das stimmt. Island hat heute keinen Schienenverkehr und besaß nie eine öffentliche Eisenbahn für Fahrgäste, früher gab es lediglich einige Hafen-, Material- und Baubahnen.
Island ist bekannt für Vulkane, Geysire und Gletscher, doch wer dort mit dem Zug reisen möchte, sucht vergeblich nach einem Fahrplan.
Oft heißt es sogar, die Insel habe überhaupt nie Schienen gesehen.
Ob Island wirklich ganz ohne Eisenbahn auskommt und welche Spuren die Bahn dort doch hinterlassen hat, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
1913–1928
Hafenbahn Reykjavík
Güterbahn mit 900 mm Spurweite
12 km
Streckenlänge
beide Linien der Hafenbahn zusammen
2
Dampflokomotiven
beide bis heute museal erhalten
Pläne für Personenbahnen gab es zwischen 1906 und 1931, umgesetzt wurde keiner davon.
Ein Land ohne Fahrplan
Schienenverkehr gibt es in Island derzeit nicht, weder für Fahrgäste noch für Güter.
Wer auf der Insel unterwegs ist, reist mit Auto, Bus, Flugzeug oder Schiff.
Eine öffentliche Eisenbahn zur Beförderung von Fahrgästen hat es auf Island nie gegeben.
Ganz ohne Schienen ist die Geschichte der Insel trotzdem nicht verlaufen.

Die Hafenbahn von Reykjavík
Im Jahr 1913 wurde in Reykjavík eine Schmalspurbahn mit 900 Millimetern Spurweite in Betrieb genommen.
Anlass war der Ausbau des Hafens der Hauptstadt.
Zwei Strecken mit zusammen zwölf Kilometern Länge führten vom Hafen nach Öskjuhlíð und nach Skólavörðuholt.
Die Bahn diente ausschließlich dem Güterverkehr und beförderte keine Fahrgäste.
Gut zu wissen
Die Hafenbahn von Reykjavík war eine Schmalspurbahn mit 900 Millimetern Spurweite. Zum Vergleich: Die Normalspur, auf der in Deutschland die meisten Züge fahren, misst 1435 Millimeter.
An der Lok Pionér ist das Fabrikschild ihres späteren Ersatzkessels angebracht. Das erweckt den Eindruck, als handle es sich um das originale Schild der Lokomotive.
Zwei Dampfloks aus Deutschland
Für den Betrieb standen zwei gebrauchte Dampflokomotiven der Lokomotivfabrik Arnold Jung aus dem Jahr 1892 zur Verfügung.
Gebaut worden waren sie ursprünglich für einen Abnehmer in Rostock, bevor sie 1910 nach Dänemark verkauft wurden.
Im Jahr 1913 gelangten beide Loks schließlich nach Island.
Sie trugen die Namen Minør und Pionér und zogen die Güterzüge zwischen Hafen und Baustellen.
Das Ende nach fünfzehn Jahren
Die Bauarbeiten am Hafen waren 1917 abgeschlossen.
Die Bahn blieb danach noch bis 1928 für den Gütertransport in Betrieb.
Mit ihrer Stilllegung endete die Zeit der Dampflokomotiven auf Island nach rund fünfzehn Jahren.
Eine Strecke für den regulären Verkehr zu anderen Orten der Insel entstand nie.
Pläne, die Pläne blieben
Zwischen 1906 und 1931 gab es mehrere Planungen für Eisenbahnen mit Personenbeförderung.
Dazu gehörte eine Bahn von Reykjavík nach Selfoss im Süden der Insel.
Keines dieser Vorhaben wurde verwirklicht.
Auch neuere Überlegungen für eine Strecke zwischen Reykjavík und dem internationalen Flughafen Keflavík sind bisher nicht über ein frühes Stadium hinausgekommen.
Muskelkraft auf dem Bauernhof
Eine besondere Bahn gab es auf dem landwirtschaftlichen Großbetrieb Korpúlfsstaðir.
Dort wurde in den 1930er Jahren eine Materialbahn mit 600 Millimetern Spurweite angelegt.
Lokomotiven gab es keine, die Wagen wurden ausschließlich mit Muskelkraft bewegt.
Die Anlage war 1993 noch in Betrieb, heute befinden sich auf dem Gelände ein Golfplatz und eine Schule.
Eine Baubahn im Osten
Anfang des 21. Jahrhunderts entstand im Osten Islands das Kárahnjúkar-Kraftwerk.
Für den Bau mietete ein italienisches Bauunternehmen vorübergehend eine Schmalspurbahn an, die mit Diesellokomotiven betrieben wurde.
Auf dieser Bahn ereignete sich der einzige Eisenbahnunfall mit Personenschaden in Island, als ein Zementzug mit einem Personalzug zusammenstieß und drei Arbeiter verletzt wurden.
Nach Abschluss der Arbeiten wurde die Bahn wieder abgebaut und nach Italien zurückverschifft.
Spuren, die geblieben sind
Beide Dampflokomotiven der Hafenbahn sind bis heute erhalten.
Die Minør steht als Denkmal im Hafen von Reykjavík, die Pionér im Freilichtmuseum Árbæjarsafn.
Damit dürfte Island das einzige Land der Welt sein, in dem sämtliche Dampflokomotiven, die dort je fuhren, museal aufbewahrt werden.
Ende 2022 wurden am Hügel Öskjuhlíð zudem alte Schienen gefunden, die wahrscheinlich beim Bau des Flughafens Reykjavík im Zweiten Weltkrieg genutzt wurden.
Das Fazit
Der Mythos stimmt, denn in Island gibt es heute keine Eisenbahn.
Eine öffentliche Bahn für Fahrgäste hat die Insel nie besessen, und alle Pläne dafür blieben auf dem Papier.
Ganz schienenlos war die Geschichte trotzdem nicht, denn Hafen-, Material- und Baubahnen gab es durchaus.
Wer Islands Eisenbahngeschichte sehen möchte, findet sie heute im Hafen von Reykjavík und im Freilichtmuseum.
Was die Fahrgäste davon haben
Am Ende zählt für den Fahrgast vor allem eines: sicher und pünktlich anzukommen.
Jede kleine Verbesserung im Betrieb macht seine Reise ein wenig angenehmer.
Ein sauberer Zug und eine klare Anzeige nehmen ihm Sorge und Hektik.
Ein freundlicher Halt bleibt oft länger in Erinnerung als die Fahrt selbst.
So entsteht aus vielen Einzelheiten am Ende ein rundes Reiseerlebnis.
Und wer sich gut aufgehoben fühlt, steigt beim nächsten Mal gern wieder ein.
Ein Blick in die Zukunft
Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.
Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.
Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.
Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.
Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.
So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.
