Sollten Lokführer früher in Rente gehen dürfen?

Standpunkt

„Sehr geehrte Fahrgäste, der Triebfahrzeugführer dieses Zuges arbeitet seit vier Jahrzehnten in Wechselschicht und darf erst mit siebenundsechzig in den Ruhestand.“

Sollten Lokführer früher in Rente gehen dürfen?

→ Ein Standpunkt zu Schichtdienst, Gesundheit und dem Personalmangel auf der Schiene.

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Worum es geht

Ja, aber mit Maß. Wer ein Arbeitsleben lang in Wechsel- und Nachtschicht Verantwortung für Hunderte Fahrgäste trägt, hat einen früheren, gleitenden Ausstieg verdient; ein pauschales Vorruhestandsgeschenk aber, das den ohnehin knappen Lokführernachwuchs noch schneller ausdünnt, wäre das falsche Mittel.

Der Wecker klingelt um kurz nach drei, wenn die erste Schicht am Bahnsteig beginnt.

Der Mann, der gleich einen vollbesetzten Regionalzug durch die Dunkelheit steuert, macht diesen Dienst seit über dreißig Jahren.

Seine Wochenenden gehören oft dem Fahrplan, seine Nächte der Strecke, seine Feiertage dem Bahnhof.

Und doch soll er, wie fast alle in Deutschland, erst mit siebenundsechzig in den Ruhestand.

Ist das gerecht für einen Beruf, der den Körper Jahr für Jahr gegen die innere Uhr arbeiten lässt?

Usedom, ehem. Bahnhof Karnin 2010 2478
Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Beruf gegen die innere Uhr

Der offizielle Ausbildungsberuf heißt Eisenbahner im Betriebsdienst in der Fachrichtung Lokführer und Transport.

Der Dienst beginnt lange vor der Abfahrt mit dem Lesen von Weisungen, Langsamfahrstellen und Besonderheiten der Strecke.

Gefahren wird in Wechselschicht, rund um die Uhr, an Wochenenden und an Feiertagen.

Im Fernverkehr kommen auswärtige Übernachtungen dazu, weil Dienstbeginn und Dienstende nicht am selben Ort liegen.

Wer über Jahrzehnte so arbeitet, sammelt eine Belastung an, die sich mit einem ruhigen Bürojob kaum vergleichen lässt.

Juist, ehem. Bahnhof 2014 3710
Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Was das Gesetz heute vorsieht

Die Regelaltersgrenze liegt in Deutschland bei siebenundsechzig Jahren und gilt für alle, die ab 1964 geboren wurden.

Nach Paragraf fünfunddreißig des Sechsten Sozialgesetzbuchs ist das der Punkt, an dem die reguläre Altersrente ohne Abschlag beginnt.

Früher und trotzdem ohne Abschlag geht es nur über besondere Rentenarten, etwa für schwerbehinderte Menschen oder für besonders langjährig Versicherte.

Diese Ausnahme für langjährig Versicherte knüpft an fünfundvierzig Beitragsjahre an, nicht an die Härte der Arbeit.

Einen eigenen Frühausstieg allein wegen Schicht- und Nachtdienst kennt das deutsche Rentenrecht bisher nicht.

Wie andere mit belastenden Berufen umgehen

In mehreren Ländern gelten Sonderregeln für belastende oder gefährliche Berufe, die einen früheren Ruhestand erlauben.

Die Idee dahinter ist einfach, denn wer den Körper stärker verschleißt, soll ihn nicht bis zur letzten Stunde verschleißen müssen.

Kritiker halten dagegen, dass sich schwer sauber abgrenzen lässt, welche Tätigkeit als besonders belastend gilt.

Für die Lokführer spricht, dass Nachtarbeit als gesundheitliches Risiko wissenschaftlich gut belegt ist.

Gegen eine reine Berufsliste spricht, dass sie schnell ungerecht gegenüber anderen Schichtberufen wirkt.

Das Argument der Sicherheit

Ein Lokführer trägt Verantwortung für einen Zug, der oft mehrere hundert Menschen befördert.

Müdigkeit und Daueranspannung sind bei einer Tätigkeit, die höchste Aufmerksamkeit verlangt, ein ernstes Thema.

Ein früherer Ausstieg könnte verhindern, dass ältere Beschäftigte über ihre Belastungsgrenze hinaus fahren.

Auf der anderen Seite bringen erfahrene Lokführer eine Ruhe und Streckenkenntnis mit, die sich nicht schnell ersetzen lässt.

Der Verlust dieser Erfahrung wäre für den Betrieb ein spürbarer Aderlass.

Der Personalmangel macht alles schwerer

Bei der Deutschen Bahn arbeiteten 2024 rund 223.000 Menschen in Deutschland.

Zugleich gilt der Mangel an Lokführern seit Jahren als eines der größten Probleme des Betriebs.

Jede Lokführerin und jeder Lokführer, die früher aufhören, fehlen sofort im Fahrplan.

Ein früherer Ruhestand für viele auf einmal könnte Verspätungen und Zugausfälle verschärfen.

Wer früher gehen darf, muss also durch mehr Nachwuchs ersetzt werden, sonst zahlt am Ende der Fahrgast.

Der gleitende Ausstieg als Mittelweg

Zwischen vollem Dienst bis siebenundsechzig und einem harten Schnitt liegt der gleitende Übergang.

Modelle der Altersteilzeit erlauben es, die letzten Berufsjahre mit weniger Stunden zu fahren.

Denkbar ist auch, ältere Beschäftigte verstärkt auf körperlich leichtere Dienste zu setzen.

So bliebe die Erfahrung erhalten, während die Belastung sinkt.

Ein solcher Weg schont die Gesundheit, ohne die Strecke von einem Tag auf den anderen zu verwaisen.

Wer die Rechnung bezahlt

Ein früherer Ruhestand kostet Geld, entweder die Rentenkasse oder das Unternehmen oder beide.

Abschläge würden die Beschäftigten selbst treffen, ein abschlagsfreier Frühausstieg die Allgemeinheit.

Ein tariflich finanzierter Ausstieg wiederum belastet die Personalkosten der Bahn.

Diese Kosten stehen im Wettbewerb mit anderen Wünschen wie höheren Löhnen oder mehr Personal.

Ehrlich ist nur eine Debatte, die auch sagt, woher das Geld kommen soll.

Gesundheit und Nachwuchs zusammendenken

Ein früherer Ausstieg ist auch ein Versprechen an die, die den Beruf noch ergreifen sollen.

Wer jungen Menschen zeigt, dass die Schicht nicht bis zur letzten Kraft geht, macht den Beruf attraktiver.

Gleichzeitig darf das Versprechen nicht dazu führen, dass mitten in der Personalnot die Erfahrensten fehlen.

Gesundheitsschutz und ein verlässlicher Fahrplan sind kein Gegensatz, wenn man beide zusammen plant.

Die beste Lösung schützt den Körper und hält den Zug am Rollen.

Was ein früherer Ausstieg wirklich bräuchte

Ein fairer Frühausstieg müsste an klare und überprüfbare Bedingungen geknüpft sein, statt einfach für alle zu gelten.

Denkbar wäre, ihn an die Zahl der tatsächlich geleisteten Nacht- und Wochenendschichten zu binden.

So bekäme ihn, wer die Last über die Jahre wirklich getragen hat, und nicht jeder mit demselben Berufstitel.

Wichtig wäre außerdem, einen solchen Ausstieg lange genug im Voraus verlässlich zu planen.

Nur dann kann die Bahn genügend Nachwuchs ausbilden, bevor die Erfahrenen den Führerstand verlassen.

Ein durchdachter Übergang nützt am Ende beiden Seiten mehr als ein schneller und teurer Schnitt.

Die Bahn als Teil des Alltags

Für Millionen Menschen gehört die Bahn ganz selbstverständlich zum Tag dazu.

Sie bringt Pendler zur Arbeit, Schüler zur Schule und Familien zu Ausflügen.

Am Bahnsteig treffen sich für einen Moment die unterschiedlichsten Lebenswege.

Der eine liest, die andere telefoniert, ein Dritter döst vor sich hin.

So ist der Zug nicht nur ein Fahrzeug, sondern ein Stück gelebter Alltag.

Und genau das macht die Bahn zu einem so besonderen öffentlichen Ort.

Ein Blick in die Zukunft

Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.

Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.

Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.

Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.

Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.

So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.

Von der Dampflok bis heute

Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.

Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.

Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.

Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.

Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.

Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.

Pro und Contra

Dafür

+  Wechsel- und Nachtschicht über Jahrzehnte belasten die Gesundheit stärker als die meisten ruhigen Tätigkeiten.

+  Nachtarbeit gilt als wissenschaftlich belegtes Risiko, das einen früheren Ausstieg rechtfertigen kann.

+  Ein ausgeruhter Lokführer ist sicherer als einer, der über seine Belastungsgrenze hinaus fährt.

+  Die Aussicht auf einen früheren Ruhestand macht den Beruf für den dringend gesuchten Nachwuchs attraktiver.

+  Andere belastende Berufe kennen Sonderregeln, die den Verschleiß des Körpers anerkennen.

+  Ein gleitender Ausstieg über die Altersteilzeit hält Erfahrung im Betrieb und senkt zugleich die Last.

Dagegen

−  Der Lokführermangel ist heute schon groß, und jeder frühere Abgang verschärft ihn sofort.

−  Erfahrene Lokführer bringen Streckenkenntnis und Gelassenheit mit, die sich nicht schnell ersetzen lassen.

−  Ein abschlagsfreier Frühausstieg kostet die Allgemeinheit oder die Bahn viel Geld.

−  Eine Sonderregel nur für Lokführer wirkt ungerecht gegenüber anderen Schichtberufen.

−  Am Ende könnten Verspätungen und Ausfälle zunehmen, wenn zu viele auf einmal gehen.

−  Wer die Regelaltersgrenze für eine Gruppe senkt, öffnet die Tür für viele weitere Forderungen.

Unterm Strich

Die Frage ist nicht, ob der Dienst am Zug hart ist, denn das ist er.

Die Frage ist, wie man die Gesundheit schützt, ohne den Fahrplan zu ruinieren.

Ein gleitender, gut finanzierter Ausstieg trifft diesen Punkt besser als ein pauschales Rentengeschenk.

Die Abwägung zwischen Rücksicht und Verlässlichkeit treffen am Ende Sie.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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