Sollte im Bahnbetrieb die Vier-Tage-Woche kommen?

Standpunkt

„Sehr geehrte Fahrgäste, dieser Zug fährt sieben Tage die Woche rund um die Uhr, das Personal dahinter jedoch wird immer knapper.“

Sollte im Bahnbetrieb die Vier-Tage-Woche kommen?

→ Ein Standpunkt zu Arbeitszeit, Fachkräftemangel und dem Dauerbetrieb auf der Schiene.

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Worum es geht

Ja, aber realistisch. Eine kürzere Arbeitszeit kann die Bahn als Arbeitgeber attraktiver machen und die Beschäftigten gesünder halten; eine feste Vier-Tage-Woche für alle lässt sich im rund um die Uhr laufenden Schichtbetrieb aber nur dort einführen, wo genug Personal die Lücken füllt.

Ein Zug kennt keine Feierabende und keine Wochenenden.

Er fährt frühmorgens, spätabends, an Sonn- und an Feiertagen, oft durch die ganze Nacht.

Hinter diesem Dauerbetrieb stehen Menschen, die immer knapper werden.

Die Idee einer kürzeren Arbeitswoche soll den Beruf wieder begehrenswert machen.

Doch passt ein Modell aus der Bürowelt überhaupt auf ein Netz, das niemals stillsteht?

Aschersleben Magdeburger Chaussee Bahnbetriebswerk 02
Foto: Migebert, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Was Vier-Tage-Woche überhaupt heißt

Die Vier-Tage-Woche ist ein Arbeitszeitmodell, bei dem in einer Woche nur an vier Tagen gearbeitet wird.

In der einen Variante sinkt die Wochenarbeitszeit tatsächlich, der Lohn bleibt gleich.

In der anderen Variante wird dieselbe Stundenzahl nur auf vier längere Tage verteilt.

Beide Varianten meinen also nicht dasselbe, auch wenn sie gleich klingen.

Für einen Schichtbetrieb macht dieser Unterschied fast alles aus.

Aschersleben Magdeburger Chaussee Bahnbetriebswerk 03
Foto: Migebert, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Warum die Idee gerade jetzt kommt

Befürworter argumentieren, dass längere Erholung die Beschäftigten motivierter und produktiver macht.

Sie verweisen darauf, dass mehr Arbeitszeit nicht von selbst mehr Leistung bedeutet.

In vielen Branchen laufen Versuche mit kürzeren Wochen, oft mit ermutigenden Rückmeldungen.

Gerade die junge Generation legt großen Wert auf ein Gleichgewicht von Arbeit und Leben.

Für einen Arbeitgeber mit Nachwuchssorgen ist das ein starkes Argument.

Die Bahn als Dauerbetrieb

Der Betrieb auf der Schiene läuft rund um die Uhr, an jedem Tag des Jahres.

Wer weniger Tage arbeitet, muss durch jemand anderen ersetzt werden, sonst steht der Zug.

Bei rund 223.000 Beschäftigten der Deutschen Bahn in Deutschland ist das eine gewaltige Rechnung.

Eine kürzere Woche ohne mehr Personal bedeutet entweder weniger Züge oder mehr Überstunden.

Genau hier trennt sich der schöne Gedanke von der harten Betriebsrealität.

Was die Tarifpartner schon vereinbart haben

Die Lokführergewerkschaft GDL hat kürzere Arbeitszeiten seit langem zu einem zentralen Ziel gemacht.

Schon in früheren Tarifrunden setzte sie Schritt für Schritt eine Absenkung der Wochenstunden durch.

Im Tarifabschluss von 2024 wurde für Beschäftigte im Schichtdienst eine weitere Verkürzung vereinbart.

Nach Angaben der Gewerkschaft können die Beschäftigten dabei zwischen mehr Freizeit und mehr Geld wählen.

Eine echte Vier-Tage-Woche ist das noch nicht, aber ein Schritt in Richtung kürzerer Arbeitszeit.

Das Sicherheitsargument

Wird dieselbe Arbeit auf vier Tage gepresst, werden die einzelnen Schichten länger.

Sehr lange Schichten sind bei einer Tätigkeit, die volle Konzentration verlangt, ein Risiko.

Für sicherheitsrelevante Berufe wie den Lokführer gibt es deshalb Grenzen für die Schichtlänge.

Eine Vier-Tage-Woche, die nur die Tage bündelt, kann diese Grenzen schnell berühren.

Eine echte Verkürzung der Arbeitszeit dagegen entlastet und erhöht die Sicherheit eher.

Personalgewinnung als Kern der Frage

Die Bahn konkurriert mit vielen anderen Arbeitgebern um dieselben knappen Fachkräfte.

Wer attraktive Arbeitszeiten bietet, hat es leichter, Nachwuchs zu finden und zu halten.

Weniger Krankheitstage und weniger Kündigungen können einen Teil der Kosten wieder ausgleichen.

Kurzfristig aber verschärft eine kürzere Woche den Mangel, weil dieselbe Arbeit auf weniger Stunden fällt.

Die Wette lautet, dass sich der Aufwand über gewonnene und gehaltene Beschäftigte auszahlt.

Was es kostet

Kürzere Arbeitszeit bei gleichem Lohn erhöht die Personalkosten je gefahrener Stunde.

Diese Kosten trägt am Ende die Bahn und damit mittelbar der Steuerzahler oder der Fahrgast.

Auf einem ohnehin angespannten Netz ist wenig Spielraum für teure Experimente.

Andererseits sind unbesetzte Stellen und ausgefallene Züge ebenfalls sehr teuer.

Die ehrliche Rechnung stellt beide Kosten nebeneinander.

Ein Modell mit Maß statt Versprechen für alle

Eine Vier-Tage-Woche muss nicht überall gleich aussehen, um zu wirken.

In der Werkstatt oder in der Verwaltung lässt sie sich leichter umsetzen als im rollenden Betrieb.

Wahlmodelle geben den Beschäftigten die Freiheit, selbst über Zeit oder Geld zu entscheiden.

So kann die Bahn attraktiver werden, ohne den Fahrplan zu gefährden.

Auch Teilzeit- und Wahlmodelle sind ein Weg, kürzere Arbeit Schritt für Schritt einzuführen.

Wichtig ist dabei, dass die Beschäftigten mitreden, wie ihre Dienste am Ende aussehen.

Eine kürzere Woche wirkt nur dann, wenn sie nicht zu Dauerstress an den verbleibenden Tagen führt.

Der Weg führt über kluge Modelle, nicht über ein pauschales Versprechen für alle auf einmal.

Was Versuche in anderen Branchen zeigen

In mehreren Ländern und Betrieben wurde die kürzere Arbeitswoche in den letzten Jahren erprobt.

Viele Teilnehmer berichteten von zufriedeneren, ausgeruhteren und motivierteren Beschäftigten.

Oft blieb die Leistung trotz weniger Stunden erstaunlich stabil.

Solche Ergebnisse lassen sich aber nicht ohne Weiteres auf einen laufenden Schichtbetrieb übertragen.

Ein Büro kann Arbeit auf morgen verschieben, ein fahrplanmäßiger Zug kann das nicht.

Die Erfahrungen sind also ein wertvoller Hinweis, aber kein fertiger Fahrplan für die Schiene.

Warum Verlässlichkeit so wichtig ist

Nichts schätzen Fahrgäste an der Bahn so sehr wie Verlässlichkeit.

Wer sich auf seinen Zug verlassen kann, plant seinen Tag mit ruhigem Gewissen.

Schon eine einzige Verspätung kann eine ganze Reisekette stören.

Deshalb arbeitet die Bahn mit großem Aufwand an einem stabilen Betrieb.

Pünktlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Schritte.

Am Ende ist Verlässlichkeit das wertvollste Versprechen der Bahn.

Zwischen Technik und Menschen

Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.

Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.

Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.

Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.

Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.

Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.

Die Bahn als Teil des Alltags

Für Millionen Menschen gehört die Bahn ganz selbstverständlich zum Tag dazu.

Sie bringt Pendler zur Arbeit, Schüler zur Schule und Familien zu Ausflügen.

Am Bahnsteig treffen sich für einen Moment die unterschiedlichsten Lebenswege.

Der eine liest, die andere telefoniert, ein Dritter döst vor sich hin.

So ist der Zug nicht nur ein Fahrzeug, sondern ein Stück gelebter Alltag.

Und genau das macht die Bahn zu einem so besonderen öffentlichen Ort.

Pro und Contra

Dafür

+  Eine kürzere Arbeitswoche macht die Bahn im Kampf um knappe Fachkräfte deutlich attraktiver.

+  Längere Erholung senkt Krankenstand und Kündigungen und kann die Kosten teilweise ausgleichen.

+  Eine echte Verkürzung der Arbeitszeit erhöht die Sicherheit in einem hochkonzentrierten Beruf.

+  Wahlmodelle lassen den Beschäftigten die Freiheit zwischen mehr Zeit und mehr Geld.

+  In Werkstätten und in der Verwaltung ist das Modell ohne Fahrplanrisiko umsetzbar.

+  Die Tarifpartner haben mit schrittweisen Verkürzungen bereits den Weg gewiesen.

Dagegen

−  Ein Netz, das rund um die Uhr läuft, braucht für jede freie Stunde Ersatzpersonal.

−  Ohne zusätzliche Fachkräfte bedeutet eine kürzere Woche weniger Züge oder mehr Überstunden.

−  Werden Stunden nur auf vier Tage gebündelt, wachsen die Schichten bis an die Sicherheitsgrenze.

−  Kürzere Arbeitszeit bei vollem Lohn erhöht die Kosten, die Fahrgast oder Steuerzahler tragen.

−  Kurzfristig verschärft das Modell genau den Personalmangel, den es lösen soll.

−  Ein pauschales Versprechen für alle passt nicht auf die sehr unterschiedlichen Dienste der Bahn.

Unterm Strich

Eine kürzere Woche ist ein starkes Mittel, um Menschen für die Schiene zu gewinnen.

Im Dauerbetrieb funktioniert sie aber nur mit genug Personal und mit Rücksicht auf die Sicherheit.

Kluge Wahlmodelle bringen mehr als ein gleiches Versprechen für jede Dienststelle.

Ob der Gewinn an Attraktivität die Kosten wert ist, entscheiden Sie.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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