Stimmt es, dass Züge in Deutschland ohne besondere Zugsicherung höchstens 160 km/h fahren dürfen?

Mythen

„Bei 160 zieht eine unsichtbare Linie durch den Fahrplan, jenseits derer das Auge des Lokführers allein nicht mehr reicht.“

Stimmt es, dass Züge in Deutschland ohne besondere Zugsicherung höchstens 160 km/h fahren dürfen?

→ Warum oberhalb von 160 km/h die Signale in den Führerstand wandern müssen.

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Führerstand Tacho Zug
Führerstand Tacho Zug. Foto: Wikiolo, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Kurz erklärt

Stimmt.

Grenze160 km/h mit allein punktförmiger Zugsicherung (PZB)
GrundSignale am Rand sind schneller nicht mehr sicher lesbar
LösungFührerstandssignal per LZB oder ETCS
FolgeErst damit sind 230 bis 300 km/h zulässig
FlaschenhalsOft die Streckentechnik, nicht das Fahrzeug

Der Mythos

Viele glauben, ein Zug dürfe überall einfach so schnell fahren, wie es die Technik gerade hergibt.

Doch ausgerechnet bei 160 Stundenkilometern liegt in Deutschland eine wichtige, feste Grenze.

Sie hat nichts mit der Leistung der Lok zu tun, sondern allein mit dem Blick des Menschen.

Und sie erklärt, warum viele Strecken ausgerechnet bei genau diesem Tempo enden.

Die kurze Antwort lautet daher: Ja, mit nur punktförmiger Sicherung ist bei 160 wirklich Schluss.

Wie der Lokführer Signale sieht

Normalerweise liest der Lokführer die Signale am Streckenrand mit dem bloßen Auge ab.

Ein Vorsignal kündigt dabei rechtzeitig an, was das nächste Hauptsignal zeigen wird.

So hat der Lokführer immer genug Weg, um vor einem Halt zeigenden Signal sicher zu bremsen.

Dieses bewährte System funktioniert, solange der Mensch die Signale sicher und rechtzeitig erkennen kann.

Genau hier liegt der eigentliche Knackpunkt der ganzen Geschichte.

Die PZB als Sicherheitsnetz

Unterstützt wird der Mensch durch die punktförmige Zugbeeinflussung, kurz PZB.

Diese Technik greift an einzelnen festen Punkten am Gleis ein, zum Beispiel kurz vor einem Signal.

An diesen Punkten prüft sie, ob der Lokführer korrekt und rechtzeitig reagiert hat.

Überfährt der Zug ein rotes Signal, bremst die PZB ihn selbsttätig und zwangsweise ab.

Zwischen diesen Punkten aber verlässt sich das System darauf, dass der Mensch die Signale im Blick behält.

Die PZB ist also ein Netz aus einzelnen Kontrollpunkten, kein lückenloser Begleiter über die ganze Strecke.

Warum bei 160 Schluss ist

Je schneller der Zug fährt, desto kürzer wird die Zeit, ein Signal zu erkennen und darauf zu reagieren.

Zugleich wird der Bremsweg mit steigendem Tempo immer länger.

Oberhalb von 160 Stundenkilometern reicht der Blick aus dem Fenster dafür nicht mehr sicher aus.

Deshalb ist mit allein punktförmiger Zugsicherung bei genau 160 die Obergrenze erreicht.

Wer schneller fahren will, braucht eine Technik, die den Zug lückenlos und ständig überwacht.

Diese Grenze ist also ganz bewusst gewählt und keineswegs eine zufällige Zahl.

Hauptsignal Bahnstrecke
Hauptsignal Bahnstrecke. Foto: Michael Smolarczik, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Signale im Führerstand

Oberhalb dieser Grenze werden die Fahrbefehle deshalb direkt in den Führerstand übertragen.

Der Lokführer schaut dann auf eine Anzeige im Zug statt auf Signale am Streckenrand.

In Deutschland leistet das klassisch die linienförmige Zugbeeinflussung mit dem Kürzel LZB.

Künftig übernimmt diese Aufgabe mehr und mehr das einheitliche europäische System ETCS.

Erst mit solcher Technik sind die bekannten 230, 250 oder 300 Stundenkilometer überhaupt zulässig.

Auf den schnellen Neubaustrecken ist diese Führerstandssignalisierung deshalb längst Standard.

Ein Blick auf die Strecke

Viele deutsche Hauptstrecken sind genau für 160 Stundenkilometer ausgelegt.

Dort fahren moderne Züge, die technisch deutlich schneller könnten, trotzdem nur 160.

Erst die eigens ausgerüsteten Neu- und Ausbaustrecken erlauben das volle Tempo.

So entsteht der scheinbare Widerspruch zwischen schnellem Zug und begrenztem Fahrplan.

Die Grenze liegt also an der Strecke, nicht am Fahrzeug.

Warum Tempo und Bremsweg zusammenhängen

Ein Zug ist schwer und lässt sich nicht so schnell abbremsen wie ein Auto.

Je höher das Tempo, desto länger wird der Weg bis zum Stillstand.

Zugleich schrumpft die Zeit, ein Signal überhaupt zu erkennen.

Beides zusammen macht das Fahren allein auf Sicht schnell unmöglich.

Ab einem gewissen Tempo reicht die menschliche Reaktion einfach nicht mehr aus.

Genau an diesem Punkt setzt die feste Grenze von 160 an.

Ein weit verbreitetes Missverständnis

Viele glauben, ein moderner Zug fahre ganz automatisch sein Spitzentempo.

Tatsächlich entscheidet oft die Strecke über das erlaubte Tempo.

Ein schneller Zug auf einer alten Strecke bleibt zwangsläufig langsam.

Umgekehrt holt dieselbe Technik auf der Neubaustrecke das volle Tempo heraus.

Nicht das Fahrzeug, sondern die Ausrüstung der Strecke ist entscheidend.

Das erklärt viele scheinbar unlogische Stellen im Fahrplan.

Was davon im Alltag zählt

Die Grenze bei 160 erklärt, warum viele Strecken trotz schneller Züge bei genau diesem Tempo enden.

Nicht die Lok ist dann der Flaschenhals, sondern die Sicherungstechnik der Strecke.

Eine schnellere Fahrt ist oft nur eine Frage der Ausrüstung, nicht der Leistung der Fahrzeuge.

Wer sich über ein scheinbar niedriges Tempo auf freier Strecke wundert, kennt jetzt den Grund.

Der Mythos vom freien Tempo nach Belieben stimmt also nicht.

Merke: Bei 160 gibt nicht der Motor auf, sondern das menschliche Auge zieht die Grenze.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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