Standpunkt
„Nächster Halt unter dem Monte Ceneri: fünfzehn Kilometer schnurgerade statt mühsam über den Berg.“
War der Bau des Ceneri-Basistunnels gerechtfertigt?
→ Ein Standpunkt zum Ceneri-Basistunnel im Tessin und zur Frage, ob sich das Milliardenbauwerk gelohnt hat.
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Worum es geht
Ja. Der Tunnel vollendet die Schweizer Flachbahn durch die Alpen und bringt zugleich dem Regionalverkehr im Tessin einen spürbaren Gewinn.
Zwischen Bellinzona und Lugano schob sich die Bahn früher mühsam über den Pass am Monte Ceneri.
Seit Ende 2020 unterquert sie den Höhenzug auf einer fast ebenen Strecke tief im Berg.
Die Frage ist, ob der Ceneri-Basistunnel die hohen Kosten dieses Durchbruchs wert war.

Was der Ceneri-Basistunnel ist
Der Ceneri-Basistunnel ist ein rund 15,4 Kilometer langer, zweigleisiger Eisenbahntunnel im Schweizer Kanton Tessin.
Er entstand im Rahmen des Schweizer Bahnprojekts Neue Eisenbahn-Alpentransversale, kurz NEAT.
Der offizielle Spatenstich fand 2006 statt, die Eröffnung erfolgte am 4. September 2020.
Den regulären Betrieb nahm der Tunnel am 13. Dezember 2020 auf.

Das letzte Stück der Flachbahn
Die NEAT folgt der Idee einer Flachbahn, die die Alpen möglichst eben und ohne steile Rampen quert.
Der Ceneri-Basistunnel dient dem größeren Gotthard-Basistunnel als südlicher Zubringer.
Erst zusammen ergeben beide Tunnel eine durchgehend flache Achse von Norden bis an die italienische Grenze.
Ohne den Ceneri wäre die Flachbahn an ihrem südlichen Ende unvollständig geblieben.
Nutzen für den Güterverkehr
Flache Strecken erlauben längere und schwerere Güterzüge mit nur einer Lokomotive statt mit zusätzlichen Schiebeloks.
Das senkt die Kosten je Tonne und macht die Schiene gegenüber dem Lastwagen wettbewerbsfähiger.
Der Tunnel ist Teil des Nord-Süd-Korridors zwischen den Nordseehäfen und Norditalien.
Die Schweiz verfolgt seit Jahren das Ziel, mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern.
Gewinn für den Tessiner Alltag
Anders als der reine Transittunnel am Gotthard kommt der Ceneri ausdrücklich auch dem Regionalverkehr zugute.
Die Fahrzeiten zwischen den Tessiner Zentren sind deutlich kürzer geworden.
Das ermöglichte den Ausbau eines dichteren Nahverkehrs im Raum Locarno, Bellinzona und Lugano.
Damit wirkt das Milliardenbauwerk nicht nur für den Fernverkehr, sondern auch vor der eigenen Haustür.
Bauzeit und Kosten
Von der ursprünglich für 2019 geplanten Inbetriebnahme rutschte der Termin 2015 auf Ende 2020.
Große Tunnelprojekte sind grundsätzlich mit erheblichen finanziellen Risiken und langen Bauzeiten verbunden.
Der Ceneri-Basistunnel reiht sich in eine Kette teurer Alpendurchstiche ein, die die Schweiz über Jahrzehnte finanziert hat.
Solche Summen binden Mittel, die an anderer Stelle im Verkehrsnetz fehlen können.
Teil einer langfristigen Strategie
Die Schweiz hat die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs auf die Schiene sogar in Volksabstimmungen verankert.
Die NEAT ist das Rückgrat dieser Politik und der Ceneri ihr südlicher Schlussstein.
Ein solches Vorhaben lässt sich nicht an einzelnen Jahren, sondern nur über Jahrzehnte beurteilen.
Der Nutzen wächst mit jedem Zug, der die flache Achse über die kommenden Generationen nutzt.
Was Kritiker einwenden
Kritiker verweisen auf die hohen Kosten und fragen, ob der regionale Nutzen allein den Aufwand gerechtfertigt hätte.
Der volle Vorteil für den Güterverkehr hängt zudem davon ab, dass auch die Zulaufstrecken in Italien und Deutschland ausgebaut werden.
Solange die Nachbarländer ihre Anschlüsse nicht ertüchtigen, bleibt ein Teil der Kapazität ungenutzt.
Der Tunnel allein garantiert also noch keine volle Verlagerung auf die Schiene.
Eine Bilanz nach wenigen Jahren
Für eine endgültige Bewertung ist die Betriebszeit seit Ende 2020 noch recht kurz.
Schon jetzt zeigt sich aber, dass der Tunnel sowohl den Transit als auch den Nahverkehr stärkt.
Er schließt eine jahrzehntelange Lücke in der Schweizer Alpenstrategie.
Gemessen an diesem langfristigen Ziel wirkt der Bau gut begründet.
Warum Verlässlichkeit so wichtig ist
Nichts schätzen Fahrgäste an der Bahn so sehr wie Verlässlichkeit.
Wer sich auf seinen Zug verlassen kann, plant seinen Tag mit ruhigem Gewissen.
Schon eine einzige Verspätung kann eine ganze Reisekette stören.
Deshalb arbeitet die Bahn mit großem Aufwand an einem stabilen Betrieb.
Pünktlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Schritte.
Am Ende ist Verlässlichkeit das wertvollste Versprechen der Bahn.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
Die Bahn als Teil des Alltags
Für Millionen Menschen gehört die Bahn ganz selbstverständlich zum Tag dazu.
Sie bringt Pendler zur Arbeit, Schüler zur Schule und Familien zu Ausflügen.
Am Bahnsteig treffen sich für einen Moment die unterschiedlichsten Lebenswege.
Der eine liest, die andere telefoniert, ein Dritter döst vor sich hin.
So ist der Zug nicht nur ein Fahrzeug, sondern ein Stück gelebter Alltag.
Und genau das macht die Bahn zu einem so besonderen öffentlichen Ort.
Pro und Contra
Dafür
+ Der Tunnel vollendet die flache Alpenachse und macht sie durchgehend für schwere Güterzüge nutzbar.
+ Flache Strecken sparen Schiebeloks und senken die Kosten im Güterverkehr.
+ Der Regionalverkehr im Tessin profitiert mit kürzeren Fahrzeiten und dichterem Takt.
+ Das Projekt stützt die in Volksabstimmungen verankerte Verlagerung von der Straße auf die Schiene.
+ Als südlicher Zubringer macht er den Nutzen des Gotthard-Basistunnels erst vollständig.
+ Der Tunnel wirkt über Generationen und entlastet langfristig die Alpentäler vom Lastwagenverkehr.
Dagegen
− Der Bau verschlang über viele Jahre erhebliche Milliardensummen.
− Diese Mittel fehlen womöglich für andere Verkehrsprojekte.
− Der volle Güternutzen hängt vom Ausbau der Zulaufstrecken in den Nachbarländern ab.
− Die Inbetriebnahme verzögerte sich gegenüber der ursprünglichen Planung um rund ein Jahr.
− Große Tunnelprojekte tragen stets das Risiko von Kostensteigerungen.
− Ob der regionale Nutzen allein den Aufwand gerechtfertigt hätte, bleibt umstritten.
Unterm Strich
Der Ceneri-Basistunnel ist mehr als ein teures Loch im Berg, er ist der Schlussstein einer langfristigen Strategie.
Er verbindet den Nutzen für den europäischen Güterverkehr mit einem echten Gewinn für den Tessiner Alltag.
Die hohen Kosten sind real, doch sie fügen sich in ein über Jahrzehnte verfolgtes und demokratisch bestätigtes Ziel.
Gemessen daran war der Bau gerechtfertigt, auch wenn sein voller Wert erst in den kommenden Jahrzehnten sichtbar wird.
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