Stimmt es, dass …?
„Nächster Halt Karaköy, Umstieg in die älteste Standseilbahn Europas, Vorsicht bei der kurzen, steilen Fahrt bergauf.“
Stimmt es, dass in Istanbul seit 1875 eine der ältesten Untergrundbahnen fährt?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Der Istanbuler Tünel fährt tatsächlich seit 1875 und gilt nach der Londoner U-Bahn als zweitälteste Untergrundbahn der Welt. Er ist allerdings keine gewöhnliche U-Bahn, sondern eine kurze, unterirdische Standseilbahn mit nur zwei Stationen.
In Istanbul verschwindet an der Hafenseite ein unscheinbarer Eingang im Häusermeer.
Dahinter wartet eine Bahn, die älter ist als fast alle anderen Untergrundbahnen der Welt.
Ob sie wirklich seit 1875 fährt und ob der Titel U-Bahn stimmt, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
1875
17. Januar
feierliche Eröffnung
606,5 m
Streckenlänge
nur zwei Stationen
61,55 m
Höhenunterschied
in parabolischer Kurve
Die eigentliche Bergfahrt zwischen den beiden Haltestellen dauert nur etwa anderthalb Minuten.
Was der Tünel wirklich ist
Der Tünel ist eine unterirdisch verlaufende Standseilbahn im europäischen Teil von Istanbul.
Er verbindet das Hafenviertel Karaköy am Goldenen Horn mit dem höher gelegenen Stadtteil Beyoğlu, dem früheren Pera.
Zwischen den beiden Stationen gibt es keinen Zwischenhalt, denn die Strecke führt am Stück durch einen Tunnel.
Eine U-Bahn ist er nur in dem Sinne, dass er unter der Erde fährt, angetrieben wird er wie eine klassische Seilbahn.

Warum er als zweitälteste U-Bahn gilt
Nach der 1863 eröffneten London Underground gilt der Tünel als zweitälteste Untergrundbahn der Welt.
Er ging am 17. Januar 1875 feierlich in Betrieb.
Damit ist er älter als die allermeisten U-Bahnen in Europa und auf anderen Kontinenten.
Zugleich gilt er als die älteste dauerhaft bestehende Standseilbahn Europas.
Die ältere Budavári Sikló in Budapest war zwischenzeitlich außer Betrieb und verliert diesen Titel deshalb.
Gut zu wissen
Der Tünel liegt an der Station Karaköy nahe der Galata-Brücke und ist bis heute in das Ticketsystem des Istanbuler Nahverkehrs eingebunden.
Wer oben aussteigt, steht nur wenige Schritte von der langen Fußgängerstraße İstiklal Caddesi und dem Viertel um den Galata-Turm entfernt.
Eine Idee aus dem Jahr 1867
Die Geschichte der Bahn beginnt schon Jahre vor ihrer Eröffnung.
Im Jahr 1867 stellte der französische Ingenieur Eugène-Henri Gavand fest, dass eine schnelle Verbindung zwischen Pera und dem Ufer am Goldenen Horn fehlte.
Der steile Anstieg zu Fuß kostete die Menschen viel Zeit und Kraft.
Gavand fand schließlich einen ausländischen Investor für sein Vorhaben.
Der Bau des Tunnels
Für die Bahn wurde ein rund 573 Meter langer Tunnel in den Hügel getrieben.
Das Unternehmen trug den langen Namen The Metropolitan Railway of Constantinople from Galata to Pera.
Die Bauarbeiten konnten im Dezember 1874 abgeschlossen werden.
Nach ersten Testfahrten folgte die feierliche Eröffnung im Januar 1875.
Wie die Bahn den Berg bezwingt
Die Strecke ist 606,5 Meter lang und überwindet dabei 61,55 Höhenmeter.
Sie steigt nicht geradlinig an, sondern in einer parabolischen Kurve.
Zwei Wagen hängen an einem Seil und gleichen sich beim Fahren gegenseitig aus.
Der eine Wagen fährt bergauf, während der andere zur gleichen Zeit bergab rollt.
Von der Dampfmaschine zum Strom
Zu Beginn trieb eine Dampfmaschine das Seil der Bahn an.
Der Schornstein gegenüber der oberen Station und die alte Dampfmaschine sind bis heute erhalten.
Später wurde die Anlage auf elektrischen Antrieb umgestellt.
Die elektrisch betriebenen Wagen leisteten rund 257 Kilowatt.
Betrieb und Fahrgäste
Heute betreibt die Istanbuler Nahverkehrsgesellschaft İETT die kleine Bahn.
Das Kürzel steht für Istanbul Elektrik Tramvay ve Tünel und entstand im Jahr 1939.
Pro Fahrt konnten bis zu 170 Personen befördert werden.
Die kurze Bergfahrt dauert dabei nur etwa anderthalb Minuten.
Eine der kürzesten U-Bahnen der Welt
Mit nur zwei Stationen gehört der Tünel zu den kürzesten Untergrundbahnen überhaupt.
Er ersetzt im Grunde einen anstrengenden Fußweg den Hang hinauf.
Oben schließt die nostalgische Straßenbahn auf der İstiklal-Straße an, der bekannten Flaniermeile Richtung Taksim.
So reiht sich die kleine Bahn in ein ganzes Nahverkehrsnetz ein.
Was oft falsch verstanden wird
Viele stellen sich unter einer zweitältesten U-Bahn lange Tunnelstrecken mit vielen Bahnhöfen vor.
Der Tünel ist aber technisch eine Standseilbahn und keine U-Bahn im heutigen Sinn.
Der Titel bezieht sich nur darauf, dass er früh und unter der Erde gebaut wurde.
Wer genau unterscheidet, spricht deshalb lieber von einer unterirdischen Standseilbahn.
Das Fazit
Der Istanbuler Tünel fährt tatsächlich seit 1875 und zählt damit zu den ältesten Untergrundbahnen der Welt.
Die Behauptung stimmt also, wenn man den Begriff U-Bahn großzügig versteht.
Streng genommen handelt es sich um eine kurze, unterirdische Standseilbahn mit zwei Stationen.
Als lebendiges Stück Verkehrsgeschichte bleibt die kleine Bahn in jedem Fall bemerkenswert.
Zwischen Technik und Menschen
Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.
Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.
Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.
Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.
Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.
Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.
Warum Verlässlichkeit so wichtig ist
Nichts schätzen Fahrgäste an der Bahn so sehr wie Verlässlichkeit.
Wer sich auf seinen Zug verlassen kann, plant seinen Tag mit ruhigem Gewissen.
Schon eine einzige Verspätung kann eine ganze Reisekette stören.
Deshalb arbeitet die Bahn mit großem Aufwand an einem stabilen Betrieb.
Pünktlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Schritte.
Am Ende ist Verlässlichkeit das wertvollste Versprechen der Bahn.
