Sollten Städte mehr unterirdische Kehranlagen für die S-Bahn bauen?

Standpunkt

„Dieser Zug endet hier und fährt gleich zurück — die Kehranlage macht es möglich.“

Sollten Städte mehr unterirdische Kehranlagen für die S-Bahn bauen?

→ Ein Standpunkt zu Wendeanlagen im Nahverkehr.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Ja, aber gezielt. Wo S-Bahnen eng takten, verkürzen eigene Kehrgleise die Zugfolge spürbar; flächendeckend lohnt der Tunnel aber nicht.

Eine S-Bahn, die am Endbahnhof hält, muss ihre Fahrtrichtung umkehren, bevor sie zurück ins Netz fährt.

Geschieht das direkt am Bahnsteig, blockiert der Zug das Gleis, solange der Fahrer den Führerstand wechselt.

Eine eigene Kehranlage hinter dem Bahnsteig verlegt dieses Wenden aus dem Weg der nächsten Züge.

Herrenberg bahnhof1
Foto: JuergenG, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Was eine Kehranlage leistet

Eine Wendeanlage, auch Kehranlage genannt, ermöglicht es einem Zug, auf derselben Strecke zurückzufahren, auf der er angekommen ist.

Dafür dienen meist ein- oder mehrgleisige Stumpfgleise hinter dem Endbahnhof, seltener Umsetz- oder Schleifengleise.

Der Zug fährt nach dem Fahrgastwechsel in das Kehrgleis, der Fahrer wechselt den Führerstand, und von dort geht es zurück an den Bahnsteig.

Bei Streckenendpunkten sind üblicherweise alle Kehrgleise von allen Bahnsteiggleisen aus erreichbar.

Zugdurchfahrt am Stumpfgleis 1
Foto: Sebastian Rittau, CC0, via Wikimedia Commons

Warum das Wenden am Bahnsteig bremst

Kehrt ein Zug direkt am Bahnsteig, belegt er das Gleis für die gesamte Dauer des Führerstandswechsels.

In dieser Zeit kann kein nachfolgender Zug einfahren, was die mögliche Zugfolge auf der ganzen Linie begrenzt.

Wird dagegen in einem separaten Kehrgleis gewendet, verkürzt sich die Zugfolgezeit gegenüber dem Kehren am Bahnsteig.

Während ein Zug im Kehrgleis steht, können am Bahnsteig bereits weitere Züge verkehren.

Gerade im dichten S-Bahn-Takt entscheidet dieser Unterschied darüber, wie viele Fahrten pro Stunde überhaupt möglich sind.

Warum Städte in den Untergrund gehen

An oberirdischen Endbahnhöfen lassen sich Kehrgleise oft einfach hinter dem Bahnsteig anlegen, wenn Platz vorhanden ist.

In dicht bebauten Innenstädten fehlt dieser Platz an der Oberfläche fast immer.

Eine unterirdische Kehranlage nutzt den Raum unter Straßen und Gebäuden, ohne dass oben Flächen frei werden müssen.

Dadurch lässt sich eine S-Bahn-Linie auch dort stabil wenden, wo an der Oberfläche kein Meter zu holen ist.

Was der Tunnelbau kostet

Unterirdische Gleisanlagen sind deutlich teurer als oberirdische, weil Tunnel, Rettungswege und Lüftung dazukommen.

Der Bau greift tief in den Untergrund ein und muss mit Leitungen, Grundwasser und der Statik der Nachbargebäude abgestimmt werden.

Solche Projekte binden über Jahre Planung und Geld, bevor der erste Zug darin wendet.

Ob sich der Aufwand lohnt, hängt davon ab, wie viele zusätzliche Fahrten die Anlage am Ende ermöglicht.

Wo sich der Aufwand rechnet

Am größten ist der Nutzen dort, wo eine Linie bereits an ihrer Kapazitätsgrenze fährt.

Verkürzt eine Kehranlage die Wendezeit, lassen sich ohne neue Strecke mehr Züge je Stunde einlegen.

Auf schwach ausgelasteten Ästen bringt dieselbe Anlage dagegen kaum mehr Fahrgäste.

Die Frage ist deshalb nicht, ob Kehranlagen nützlich sind, sondern an welchen Endpunkten sie den Engpass wirklich lösen.

Nicht jede Wende braucht ein Gleis

Straßenbahnen wenden häufig in Wendeschleifen, in denen der Zug im Bogen fährt und gar keinen Führerstandswechsel braucht.

Solche Schleifen verlangen aber viel Fläche und Einrichtungsfahrzeuge mit Türen nur auf einer Seite.

S- und U-Bahnen setzen stattdessen fast immer auf Stumpfgleise, weil ihre Zweirichtungsfahrzeuge in beide Richtungen fahren können.

Im Untergrund ist das Stumpfgleis ohnehin die einzige praktikable Form, weil eine Schleife enorm viel Platz verschlänge.

Die Alternative: Linien durchbinden

Statt am Endbahnhof zu wenden, können Linien auch durch die Innenstadt hindurch verbunden werden.

Dann endet keine Fahrt, und das kapazitätszehrende Wenden entfällt ganz.

Dieses Durchbinden braucht aber eine durchgehende Strecke und passt nicht zu jedem Netz.

Wo es keine Durchbindung gibt, bleibt die Kehranlage die naheliegende Lösung.

Betrieb und Störungen

Ein eigenes Kehrgleis ist auch ein Puffer, in dem ein verspäteter Zug ohne Bahnsteigsperre abgefangen werden kann.

Fällt ein Zug aus, kann ein anderer aus der Anlage kurzfristig die Lücke füllen.

Zugleich ist jede zusätzliche Weiche ein Bauteil, das gewartet werden muss und im Störfall selbst ausfallen kann.

Der Betrieb gewinnt also an Spielraum, muss aber mehr Technik pflegen.

Wie man richtig entscheidet

Eine Kehranlage ist kein Prestigeobjekt, sondern ein Werkzeug gegen einen konkreten Engpass.

Sinnvoll ist sie dort, wo eine dicht befahrene Linie am Endpunkt ausgebremst wird und keine Durchbindung möglich ist.

Wo Platz, Takt und Nachfrage das hergeben, zahlt sich auch der teure Tunnel aus.

Wo nur eine einzelne Fahrt pro Stunde endet, wäre das Geld anderswo besser angelegt.

Was die Fahrgäste davon haben

Am Ende zählt für den Fahrgast vor allem eines: sicher und pünktlich anzukommen.

Jede kleine Verbesserung im Betrieb macht seine Reise ein wenig angenehmer.

Ein sauberer Zug und eine klare Anzeige nehmen ihm Sorge und Hektik.

Ein freundlicher Halt bleibt oft länger in Erinnerung als die Fahrt selbst.

So entsteht aus vielen Einzelheiten am Ende ein rundes Reiseerlebnis.

Und wer sich gut aufgehoben fühlt, steigt beim nächsten Mal gern wieder ein.

Warum sich der Blick aufs Detail lohnt

Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.

Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.

Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.

Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.

Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.

Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.

Die Bahn und der Klimaschutz

Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.

Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.

Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.

Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.

Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.

Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.

Pro und Contra

Dafür

+  Eigene Kehrgleise verkürzen die Zugfolgezeit und erlauben mehr Fahrten pro Stunde.

+  Das Wenden blockiert nicht mehr den Bahnsteig für nachrückende Züge.

+  Unterirdische Anlagen schaffen Wendemöglichkeiten dort, wo an der Oberfläche kein Platz ist.

+  Als Puffer helfen sie, Verspätungen und Ausfälle abzufangen.

+  Mehr Takt ohne neue Strecke macht den Nahverkehr attraktiver.

+  Reservegleise erlauben es, kurzfristig zusätzliche Züge einzusetzen.

Dagegen

−  Tunnelbauten für Kehrgleise sind sehr teuer und dauern lange.

−  Auf schwach ausgelasteten Linien bringt die Anlage kaum zusätzlichen Nutzen.

−  Jede neue Weiche muss gewartet werden und kann selbst stören.

−  Oft lässt sich derselbe Effekt günstiger durch Durchbinden der Linien erreichen.

−  Der Eingriff in den Untergrund ist aufwendig und konfliktträchtig.

−  Das Geld fehlt möglicherweise für dringendere Engpässe im Netz.

Unterm Strich

Kehranlagen sind ein stilles, aber wirksames Mittel, um eine S-Bahn dichter fahren zu lassen.

Unter der Erde lohnen sie sich vor allem an überlasteten Endpunkten mitten in der Stadt.

Pauschal überall zu graben wäre dagegen Verschwendung.

Richtig platziert holen sie mehr Takt aus dem vorhandenen Netz heraus — und genau das ist ihr Wert.

Weiterfahrt

→ Zurück zum Finder

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →