Sollte man erst aussteigen lassen, bevor man einsteigt?

Standpunkt

„Sehr geehrte Fahrgäste, bitte lassen Sie erst aussteigen. Danke, dass Sie trotzdem schon in der Tür stehen.“

Sollte man erst aussteigen lassen, bevor man einsteigt?

→ Ein Standpunkt zu Höflichkeit, Haltezeit und der Frage, wie man gutes Benehmen organisiert.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Ja. Wer erst aussteigen lässt, macht Platz und spart am Ende allen Zeit, auch sich selbst. Der kurze Moment des Wartens verkürzt den Halt und verhindert das Gedränge in der Tür. Erzwingen lässt sich Höflichkeit nur schwer, doch Markierungen und ein freundlicher Hinweis wirken oft besser als jede Regel.

Die Türen öffnen sich, und schon schiebt sich die wartende Menge nach vorn.

Wer aussteigen will, drängt gegen den Strom derer, die hinein wollen.

In der Tür treffen zwei Richtungen aufeinander, und niemand kommt richtig vom Fleck.

Dabei wäre die Lösung so alt wie die Eisenbahn selbst: erst raus, dann rein.

Nur hält sich längst nicht jeder daran.

Unterbalbach Bhf Stationsnamen
Foto: W-R-Hesse-Fotos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das Nadelöhr Tür

Die Tür eines Zuges ist der engste Punkt der ganzen Reise.

Durch sie müssen in wenigen Sekunden alle hindurch, die aussteigen, und alle, die einsteigen wollen.

Treffen beide Ströme gleichzeitig aufeinander, blockieren sie sich gegenseitig.

Was wie ein kleiner Rempler aussieht, kostet den ganzen Zug wertvolle Sekunden.

I20 690 Bf Wittenberg Hbf, Bahnsteig 5, 6 Ri Falkenberg
Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum erst aussteigen allen hilft

Eine freie Tür füllt sich schneller als eine umkämpfte.

Lässt man die Aussteigenden zuerst heraus, ist der Weg nach einem Augenblick frei für alle anderen.

Der vermeintliche Zeitverlust durch Warten ist in Wahrheit ein Zeitgewinn für die ganze Gruppe.

Wer sich vordrängt, verlangsamt am Ende auch die eigene Fahrt.

Die Haltezeit entscheidet mit

Jeder Halt ist im Fahrplan nur mit wenigen Sekunden bis Minuten eingeplant.

Bleibt ein Zug länger stehen, weil sich die Türen stauen, wächst die Verspätung von Station zu Station.

Besonders im dichten S-Bahn-Takt summieren sich solche Verzögerungen schnell auf.

Ein geordneter Türwechsel ist damit nicht nur höflich, sondern auch pünktlich.

Warum die Regel so oft scheitert

In überfüllten Zügen fürchten viele, sonst keinen Platz mehr zu bekommen.

Wer am Bahnsteig ganz vorn steht, will seinen Vorsprung nicht hergeben.

Und niemand kontrolliert, ob sich die Menge an die ungeschriebene Regel hält.

So wird aus einer einfachen Idee im Alltag oft ein Gedränge.

Was anderswo hilft

In einigen Städten markieren Pfeile auf dem Bahnsteig, wo man wartet und wo man geht.

Getrennte Felder für das Ein- und Aussteigen lenken die Ströme, bevor sie sich treffen.

Freundliche Durchsagen erinnern im richtigen Moment an die Reihenfolge.

Solche Hinweise wirken erfahrungsgemäß besser als strenge Verbote.

Wenn Rücksicht an Grenzen stößt

Nicht jeder kann warten, etwa wer mit Kinderwagen, Rollstuhl oder schwerem Gepäck unterwegs ist.

Für sie zählt weniger die Reihenfolge als ein kurzer, ungestörter Weg durch die Tür.

Auch der Anschlusszug auf dem Nachbargleis kann jede Sekunde wichtig machen.

Eine starre Regel würde diesen Fällen nicht gerecht.

Eine Frage der Rücksicht

Am Ende ist das Aussteigen vor dem Einsteigen keine Vorschrift, sondern ein Versprechen aneinander.

Wer kurz wartet, schenkt dem anderen einen freien Weg und bekommt ihn selbst zurück.

Dieses stille Abkommen funktioniert nur, wenn die meisten mitmachen.

Es ist die kleinste Form von Verkehrsplanung, die jeder selbst übernehmen kann.

Der Zug als umweltfreundliche Wahl

Wer mit dem Zug fährt, entscheidet sich fast immer für die grünere Variante.

Die Schiene führt viele Menschen gleichzeitig mit wenig Energie ans Ziel.

Sie braucht weniger Fläche als eine Autobahn und zerschneidet die Landschaft weniger.

Auch in der Stadt hält die Bahn die Luft sauberer und die Straßen freier.

Jeder Umstieg vom Auto in den Zug ist ein Gewinn für die Umwelt.

So verbindet die Bahn das Reisen mit einem guten Gewissen.

Von der Dampflok bis heute

Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.

Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.

Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.

Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.

Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.

Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.

Zwischen Technik und Menschen

Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.

Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.

Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.

Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.

Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.

Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.

Pro und Contra

Dafür

+  Eine freie Tür füllt sich schneller, also spart die Regel allen Beteiligten Zeit.

+  Kürzere Türwechsel halten den Zug im Fahrplan und verhindern Folgeverspätungen.

+  Das Gedränge in der Tür wird entschärft, was Stürze und Streit vermeidet.

+  Die Regel ist einfach, kostenlos und von jedem sofort umsetzbar.

+  Markierungen und Durchsagen können sie sanft unterstützen, ohne jemanden zu gängeln.

+  Rücksicht am Bahnsteig macht das Reisen für alle angenehmer.

Dagegen

−  Höflichkeit lässt sich nicht verordnen, und ohne Kontrolle bleibt es beim guten Willen.

−  In überfüllten Zügen fürchten viele zu Recht, sonst keinen Platz mehr zu finden.

−  Starre Vorgaben werden Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Anschlussstress nicht gerecht.

−  Zusätzliche Markierungen und Ansagen kosten Geld und verstellen womöglich den Bahnsteig.

−  Wo der Bahnsteig eng ist, lässt sich der Warteplatz gar nicht sinnvoll trennen.

−  Manche empfinden erhobene Zeigefinger am Morgen als übergriffig.

Unterm Strich

Erst aussteigen, dann einsteigen ist die älteste und einfachste Regel am Bahnsteig.

Sie spart messbar Zeit und entschärft das gefährlichste Nadelöhr der ganzen Reise.

Erzwingen lässt sie sich nicht, aber mit Markierungen und freundlichen Worten lässt sie sich pflegen.

Am Ende ist sie weniger Vorschrift als ein kleines Versprechen, das sich für alle auszahlt.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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