Standpunkt
„Sehr geehrte Fahrgäste, der neue ICE L fährt ebenerdig hinein, aber vorerst mit geliehener Lok und gedrosseltem Tempo.“
Sollte die Bahn mehr niederflurige ICE L bei Talgo bestellen?
→ Ein Standpunkt zu einem neuen Fernzug, der barrierefrei einsteigen lässt, dessen Technik aber noch nicht vollständig geliefert ist.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt
Worum es geht
Ja, aber nicht blind. Der ICE L bringt mit seinem niederflurigen, barrierefreien Einstieg einen echten Komfortgewinn und eignet sich gut für Strecken ohne Hochgeschwindigkeit. Bevor die Bahn große Nachbestellungen auslöst, sollten die neuen Züge im Alltag aber zeigen, dass sie zuverlässig laufen und die versprochene Technik vollständig liefert.
Seit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2025 fährt bei der Deutschen Bahn ein neuer Fernzug.
Der ICE L ist zunächst zwischen Berlin und Köln unterwegs.
Anders als die bekannten ICE-Triebzüge wird er von einer Lokomotive gezogen.
Sein Buchstabe L steht für low floor, also für einen niederflurigen Einstieg.
Das soll das Ein- und Aussteigen für alle Fahrgäste erleichtern.
Nun stellt sich die Frage, ob die Bahn viele weitere dieser Züge bestellen sollte.

Was der ICE L ist
Der ICE L ist ein lokomotivbespannter Wendezug von DB Fernverkehr für den ICE-Verkehr.
Seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei 230 Kilometern pro Stunde.
Bis 2021 lief das Projekt noch unter dem Namen ECx.
Der spanische Hersteller Talgo ordnet die Wagen seiner Plattform Talgo 230 zu.
Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2025 nahm der Zug seinen regulären Betrieb auf.

Der niederflurige Einstieg
Der Buchstabe L steht für den englischen Begriff low floor, also Niederflur.
Die Züge sind barrierefrei gestaltet.
Ein niedriger Einstieg erleichtert Menschen mit Rollstuhl, Kinderwagen oder Gepäck das Einsteigen.
Das Umsteigen vom Bahnsteig in den Zug wird dadurch flacher.
Bei den vielen verschiedenen Bahnsteighöhen in Deutschland kann das ein Vorteil sein.
Die offene Baustelle bei den Lokomotiven
Als Teil der Bestellung liefert Talgo neu entwickelte, mehrsystemfähige Lokomotiven der Baureihe 105.
Diese standen zum Betriebsstart jedoch noch nicht zur Verfügung.
Ersatzweise ziehen gemietete Vectron-Lokomotiven die Züge.
Deren Höchstgeschwindigkeit liegt mit 200 Kilometern pro Stunde unter den vorgesehenen 230.
Bis die eigentlichen Loks kommen, fährt der ICE L also langsamer als geplant.
Wofür sich der Zug eignet
Mit 230 Kilometern pro Stunde ist der ICE L kein Hochgeschwindigkeitszug.
Auf schnellen Neubaustrecken spielt er seine Stärken nicht aus.
Auf Strecken ohne durchgehendes Hochgeschwindigkeitstempo passt er dagegen gut.
Dort zählen Komfort, Kapazität und ein bequemer Einstieg mehr als die Spitzengeschwindigkeit.
Auch grenzüberschreitende Verbindungen gelten als mögliches Einsatzfeld.
Der Reiz der lokbespannten Bauart
Ein lokbespannter Wendezug trennt Antrieb und Wagen voneinander.
Einzelne Wagen lassen sich so vergleichsweise einfach tauschen oder ergänzen.
Fällt die Lok aus, bleibt der Wagenpark unberührt.
Zugleich ist ein Triebzug oft leichter und sparsamer im Betrieb.
Welche Bauart besser ist, hängt stark vom Einsatzzweck ab.
Warum Vorsicht sinnvoll ist
Neue Zugtypen haben erfahrungsgemäß in den ersten Jahren Kinderkrankheiten.
Die noch fehlenden Lokomotiven zeigen, dass die Technik nicht vollständig geliefert ist.
Große Nachbestellungen binden Geld über viele Jahre.
Zuverlässigkeit lässt sich erst im täglichen Betrieb beurteilen.
Eine Flotte aus zu vielen verschiedenen Typen erschwert zudem die Wartung.
Was für mehr ICE L spräche
Die Bahn braucht dringend zusätzliche und barrierefreie Fahrzeuge.
Ein komfortabler Zug für mittlere Geschwindigkeiten füllt eine echte Lücke.
Größere Serien eines Typs senken in der Regel die Stückkosten.
Ein einheitlicher Zug vereinfacht Ersatzteile und Ausbildung.
Mehr moderne Wagen könnten überfüllte Verbindungen entlasten.
Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet
Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.
Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.
Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.
Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.
Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.
So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
Die Bahn als Teil des Alltags
Für Millionen Menschen gehört die Bahn ganz selbstverständlich zum Tag dazu.
Sie bringt Pendler zur Arbeit, Schüler zur Schule und Familien zu Ausflügen.
Am Bahnsteig treffen sich für einen Moment die unterschiedlichsten Lebenswege.
Der eine liest, die andere telefoniert, ein Dritter döst vor sich hin.
So ist der Zug nicht nur ein Fahrzeug, sondern ein Stück gelebter Alltag.
Und genau das macht die Bahn zu einem so besonderen öffentlichen Ort.
Pro und Contra
Dafür
+ Der niederflurige, barrierefreie Einstieg ist ein spürbarer Komfortgewinn für alle.
+ Für Strecken ohne Hochgeschwindigkeit passt der ICE L gut.
+ Die Bahn braucht ohnehin dringend mehr moderne Fahrzeuge.
+ Größere Serien senken in der Regel die Stückkosten.
+ Ein einheitlicher Typ vereinfacht Wartung, Ersatzteile und Ausbildung.
+ Die lokbespannte Bauart erlaubt flexible Zuglängen und einfachen Wagentausch.
Dagegen
− Die vorgesehenen Lokomotiven fehlen noch, ersatzweise fahren langsamere Mietloks.
− Mit 230 Kilometern pro Stunde ist der Zug kein Hochgeschwindigkeitsfahrzeug.
− Neue Typen zeigen ihre Zuverlässigkeit erst nach einigen Betriebsjahren.
− Große Nachbestellungen binden Geld, bevor der Alltag bewertet ist.
− Eine zu bunte Fahrzeugflotte erschwert die Wartung.
− Ein lokbespannter Zug ist oft schwerer als ein moderner Triebzug.
Unterm Strich
Der ICE L trifft mit seinem niederflurigen Einstieg einen echten Bedarf.
Für viele Strecken ist er ein sinnvoller, komfortabler Zug.
Noch aber fehlen die passenden Lokomotiven, und der Alltag muss ihn erst bewähren.
Mehr Exemplare sind vernünftig, sobald Zuverlässigkeit und Technik stimmen.
Eine große Bestellung ins Blaue wäre dagegen voreilig.
Weiterfahrt
