Bahnhof Oberhof: Warum der Bahnhof inaktiv ist — mit Kosten-Nutzen-Analyse

Bahn-Slam · Ortstermin

„Nach Oberhof gelangen Sie ab Zella-Mehlis mit dem Bus.“

Bahnhof Oberhof: der schönste Bahnhof ohne Zug

→ Ein Weltcup-Ort mit einem prächtigen Bahnhof — vier Kilometer und zweihundert Höhenmeter neben dem Leben.

Lesezeit: 9 Minuten · Ortstermin · Das System Bahn

Worum es geht

Oberhof im Thüringer Wald ist einer der berühmtesten Wintersportorte Deutschlands — Schauplatz von Biathlon-Weltcups, im Fernsehen ein Millionenpublikum.

Doch sein Bahnhof ist ein Paradox: ein prächtiges, denkmalgeschütztes Empfangsgebäude, an dem seit Dezember 2017 kein einziger Personenzug mehr hält.

Der Grund liegt in der Geografie.

Der Bahnhof liegt rund 5 Kilometer vom Ort entfernt und 200 Höhenmeter tiefer, mitten im Wald.

Wer nach Oberhof will, steigt heute in Zella-Mehlis in den Bus.

Der Bahnhof Oberhof ist die Schönheit, an der die Züge vorbeifahren — ein Denkmal, das auf Fahrgäste wartet, die nicht mehr kommen.

Es gibt Bahnhöfe, die sind hässlich und werden trotzdem gebraucht.

Und es gibt den Bahnhof Oberhof: wunderschön, denkmalgeschützt, ein Schmuckstück im Wald — und praktisch nutzlos.

Er ist das Musterbeispiel für einen inaktiven Bahnhof.

Was das allgemein bedeutet, steht im Beitrag zu den inaktiven Bahnhöfen.

Hier schauen wir uns einen konkret an.

Das denkmalgeschützte Empfangsgebäude des Bahnhofs Oberhof. Foto: Störfix, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
Das denkmalgeschützte Empfangsgebäude des Bahnhofs Oberhof. Foto: Störfix, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Man sieht dem Gebäude an, dass hier einmal etwas los war.

Ein mehrgeschossiges Empfangsgebäude, Fachwerk, ein Uhrturm — gebaut für Reisende, die in Scharen kamen.

Heute ist es ein Denkmal für eine Idee, die nicht mehr aufgeht: dass die Bahn die Menschen dorthin bringt, wo sie hinwollen.

Eine Geschichte von über 130 Jahren

Angefangen hat alles 1883.

Westlich des Portals eines langen Tunnels, des Brandleitetunnels, entstand der Bahnhof.

Am 1. August 1884 erreichte die Eisenbahn Oberhof.

Der Ort am Rennsteig war plötzlich verbunden mit der Welt, ein Segen für Kurgäste und Wintersportler.

Historische Ansichtskarte: der Bahnhof Oberhof am Brandleitetunnel vor über hundert Jahren. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Historische Ansichtskarte: der Bahnhof Oberhof am Brandleitetunnel vor über hundert Jahren. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

1910 und 1911 wurde groß umgebaut, das mehrgeschossige Empfangsgebäude entstand.

1965 kam eine neue Schalterhalle dazu.

Der Bahnhof wuchs mit seiner Bedeutung.

1996 wurde er ins Denkmalbuch des Freistaats Thüringen eingetragen — offiziell schützenswert.

2003 baute man sogar die Bahnsteige neu, für Tempo 140.

2005 kam ein modernes elektronisches Stellwerk.

Das Bahnhofsschild „Oberhof (Thür)
Das Bahnhofsschild „Oberhof (Thür)“ mit dem Banner „125 Jahre Strecke“. Foto: Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Es sah also lange nicht nach Abschied aus.

Man investierte, man modernisierte.

Und doch war der Niedergang längst im Gang — nur eben nicht am Bahnhof, sondern in der Landkarte.

Warum kein Zug mehr hält

Der Grund ist so einfach wie unerbittlich: Der Bahnhof liegt am falschen Ort.

Oberhof, der Ort, liegt auf rund 800 Metern Höhe.

Der Bahnhof liegt auf 639 Metern, unten im Tal, gut fünf Kilometer entfernt.

Wer mit dem Zug ankam, war noch lange nicht in Oberhof.

Zweihundert Höhenmeter und eine Busfahrt trennten den Bahnsteig vom Ortskern.

Luftbild: Der Bahnhof Oberhof liegt einsam im Wald, weit vom Ort entfernt. Foto: Jener13, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Luftbild: Der Bahnhof Oberhof liegt einsam im Wald, weit vom Ort entfernt. Foto: Jener13, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Dieses Luftbild erzählt die ganze Geschichte auf einen Blick.

Der Bahnhof duckt sich einsam in den Wald, weit weg von allem.

Ein schöner Ort — nur eben keiner, an dem Menschen wohnen.

Kein Wunder, dass immer weniger einstiegen.

Zuletzt waren es nur noch rund 150 Ein- und Aussteiger pro Tag.

Für einen Halt auf einer schnellen Strecke ist das zu wenig.

Denn jeder Halt kostet die durchfahrenden Züge Zeit.

Ein Bahnhof, an dem eine Handvoll Menschen zusteigt, während hunderte im Zug warten, rechnet sich irgendwann nicht mehr.

Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2017 war Schluss.

Nach 132 Jahren hielt der letzte Personenzug.

Im Juni 2023 wurde die Zugangsstelle auch offiziell aufgegeben.

Der Bahnsteig heute: Die Strecke wird noch befahren, aber kein Zug hält mehr. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Bahnsteig heute: Die Strecke wird noch befahren, aber kein Zug hält mehr. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Gleise aber sind nicht tot.

Die Strecke Neudietendorf–Ritschenhausen wird weiter befahren, und der Bahnhof lebt als Betriebsbahnhof weiter — für die Technik, für den Tunnel, für den Betrieb.

Nur eben nicht für dich.

Der Bahnhof in Zahlen

639 m
Bahnhof
Ort: 800 m
5 km
zum Ortskern
200 m tiefer
1884
eröffnet
132 Jahre Betrieb
2017
letzter Halt
~150 Fahrgäste/Tag

2014 wurde das denkmalgeschützte Empfangsgebäude versteigert — Mindestgebot 25.000 Euro.

Heute ist Oberhof nur noch Betriebsbahnhof; Reisende fahren ab Zella-Mehlis mit dem Bus in den Ort.

Lohnt sich eine Reaktivierung? Eine Kosten-Nutzen-Rechnung

Nun die Frage, um die es wirklich geht: Sollte hier wieder ein Zug halten?

Rechnen wir ehrlich.

Auf der Habenseite steht viel.

Die Gleise sind da, die Bahnsteige wurden 2003 erneuert, das Stellwerk ist modern.

Physisch könnte ein Zug morgen wieder halten, ohne dass man viel bauen müsste.

Die reine Wiederinbetriebnahme eines Halts wäre also vergleichsweise billig — anders als bei Bahnhöfen, deren Gleise längst abgebaut sind.

Aber jetzt kommt die Sollseite, und sie ist hartnäckig.

Der Halt löst das eigentliche Problem nicht: die Entfernung.

Wer hier aussteigt, muss immer noch fünf Kilometer und zweihundert Höhenmeter nach Oberhof hinauf.

Das Empfangsgebäude mit Uhrturm und Fußgängerbrücke, vom Bahnsteig aus. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das Empfangsgebäude mit Uhrturm und Fußgängerbrücke, vom Bahnsteig aus. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das heißt: Auch mit reaktiviertem Bahnhof bräuchte es weiterhin einen Bus vom Bahnsteig hinauf in den Ort.

Genau diesen Bus gibt es schon heute — nur startet er in Zella-Mehlis.

Die Reaktivierung würde also vor allem den Umstiegspunkt verschieben, nicht die Umsteigerei abschaffen.

Der Gewinn für den Reisenden wäre klein, der Aufwand dauerhaft.

Und der Halt kostet ja weiter: Jeder haltende Zug verliert Zeit, jeder Halt will bedient und bezahlt werden.

Bei 150 potenziellen Fahrgästen ist das eine schwere Rechnung.

Die nüchterne Antwort lautet deshalb: Für die reine Anbindung Oberhofs lohnt sich der Bahnhof nicht.

Der Bus über Zella-Mehlis ist billiger und näher am Ort.

Das ist bitter für ein so schönes Gebäude — aber es ist die Wahrheit hinter der Romantik.

Was es kostet, ihn inaktiv zu halten

Bleibt die andere Seite der Medaille: Was kostet es, so einen Bahnhof einfach liegen zu lassen?

Die gute Nachricht zuerst: Die teure Technik — Gleise, Stellwerk — wird ohnehin gebraucht und unterhalten, weil die Strecke aktiv ist.

Der Betriebsbahnhof kostet also nicht extra, er ist Teil des Netzes.

Die schlechte Nachricht steht im Gebäude.

Ein denkmalgeschütztes Empfangsgebäude, das leer steht, verfällt — langsam, aber sicher.

Feuchtigkeit, Frost, zerbrochene Scheiben.

Die verlassene Schalterhalle im Inneren, leer und mit Graffiti. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Die verlassene Schalterhalle im Inneren, leer und mit Graffiti. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

So sieht es drinnen aus.

Wo früher Fahrkarten verkauft wurden, ist heute eine leere Halle mit Graffiti an den Wänden.

Jedes Jahr Leerstand macht die Rettung teurer.

Deshalb hat die Bahn das Gebäude schon 2014 verkauft — versteigert für ein Mindestgebot von 25.000 Euro.

Ein Bahnhof für den Preis eines Mittelklassewagens.

Das ist die eigentliche Rechnung der Inaktivität: nicht der laufende Betrieb, sondern der schleichende Verlust eines Denkmals.

Ein Stück Geschichte, das kaum noch jemand rettet, weil es zu abgelegen für eine neue Nutzung ist.

Das Weltcup-Paradox

Und hier wird die Sache fast absurd.

Denn Oberhof ist kein sterbendes Dorf, sondern ein Ort von Weltrang — im Winter.

Wenn hier die Biathleten schießen und laufen, schauen Millionen zu.

Zehntausende Fans reisen an, die Loipen sind Kult, der Ort ist im Fernsehen eine Marke.

Man sollte meinen, ein solcher Ort hätte einen Bahnhof, an dem die Züge kaum stillstehen.

Das Gegenteil ist der Fall: Der Weltcup-Ort hat einen Bahnhof, an dem gar nichts mehr hält.

Direkt neben dem Bahnhof beginnt der Brandleitetunnel. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Direkt neben dem Bahnhof beginnt der Brandleitetunnel. Foto: Giorno2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Direkt neben dem stillen Bahnsteig verschwindet die Strecke im Brandleitetunnel — Züge rauschen hindurch, unter Oberhof hindurch, ohne den Ort je zu berühren.

Zu den Großereignissen behilft man sich mit Bussen und Sonderverkehr über die umliegenden Bahnhöfe.

Es funktioniert, irgendwie.

Aber es ist das Eingeständnis, dass der eigene Bahnhof am falschen Fleck steht.

Was bleibt

Der Bahnhof Oberhof ist ein Denkmal im doppelten Sinn.

Ein geschütztes Gebäude — und ein Mahnmal dafür, dass man Bahnhöfe einst dorthin baute, wo die Schiene bequem verlief, nicht dorthin, wo die Menschen sind.

Seine Schönheit macht den Verlust nur sichtbarer.

Ein hässlicher Betonklotz an dieser Stelle würde niemanden rühren.

Dieses Gebäude schon.

Vielleicht ist das die ehrlichste Rolle, die ihm bleibt: nicht als Halt, sondern als Lehrstück.

Ein Bahnhof, der zeigt, dass es beim Verkehr nicht auf das schönste Gebäude ankommt, sondern auf die kürzeste Strecke zwischen dem Menschen und seinem Ziel.

Der Zug fährt weiter unter Oberhof hindurch.

Der Ort winkt von oben.

Und dazwischen steht ein prächtiges, leeres Haus und wartet auf einen Zug, der nicht mehr kommt.

Konkrete Zahlen: Lohnt sich eine Reaktivierung?

Reden wir Klartext, in Zahlen.

Vorweg die ehrliche Einordnung: Eine offizielle Kostenrechnung nur für Oberhof gibt es nicht.

Die folgenden Werte sind Größenordnungen aus vergleichbaren Projekten und den geltenden Förderregeln.

Die Rechnung in Zahlen

1–5 Mio €
Reaktivierung
grobe Schätzung
90 %
Förderung Bund
nur bei NKV > 1
mehrere 100
Fahrgäste/Tag nötig
2017 waren es ~150
~ 0 €
Status quo
kaum Zusatzkosten

Förderfähig ist eine Reaktivierung nur, wenn der Nutzen-Kosten-Faktor über 1 liegt. Bei ~150 Fahrgästen wird das schwer.

Ein Bedarfshalt senkt nicht die Baukosten, aber die Betriebskosten — der Zug hält nur, wenn wirklich jemand ein- oder aussteigt.

Der Bedarfshalt ist der eigentlich kluge Mittelweg für Oberhof.

Der Bahnsteig ist da, die Nachfrage ist gering und saisonal — genau die Lage, für die es diese Halte gibt.

Er nimmt den stärksten Einwand weg: dass jeder planmäßige Halt die durchfahrenden Züge Zeit kostet.

Bei Bedarf verliert der Zug nur dann Zeit, wenn ein Fahrgast ihn wirklich braucht.

Trotzdem bleibt das Grundproblem: Auch ein haltender Zug bringt niemanden nach Oberhof hinauf.

Die fünf Kilometer und zweihundert Höhenmeter überwindet weiter nur der Bus.

33 Fragen zum Bahnhof Oberhof

Alles, was man zu diesem Bahnhof fragen kann — zum Aufklappen.

Tippe auf eine Frage, dann erscheint die Antwort.

Lage & Grundlagen

Wo genau liegt der Bahnhof Oberhof?
Auf 639 Metern Höhe, unten im Tal an der Strecke Neudietendorf–Ritschenhausen (Kilometer 40,1) — rund 5 Kilometer südlich und etwa 200 Höhenmeter unterhalb des Ortes Oberhof, der auf 800 Metern liegt.
Warum liegt der Bahnhof so weit vom Ort entfernt?
Er wurde 1883/84 dort gebaut, wo die Schiene günstig durch den Thüringer Wald verlief — am Portal des Brandleitetunnels. Nicht dort, wo die Menschen wohnen, sondern dort, wo die Ingenieure am leichtesten bauen konnten.
Wie kommt man heute mit der Bahn nach Oberhof?
Mit dem Zug bis Zella-Mehlis, von dort mit dem Bus hinauf in den Ort. Ein Umstieg, den es auch mit reaktiviertem Bahnhof weiter bräuchte.
Fährt überhaupt noch ein Zug am Bahnhof vorbei?
Ja. Die Strecke ist aktiv, Züge fahren durch — sie halten nur seit Dezember 2017 nicht mehr. Der Bahnhof lebt als Betriebsbahnhof weiter.
Was ist ein Betriebsbahnhof?
Eine Bahnanlage, die für den Betrieb gebraucht wird — zum Kreuzen, Überholen, für Technik und Signale — aber keinen Halt für Reisende bietet.

Geschichte

Seit wann gibt es den Bahnhof?
Gebaut 1883, eröffnet am 1. August 1884. Damit war Oberhof über 130 Jahre lang ans Bahnnetz angebunden.
Wann war die Blütezeit des Bahnhofs?
Zur Zeit des Kur- und Wintersporttourismus. 1910/11 wurde groß umgebaut und das mehrgeschossige Empfangsgebäude errichtet, 1965 kam eine neue Schalterhalle dazu.
Steht der Bahnhof unter Denkmalschutz?
Ja. Am 18. März 1996 wurde er ins Denkmalbuch des Freistaats Thüringen eingetragen und ist damit offiziell schützenswert.
Wurde vor der Schließung noch investiert?
Ja, sogar erheblich: 2003 wurden die Bahnsteige für Tempo 140 neu gebaut, 2005 ging ein modernes elektronisches Stellwerk in Betrieb. Der Abschied kam trotz Modernisierung.
Wem gehört das Empfangsgebäude heute?
Seit 2014 nicht mehr der Bahn. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde versteigert — Mindestgebot 25.000 Euro, der Preis eines Mittelklassewagens.

Warum stillgelegt

Wann hielt der letzte Personenzug?
Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2017 — nach genau 132 Jahren Personenverkehr.
Wie viele Fahrgäste hatte der Bahnhof zuletzt?
Nur noch rund 150 Ein- und Aussteiger pro Tag. Für einen Halt auf einer schnellen Strecke ist das sehr wenig.
Warum wurde der Bahnhof geschlossen?
Zwei Gründe zusammen: zu wenige Fahrgäste und die große Entfernung zum Ort. Beides ließ sich nicht auflösen.
Wann wurde er offiziell aufgegeben?
Im Juni 2023 folgte das offizielle Betriebsende der Zugangsstelle. Seitdem ist er nur noch Betriebsbahnhof.
Sind 150 Fahrgäste am Tag viel oder wenig?
Wenig. Ein Halt kostet jeden durchfahrenden Zug Zeit. Wenn dafür nur eine Handvoll Menschen zusteigt, während hunderte im Zug warten, trägt sich der Halt nicht.

Reaktivierung: die Kosten

Was würde eine Reaktivierung ungefähr kosten?
Eine offizielle Zahl gibt es nicht. Da Gleise und Bahnsteige existieren, wäre ein reiner Verkehrshalt vergleichsweise günstig — grob im Bereich von ein bis wenigen Millionen Euro für Zugang, Barrierefreiheit und Sicherung. Eine ganze Streckenreaktivierung kostet dagegen zweistellige Millionen (z. B. Wrist–Kellinghusen rund 15 Millionen Euro).
Wer würde die Reaktivierung bezahlen?
Der Bund fördert Reaktivierungen über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz mit bis zu 90 Prozent der förderfähigen Kosten. Voraussetzung ist aber ein positiver Nutzen-Kosten-Faktor.
Was ist dieser Nutzen-Kosten-Faktor (NKV)?
Eine standardisierte Bewertung, die den Nutzen eines Projekts gegen seine Kosten stellt. Ab einem Wert von 1,0 gilt ein Projekt als förderfähig. Jeder Nutzenpunkt wird dabei mit 15,50 Euro bewertet.
Wer zahlt den laufenden Betrieb nach der Reaktivierung?
Das Land, das den Nahverkehr bestellt — und zwar dauerhaft, Jahr für Jahr. Das ist die eigentliche Hürde: nicht der einmalige Bau, sondern der ewige Betrieb.

Fahrgäste & Wirtschaftlichkeit

Wie viele Fahrgäste müssten fahren, damit es sich lohnt?
Für einen Nutzen-Kosten-Faktor über 1 bräuchte es realistisch mehrere Hundert Fahrgäste pro Tag — deutlich mehr als die rund 150 von 2017. Die genaue Schwelle hängt von den tatsächlichen Kosten ab.
Könnte der Wintersport genug Fahrgäste bringen?
In der Saison ja: Zu Weltcups reisen Zehntausende an. Aber ein Bahnhof wird das ganze Jahr betrieben, nicht nur an wenigen Wochenenden. Im Jahresschnitt zieht die schwache Nachfrage außerhalb der Saison alles nach unten.
Warum gelingt anderen Reaktivierungen, was Oberhof schwerfällt?
Erfolgreiche Projekte binden Orte an, an denen viele Menschen wohnen. Oberhof bindet einen Bahnhof an, an dem niemand wohnt — das ist der entscheidende Unterschied.

Der Bedarfshalt

Was ist ein Bedarfshalt?
Ein Halt, an dem der Zug nur stoppt, wenn wirklich jemand ein- oder aussteigen will. Aussteiger drücken einen Knopf im Zug, Einsteiger geben ein Signal am Bahnsteig. Sonst fährt der Zug durch.
Würde ein Bedarfshalt in Oberhof Sinn ergeben?
Ja, sogar gut. Bedarfshalte sind genau für Orte mit geringer oder saisonaler Nachfrage gedacht. Oberhof mit seinem Wintersport und den wenigen Fahrgästen ist ein Musterfall.
Wird es mit einem Bedarfshalt günstiger?
Beim Bau nicht — den Bahnsteig braucht man trotzdem. Aber im Betrieb: Der Zug verliert nur dann Zeit, wenn tatsächlich jemand ein- oder aussteigt. An leeren Tagen fährt er einfach durch.
Was ist der große Vorteil eines Bedarfshalts hier?
Er entkräftet den Haupteinwand gegen den Halt. Normalerweise kostet jeder Stopp die durchfahrenden Reisenden Zeit. Beim Bedarfshalt passiert das nur, wenn es sich lohnt.
Hat ein Bedarfshalt auch Nachteile?
Ein paar: etwas weniger Verlässlichkeit, man muss aktiv signalisieren, und für einen dichten Takt taugt er nicht. Für einen wenig genutzten Halt sind das kleine Preise.

Kosten der Inaktivität & Alternativen

Was kostet es, alles so zu lassen, wie es ist?
Für den Betrieb fast nichts extra. Gleise und Stellwerk werden ohnehin für die aktive Strecke unterhalten. Das Gebäude ist seit 2014 in Privatbesitz — sein Verfall belastet die Bahn nicht.
Warum passiert dann einfach nichts?
Weil Nichtstun billig ist. Es gibt keinen finanziellen Druck, etwas zu ändern. Genau deshalb bleibt der Bahnhof im Dornröschenschlaf: Er kostet niemanden genug, um zu handeln.
Was ist der eigentliche Verlust der Inaktivität?
Nicht Geld, sondern Substanz. Das denkmalgeschützte Empfangsgebäude verfällt langsam, und für eine neue Nutzung ist es zu abgelegen. Ein Stück Geschichte geht still verloren.
Was ist die realistische Alternative zur Reaktivierung?
Der bestehende Bus ab Zella-Mehlis. Er ist billiger als ein Dauerhalt und bringt die Reisenden näher an den Ortskern, als es der tief gelegene Bahnhof je könnte.
Was wäre die ehrlichste Lösung?
Wahrscheinlich eine Doppelstrategie: ein schneller, verlässlicher Bus oder Shuttle für die Anbindung — und eine neue Nutzung für das schöne Gebäude, damit das Denkmal nicht verfällt.
Wird der Bahnhof je wieder Reisende sehen?
Möglich wäre ein Bedarfshalt, etwa zu Großereignissen. Ein regulärer Vollhalt für alle Züge ist unwahrscheinlich, solange der Bahnhof bleibt, wo er ist: fünf Kilometer und zweihundert Höhenmeter neben dem Leben.

Weiterfahrt

Inaktive Bahnhöfe – das Phänomen im Überblick

Bahnhof ohne Halt – wenn der Zug durchfährt

Sanieren oder neu bauen? – wohin das Geld für die Schiene fließt

Wer ist zuständig? – wem ein leerer Bahnhof gehört

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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