Neigetechnik: Warum sich manche Züge in die Kurve legen

Ich verstehe nur Bahnhof · Das Wörterbuch · Begriff 080

„Dieser Zug fährt heute ohne Neigetechnik.“

Neigetechnik

→ Übersetzt: Der Zug legt sich in die Kurve. Wie ein Motorrad, nur vorsichtiger.

Lesezeit: 6 Minuten · Zug & Technik

Die 30-Sekunden-Antwort

Bei der Neigetechnik kippt der Wagenkasten in der Kurve nach innen. Dadurch spüren Reisende weniger Fliehkraft und der Zug darf schneller fahren. Auf kurvigen Strecken spart das viel Zeit, ohne dass Gleise umgebaut werden müssen. Die Technik ist allerdings aufwendig und teuer in der Wartung. Deshalb wurde sie in Deutschland vielerorts abgeschaltet.

Eine kurvige Strecke durch ein Mittelgebirge.

Ein normaler Zug muss in jeder Kurve abbremsen.

Nicht weil er umkippen würde, sondern weil es unbequem würde.

Es gibt Züge, die genau dort schneller fahren dürfen.

Sie legen sich in die Kurve wie ein Motorradfahrer.

Und trotzdem sieht man sie in Deutschland immer seltener.

Ein Zug fährt sichtbar geneigt durch eine Kurve in hügeliger Landschaft
Der Wagenkasten kippt nach innen. Das Gleis bleibt, wie es ist. Symbolbild, mit KI erstellt.

Warum ein Zug in der Kurve langsamer wird

Es liegt nicht an der Sicherheit, sondern am Komfort.

In der Kurve wirkt eine Fliehkraft nach außen.

Ein Teil davon wird durch die Überhöhung des Gleises ausgeglichen.

Die äußere Schiene liegt dabei höher als die innere.

Mehr Überhöhung geht aber nicht, weil langsame Güterzüge dieselbe Kurve nutzen.

Deshalb bleibt eine Restkraft, die Reisende spüren.

Und genau die begrenzt die zulässige Geschwindigkeit.

Was die Neigetechnik macht

Sie kippt den Wagenkasten zusätzlich nach innen.

Damit verschiebt sich die gefühlte Kraft nach unten.

Der Reisende sitzt gerade, obwohl der Zug schneller fährt.

Was das bringt

OHNE NEIGETECHNIK

Der Zug muss in jeder Kurve bremsen. Auf kurvigen Strecken kostet das viel Zeit.

MIT NEIGETECHNIK

Bis zu dreissig Prozent höhere Kurvengeschwindigkeit, ohne dass ein Gleis angefasst wird.

Auf einer kurvenreichen Strecke summiert sich das zu vielen Minuten Fahrzeit.

Der große Vorteil: Man braucht keine neue Strecke.

Ein Neubau kostet Milliarden und dauert Jahrzehnte.

Die Neigetechnik holt Zeit aus dem vorhandenen Netz.

Was passiert, wenn sie ausfällt, erklärt dieses Video.

Video: „Entgleist ein Zug, wenn in der Kurve die Neigetechnik ausfällt?“ vom Kanal Peterle Sky.

Warum sie trotzdem verschwindet

Jetzt die Auflösung vom Anfang.

Die Technik sitzt im Drehgestell und ist aufwendig.

Hydraulik oder Elektromotoren kippen den Wagenkasten aktiv.

Das bedeutet mehr bewegliche Teile, mehr Verschleiß, mehr Wartung.

Fällt sie aus, muss der Zug langsamer fahren.

Dann ist er später dran als ein normaler Zug, weil der Fahrplan die Neigung einrechnet.

Diese Rechnung ist vielen Betreibern zu teuer geworden.

„Dieser Zug verkehrt heute ohne Neigetechnik.“

→ Übersetzt: Wir kommen später an, als im Fahrplan steht.

Wo sie noch fährt

In Deutschland vor allem auf einzelnen Regionalstrecken.

Klassiker sind kurvige Verbindungen in Bayern, Thüringen und im Südwesten.

Im Ausland ist sie verbreiteter.

In Italien, Schweden und der Schweiz fährt sie regulär.

Dort ist die Topografie so, dass sich der Aufwand rechnet.

In Deutschland setzt man stattdessen auf Ausbau und Generalsanierung.

Was du davon merkst

Im Zug spürst du die Neigung kaum.

Genau das ist der Zweck.

Von außen sieht man es dagegen deutlich.

Manche Menschen reagieren empfindlich darauf und werden leicht reisekrank.

Das liegt daran, dass das Auge etwas anderes meldet als das Gleichgewichtsorgan.

Ein Blick aus dem Fenster nach vorn hilft dagegen meist.

Aktiv oder passiv

Es gibt zwei Bauarten mit sehr unterschiedlichem Aufwand.

Die passive Variante nutzt die Fliehkraft selbst.

Der Wagenkasten hängt so, dass er von allein leicht nach innen kippt.

Das ist einfach und wartungsarm, wirkt aber nur begrenzt.

Die aktive Variante kippt gesteuert, mit Sensoren und Antrieben.

Sie erreicht größere Neigungswinkel und damit mehr Tempo.

Genau sie ist die teure, die abgeschaltet wurde.

Woher der Zug weiß, dass eine Kurve kommt

Das ist der elegante Teil der Technik.

Sensoren im vordersten Drehgestell messen die beginnende Kurve.

Diese Information wird an alle folgenden Wagen weitergegeben.

Jeder kippt genau dann, wenn er selbst die Stelle erreicht.

Moderne Systeme kennen zusätzlich die Strecke aus einer Datenbank.

Dann beginnt die Neigung schon, bevor die Kurve überhaupt anfängt.

Warum sie oft abgeschaltet ist

Neigetechnik ist aufwendige Mechanik.

Sie braucht Sensoren, Hydraulik und viel Wartung.

Fällt ein Teil aus, wird sie abgeschaltet.

Der Zug fährt dann weiter, aber langsamer.

In Kurven verliert er dabei Zeit.

Auf kurvenreichen Strecken summiert sich das schnell.

Deshalb sind Verspätungen dort besonders häufig.

Manche Betreiber haben die Technik ganz aufgegeben.

Sie bauen lieber die Strecke geradliniger aus.

Das ist teurer, aber dauerhaft zuverlässiger.

Beides zusammen wäre die beste Lösung.

Aktive und passive Neigung

Es gibt zwei technische Wege, einen Wagenkasten zu neigen.

Die passive Neigung nutzt die Fliehkraft selbst. Der Wagenkasten hängt so, dass er sich in der Kurve von allein leicht legt.

Die aktive Neigung arbeitet mit Hydraulik oder Elektromotoren. Sensoren messen den Bogen und kippen den Kasten gezielt.

Aktive Systeme schaffen bis zu acht Grad und damit deutlich mehr Tempo.

Sie sind aber auch teuer, schwer und wartungsintensiv. Genau daran ist die Technik in Deutschland gescheitert.

Wo Neigetechnik heute noch fährt

Ganz verschwunden ist sie nicht.

In Deutschland fahren noch Neigezüge auf kurvenreichen Strecken in Bayern, Sachsen und Thüringen.

International ist sie weiter verbreitet. Italien, die Schweiz, Portugal und Tschechien setzen sie ein.

Auch in Skandinavien ist sie üblich, weil dort viele Strecken durch Fels und Wasser vorgegeben sind.

Die deutsche Alternative heißt Neubaustrecke. Statt den Zug zu neigen, wird die Kurve begradigt. Das ist besser, aber viel teurer.

Alle Fragen zum Thema

Warum wird ein Zug in der Kurve langsamer?

Wegen der Fliehkraft. Sie drückt Fahrgäste nach außen und belastet das Gleis. Für jede Kurve gibt es deshalb eine Höchstgeschwindigkeit.

Was macht die Neigetechnik?

Sie kippt den Wagenkasten in die Kurve hinein. Dadurch spüren Fahrgäste weniger Fliehkraft. Der Zug darf deshalb schneller durch dieselbe Kurve fahren.

Wie viel schneller wird er?

Je nach Strecke bis zu dreißig Prozent. Auf kurvenreichen Mittelgebirgsstrecken sind das schnell zwanzig Minuten Fahrzeit. Genau dafür wurde sie entwickelt.

Was ist eine Überhöhung?

Die äußere Schiene liegt in der Kurve höher als die innere. Das wirkt wie eine Steilkurve und gleicht einen Teil der Fliehkraft aus. Die Neigetechnik setzt noch einmal obendrauf.

Warum verschwindet die Technik wieder?

Weil sie teuer im Unterhalt ist und häufig ausfällt. Fällt sie aus, muss der Zug langsamer fahren und verliert seinen Fahrplanvorteil. Dann bricht der ganze Takt zusammen.

Merke ich als Fahrgast etwas davon?

Ja, der Wagen legt sich spürbar in die Kurve. Manche Menschen reagieren darauf mit Übelkeit. In Fahrtrichtung zu sitzen hilft dagegen.

Welche Züge in Deutschland haben Neigetechnik?

Vor allem Dieseltriebzüge der Baureihe 612 und einige ältere ICE-T-Fahrzeuge. Beim ICE-T wurde die Neigung zeitweise ganz abgeschaltet. Neue Fahrzeuge werden ohne sie beschafft.

Warum baut man nicht einfach geradere Strecken?

Weil das Milliarden kostet und Jahrzehnte dauert. Eine Neubaustrecke braucht Tunnel, Brücken und neue Trassen. Die Neigetechnik war der Versuch, ohne diesen Aufwand schneller zu werden.

Ist Neigetechnik gefährlich?

Nein, sie ist sicher. Die Grenzwerte für Fliehkraft und Gleisbelastung werden eingehalten. Das Problem war nie die Sicherheit, sondern die Zuverlässigkeit und der Preis.

Der Chefübersetzer sagt

„Ein Zug, der sich in die Kurve legt, ist eine elegante Lösung für ein altes Problem. Deutschland hat sich stattdessen für Baustellen entschieden.“

Das heißt für dich am Gleis

1. Wird die Neigetechnik abgeschaltet, wird die Fahrt länger. Der Fahrplan rechnet mit ihr.

2. Bei Reiseübelkeit nach vorn aus dem Fenster schauen. Das hilft mehr als geschlossene Augen.

3. Von außen sieht man die Neigung gut. Im Zug ist sie kaum zu spüren.

Weiterfahrt

Drehgestell – Begriff 074 im Wörterbuch

Generalsanierung – Begriff 020

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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